Bundestag "Den ländlichen Raum" gibt es nicht

Damit ist Neu an einem Punkt, der ihr wichtig ist: "Einen homogenen ländlichen Raum gibt es nicht. Wir haben in Deutschland viele unterschiedliche Kulturen und Regionen", sagt sie, "das ist einerseits schön - aber auch eine Herausforderung für die Politik." Denn jede Region habe ihre eigenen Bedürfnisse und Vorstellungen. Bedürfnisse und Vorstellungen, die in ihrer Vielfalt erst einmal in den politischen Prozess Eingang finden müssen. Neu berät die Bundesregierung in diesen Fragen, sie ist stellvertretende Vorsitzende des "Sachverständigenrates Ländliche Entwicklung".

"In den goldenen Zeiten des Wohlfahrtsstaates war es kein Problem, Infrastruktur in die Fläche zu bringen", sagt Neu. "Da war genug Geld für alle da." Zudem ließen sich damals noch allgemeingültige Ziele formulieren: "Zum Beispiel, dass die Landbevölkerung einen ebenso guten Zugang zu Bildung bekommt wie die Stadtbevölkerung." Bis in die 1980er Jahre galt der Soziologin zufolge: jede Kleinstadt ein Krankenhaus, ein Gymnasium, eine Sparkasse. Doch das gelte heute nicht mehr. "In Zeiten leerer öffentlicher Kassen und des demografischen Wandels wird der Erhalt der Infrastruktur zunehmend allein unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten bewertet." Da würden Schulen geschlossen, Krankenhäuser und Kirchengemeinden zusammengelegt, Gebäude rückgebaut. "Das trifft viele Gemeinden hart."

"Heimat ist ein rückwärtsgewandter Begriff"

Einige Dörfer haben Glück: Sie liegen in der Nähe großer Städte, die über ausreichend Arbeitsplätze und gute Infrastrukturen wie den öffentlichen Nahverkehr verfügen. Die Menschen bleiben oder ziehen sogar zu. "Außerdem findet man in Deutschland viele Weltmarktführer auch im zutiefst ländlichen Raum", sagt Neu. "Sogar dort müssen wir aber von den drei großen D sprechen", sagt Neu: "Demografie, Daseinsvorsorge, Digitalisierung."

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Herausforderungen, die unter anderem der neue "Heimatminister" in Berlin angehen soll. Eine Bezeichnung, der Neu skeptisch gegenübersteht: "Heimat ist ein politisch riskanter Begriff, der im schlimmsten Fall rechte Homogenitätsphantasien bedient." Dabei seien Offenheit und Bereitschaft zur Veränderung die einzige Chance für abgehängte Regionen.

Offenheit - und Aktivität. "Wir brauchen neue Formen der Partizipation", sagt Neu. Im ersten Schritt müsse die Politik die Verwaltungsstruktur auf dem Land überdenken: "Ja, wir haben gerade eine günstige, schlanke Verwaltung mit wenigen Mitarbeitern - aber damit auch wenig Möglichkeiten für die Menschen, mit funktionierenden Strukturen unserer Demokratie in Kontakt zu kommen", sagt sie. Staat und Verwaltungshandeln müssten erfahrbar bleiben.

Politik braucht soziale Orte

Und dazu: Orte, an denen sie über Politik ins Gespräch kommen können. "Es gibt häufig auf Dörfern keine Schule mehr, keinen Lebensmittelladen, keinen Gottesdienst und somit immer weniger Möglichkeit, sich im täglichen Leben auszutauschen", sagt sie. Eine zentrale Gemeinderatssitzung allein könne das nicht ersetzen: "Das ist für viele Menschen eine zu große Hürde." Es brauche auch weiterhin soziale Orte, an denen Menschen sich im öffentlichen Raum begegnen können.

Nur so könne Zusammenhalt entstehen, sagt die Soziologin. Das sei ja auch so ein beliebtes politisches Schlagwort: "Die AfD gestaltet es im Moment so: Wir sind das Volk - und die anderen gehören nicht dazu." Um dem etwas entgegenzusetzen, müsse man erkennen: "Zusammenhalt kann man nicht von oben verordnen." Den müsse man demokratisch gestalten und gemeinsam schaffen. In reichen Regionen, armen Regionen, auf dem Land und in der Stadt.

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