Tag der Deutschen Einheit Ein Land sucht sich selbst

Pirna (links) und Freiburg (rechts) - gleich schön und doch völlig unterschiedlich.

(Foto: imago stock&people)

27 Jahre nach der Einheit ist Deutschland gespalten. In Sachsen stimmte fast jeder Dritte für die AfD, rund um Freiburg wählten 21 Prozent die Grünen. Unterwegs in zwei Regionen, in denen viele Menschen ratlos sind.

Von Matthias Kolb, Freiburg, und Antonie Rietzschel, Pirna

Die gotische Kirche, das liebevoll restaurierte mittelalterliche Zentrum. Herausgeputzt. Bundesrepublikanische Idylle. Dahinter schiebt sich der Schlossberg ins Bild, von oben ein wunderbarer Blick auf den Fluss, ins Tal hinein, dahinter ein anderes Land. Die Berge nur wenige Kilometer entfernt, wunderbare Natur. Von Einheimischen und Touristen gleichermaßen geliebt. Die Bevölkerungszahl steigt. Die Mieten leider auch.

Das ist Freiburg. Das ist das Münster. Der Schwarzwald. Das Dreisamtal, Frankreich.

Und: Das ist Pirna. Das ist die Marienkirche. Die Sächsische Schweiz. Das Elbtal, Tschechien.

In Freiburg erhielten die Grünen bei der Bundestagswahl 21,2 Prozent der Zweitstimmen, das ist Rekord. In Pirna kam die AfD auf 34 Prozent. In keinem Wahlkreis holte die Partei bessere Ergebnisse. Warum trennt diese Städte so viel mehr als 700 Kilometer? Zwei Ortsbesuche.

Pirna: Ein Lokalpolitiker setzt auf die AfD

Die Ursachenforschung, warum die AfD gerade in Ostdeutschland so erfolgreich ist, begann noch am Wahlabend. Vom wütenden ostdeutschen Mann ist die Rede, von den Abgehängten und Frustrierten. Tim Lochner ist anders. Er hat ein ruhiges und überlegtes Gemüt. Der Tischlermeister gehört in Pirna zum Mittelstand und wohnt nicht im Plattenbau, sondern auf einem Dreiseitenhof. Es ist das Haus seiner Eltern, er hat es eigenhändig restauriert.

Lochner sitzt im Stadtrat, zuletzt hat er den Bau eines neuen Hortgebäudes unterstützt. Die vorige Wahl zum Oberbürgermeister konnte der 47-Jährige im Januar zwar nicht gewinnen, doch er erreichte aus dem Stand 32 Prozent. Acht Jahre lang war er CDU-Mitglied, war Mitglied im Stadtvorstand. Im Herbst 2016 trat er aus. Bei der Bundestagswahl gab er der AfD beide Stimmen. Aus Protest:

Lochner liebt Pirna. Für ihn kann die Stadt mit ihren 38 000 Einwohnern kaum noch schöner werden. Doch die Schönheit sieht er bedroht. Das Wort "Islamisierung" spricht er nicht aus, lieber erzählt er Anekdoten. Die Tochter einer Bekannten gehe beispielsweise in Berlin auf eine Schule, auf der es angeblich kaum noch deutsche Kinder gebe. Eines Tages habe sie zuhause erzählt, sie dürfe keinen kurzen Rock mehr anziehen.

In Sachsen gibt es nur wenige Migranten, ihr Anteil beträgt 3,9 Prozent. "Gesamtgesellschaftlich mag die Zahl stimmen, aber wenn man das auf einzelne Lebensbereiche herunter rechnet, sieht das anders aus", argumentiert Lochner. Im Kindergarten oder Sportverein zum Beispiel. Lochner war lange Präsident eines Fußballclubs und rechnet vor: "Sie haben plötzlich 180 junge Männer. Wenn sich zehn Prozent entscheiden, Fußball zu spielen, dann sind die gleich eine eigene Mannschaft - da brauchen Sie doch eine Obergrenze." Er ist dagegen, dass Flüchtlinge vom Mitgliedsbeitrag für die Sportvereine befreit werden.

Für Lochners Idealvorstellung von Deutschland müsste man die Zeit zwanzig Jahre zurückdrehen. In den Neunzigern habe er am Ende des Monats noch Geld übrig gehabt, sagt er. Keine Eurokrise, keine Flüchtlingskrise. Keine Diskussionen über Gender, ob es jetzt "Studierende" oder "Studenten" heißt. Jeder solle doch sagen dürfen, was er will. So sieht er das.

Hat schon Maler Canaletto inspiriert - das Pirnaer Rathaus.

(Foto: Sandra Sperling)

Lochners Lieblingsort in Pirna sind die Gassen, die zum Markt führen. Sie sind so angeordnet, dass der Betrachter immer nur einen Teil des Rathauses sieht. Erst wenn er auf dem Platz steht, fügt sich das Gebäude, das schon den Maler Canaletto inspirierte, als Ganzes zusammen. "Eine architektonische Meisterleistung", schwärmt Lochner. Müsse man gesehen haben. Spontan lädt er ganz Freiburg zu einem unpolitischen Spaziergang ein. Die Rolle des Stadtführers würde er übernehmen.

