Sauereien, Verbalinjurien und vier Jahre Krieg: Bei der ersten Sitzung des Bundestages sorgt das miese Ergebnis für den SPD-Kandidaten Thierse für Aufruhr.
Volker Kauder kann von Glück sagen, dass er nicht gleich in der konstituierenden Sitzung des 17. Deutschen Bundestages eine Tracht Prügel kassiert. Denn um kurz nach 15 Uhr, als die stellvertretenden Präsidenten des Deutschen Bundestages gewählt sind, reagieren viele sozialdemokratische Abgeordnete erbost auf das schlechte Ergebnis ihres Kandidaten Wolfgang Thierse, das schlechteste aller Stellvertreter. Obgleich es eine geheime Wahl gewesen ist, liegt es nahe, dass viele Unions-Abgeordnete Thierse nicht gewählt haben. Das Verhältnis ist seit Jahren gespannt.
Bundestagspräsident Norbert Lammert, dritter von rechts, und seine Stellvertreter, Gerda Hasselfeldt (CSU), Hermann Otto Solms (FDP), Petra Pau (Die Linke), Katrin Göring-Eckardt, (Bündnis 90/Die Grünen) und Wolfgang Thierse (SPD), von links. (© Foto: AP)
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Fraktionschef Kauder gratuliert Thierse, macht eine entschuldigende Geste und entkommt dann gerade noch dem SPD-Parlamentarier Sascha Raabe, der ihm heftig gestikulierend einige Verbalinjurien zuteilwerden lässt, die Raabe später in der Lobby bereitwillig wiederholt: Es sei eine Sauerei, dass mit Hilfe der Union ein verdienter Politiker wie Thierse sogar weniger Stimmen erhalten habe als Petra Pau von der Linken. "Die Union macht jetzt einen auf dicke Hose. Aber wenn das so weiter geht, bedeutet das vier Jahre Krieg."
Tatsächlich erscheint das mutmaßliche Verhalten vieler Abgeordneter von CDU und CSU eher schäbig, nachdem ihr Kandidat, Bundestagspräsident Norbert Lammert, mit 522 Stimmen zwar weniger bekommen hat als 2005, aber offensichtlich auch von vielen Sozialdemokraten gewählt wurde. Aber bei Raabe und manchem SPD-Kollegen entlädt sich vielleicht auch der Frust über das eigene kümmerliche Dasein: Klein ist sie geworden, die SPD-Fraktion. Dagegen haben am anderen Ende des Saales die Freidemokraten erhebliche Raumgewinne zu verzeichnen, zudem viele junge Abgeordnete, wovon in der SPD keine Rede sein kann. Einer der stolzen Liberalen sagt später: "Man hat gesehen, dass es jetzt mit der Union noch eine große Fraktion gibt, mit FDP und SPD zwei mittlere und mit Grünen und Linken zwei kleine." Und so ganz Unrecht hat er damit nicht.
Man hat aber auch gesehen, was man eigentlich nicht mehr sehen will. Passend zur neuen schwarz-gelben Koalition fügt es der Zufall, dass mit dem 73-jährigen Heinz Riesenhuber ein ehemaliges Mitglied der alten schwarz-gelben Regierung von Helmut Kohl den Alterspräsidenten stellt. Riesenhuber war damals Forschungsminister, aber bekannt geworden ist er allenfalls durch seine Fliegen. Seine Rede beginnt noch ganz amüsant, mit zunehmender Dauer allerdings extemporiert Riesenhuber, ersichtlich angespornt von einzelnen Lachern, und macht seinen mutmaßlich letzten zu einem eher peinlichen Auftritt, von dem vor allem seine Reminiszenz an die toten Fische in Erinnerung bleiben wird, die vor 30 Jahren mit weißen Bäuchen nach oben im Main vorbeischwammen.
Billige Schelte der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender
Nach seiner Wahl übernimmt dann wieder Norbert Lammert den Vorsitz im Hohen Haus und fügt einer eher billigen Schelte der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender einige durchaus bedenkenswerte Anregungen über das Selbstverständnis des Parlaments hinzu. Lammert kritisiert indirekt das Bundesverfassungsgericht wegen seines Urteils zum EU-Gesetz, lässt aber gleichwohl durchblicken, dass es nicht so weit hätte kommen müssen, wenn das Parlament zuvor seine Aufgabe gründlicher erledigt hätte.