Freiburg: Die Grünen sind angekommen, zufrieden und etwas ratlos

Von Pirna am östlichen Rand Deutschlands nach Freiburg im Südwesten. Dort, im Wahlkreis 281, haben die Grünen bei der Bundestagswahl mehr Zweitstimmen erhalten als irgendwo sonst: 21,2 Prozent. Als grüne Hochburg gilt die Uni-Stadt mit ihren 222 000 Einwohnern spätestens seit 2002, als mit Dieter Salomon erstmals ein Vertreter der Ökopartei zum Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt gewählt wurde.

Sehnsuchtsort ist für viele der Stadtteil Vauban, der 1998 auf dem Gelände einer ehemaligen französischen Kaserne entstand. Autos werden hier nur geduldet: Sie dürfen entlang der Vauban-Allee fahren, die Nebenstraßen mit den Niedrigenergiehäusern sind tabu. Kurz sind die Wege in diesem Öko-Utopia, fast alle sind zu Fuß oder auf dem Fahrrad unterwegs. Der "Quartiersladen" wird als Kooperative geführt, und Aushänge werben für das Reparaturcafé oder suchen nach "Fahrrad (gern mit Kindersitz) für Flüchtlingsfamilie". Hier wünscht man sich für Deutschland eine offene Willkommenskultur, viele Bewohner sind in Helferkreisen aktiv, nur die "Refugees Welcome"-Sticker sind annähernd so oft zu sehen wie die "FCK AFD"-Sticker. Wer nachhaltig leben will, Ruhe und Weltoffenheit schätzt, für den ist Vauban ein Idyll.

Ella Müller kommt gerne hierher, auch wenn sie anderswo wohnt - wegen der Preise (eine Drei-Zimmer-Maisonette-Wohnung kostet 960 Euro Kaltmiete). Die 31-Jährige sitzt auf der Terrasse des Kulturhauses "Süden" und nennt Zahlen, die ihr als Kreischefin der Grünen sehr gefallen: 40,6 Prozent bekam die Partei in Vauban, es folgte die Linke mit 23,3 Prozent. CDU und AfD erhielten im "Stadtteil der Superlative" nur 8,6 bzw. 2,4 Prozent. Trotzdem beschäftigt Müller vor allem eins: der bundesweite Erfolg der AfD.

Ein Mord erschütterte Freiburg

"Es ist eine Zäsur, dass eine rechtsnationale Partei im Bundestag sitzt", sagt Müller. Bei der Ankündigung von Alexander Gauland, er wolle "die Regierung und Merkel jagen" sei es ihr "kalt den Rücken" hinunter gelaufen, berichtet die Historikerin. Seit dem Herbst 2016 waren die Freiburger Grünen besorgt, dass die AfD das Debattenklima verändern würde. Damals erschütterte der Tod von Maria L. die Idylle: Die Medizinstudentin war von ihrem Fahrrad gerissen, vergewaltigt und getötet worden. Der mutmaßliche Täter stammt aus Afghanistan und kam über Griechenland nach Freiburg, der Mordprozess läuft gerade.

Der Fall habe viele Frauen erschüttert, sagt Müller. "So etwas darf nicht sein, Frauen müssen sich sicher fühlen, das ist uns Grünen auch aus Gründen der Emanzipation wichtig." Dass der Mord und das Flüchtlingsthema im Freiburger Wahlkampf keine große Rolle spielten, lag ihrer Ansicht nach an der guten Reaktion des OB sowie an konkreten Maßnahmen: mehr Polizeipräsenz zum Beispiel. Und mehr Videoüberwachung. Sie sagt: "Man kann es auch so sehen: Die AfD konnte nicht Fuß fassen, obwohl das eingetreten ist, was alle befürchtet haben." Wegen der Rechtspopulisten sei der Umgang unter den anderen Parteien fairer und sachorientierter geworden: "Wir haben gesehen, dass uns die demokratische Grundüberzeugung eint."

"Emanzipation, mehr Rechte für Homosexuelle, bessere Bezahlung für Frauen - das ist nicht umkehrbar", sagt Ella Müller.

(Foto: Privat)

Eine Botschaft an die AfD-Wähler? Das fällt Ella Müller schwer. Sie könne den Frust der Bürger verstehen, wenn auf dem Land Krankenhäuser schließen: "Der Staat darf sich nicht so zurückziehen." Sie habe jedoch das Gefühl, dass soziale Fragen nicht die Hauptanliegen vieler AfD-Anhänger sind: Gerade den Männern gehe es vor allem um Protest. Müller ist skeptisch, dass mehr Gespräche viel bewirken können: "All die Entwicklungen, die viele dieser Männer verärgern und durch die sie sich abgehängt fühlen, sind Dinge, von denen ich und viele andere profitieren. Emanzipation, mehr Rechte für Homosexuelle, bessere Bezahlung für Frauen - das ist nicht umkehrbar."