Lammert kritisiert in deutlichen Worten die bisweilen unzureichenden und ärgerlichen Antworten der Regierung auf die Fragen des Parlaments. Allerdings bemängelt er auch überbordenden Ehrgeiz der Abgeordneten: "Nicht jede Frage ist wichtig." Die Möglichkeit, Reden im Bundestag nicht mehr zu halten, sondern nur noch zu Protokoll zu geben, wird nach Lammerts Ansicht mittlerweile unverhältnismäßig oft genutzt. Von rund 15.500 Reden seien in der letzten Legislaturperiode 4429 gar nicht gehalten worden, mehr als jede vierte.
Da wegen des Karlsruher Urteils zu den Überhangmandaten ohnehin das Wahlrecht überarbeitet werden müsse, mahnt Lammert Korrekturen auch beim Zulassungsverfahren für die Parteien an und plädiert für eine Diskussion über die Verlängerung der Legislaturperiode von vier auf fünf Jahre. Schließlich bekommt noch Karl-Theodor zu Guttenberg sein Fett weg, als Lammert mahnt, der Eindruck, nicht das Parlament, sondern Anwaltskanzleien machten die Gesetze, stärke die Autorität des Bundestages nicht. Guttenberg nickt und die SPD klatscht. Sie muss sich jetzt eben mit kleinen Freuden begnügen.
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(SZ vom 28.10.2009/segi)
Kapitalabzug aus Südeuropa
Ich geb Ihnen in allen Punkten recht, kein Problem, nur, das Modell der gerechten Politik mit einer florierenden Wirtschaft funktioniert z.B. in Schweden hervorragende seit Jahrzehnten. Selbst die Konservativen trauen sich nicht, die errungenen und erschwitzten sozialen Werke zu verkleinern. Es herrscht absoluter Burgfrieden.
Das Grundproblem hier in Deutschland ist diese Ämtergier durch alle Parteien durch. Welcher der Politiker können Sie persönlich benennen, der sich für sein Wahlvolk/kreis einsetzt? Dazu kommt noch dieser verherende Neoliberalismus, der aus dem bühenden Deutschland der 60er, 70er und 80er Jahre eine Wüste gemacht hat. Ich sage es gerne gebetsmühlenartig wieder und wieder: Es muss ein Mindestlohn von 12 kommen, um sowohl die Wirtschaft, wie auch den Konsum, wieder massiv anzustossen. Deutschland ist und bleibt kein Billiglohnland. Der Preis für Löhne um 4,50 sind für das BIP einfach zu hoch. Das ist eine Milchbüchleinrechnung und erhöht die Anzahl der Hartz 4 Empfänger. Somit zahlen wir das wieder über die Steuern.
Dann sind da noch die Unternehmen, welche so tiefe Löhne zahlen, dass ein Grossteil der Belegschaft für Zusatzleistungen zum Sozialamt pilgern muss. Der Gewinn des Unternehmens wird dann per Dividende verpulvert... Das kann und wird nicht gut gehen.
Die letzten 50 Jahre haben wir an unseren Schulen das Individuum gestärkt und gefördert. Das hat dazu geführt, dass das bisschen Gemeinschaftssinn, welches wir noch hatten, total verkümmert ist. Wir sind nur noch auf uns selbst reduziert und zahlen aber auch heftig drauf. Der Egoismus zieht sich durch alle Schichten und selbst im Privaten können wir kaum noch zusammen leben (Scheidungsrate/ Singleanteil).
Wir haben schmerzlich zu lernen, was es heisst, in einer Solidargemeinschaft zu leben und zu sterben! Eigenartigerweise brauchen wir Gesetzte, welche unser Zusammenleben regulieren. Das allein ist ja schon pervers und wenn wir dann noch die Zahl der Streitereien unter Nachbarn vor Gericht sehen, dann sollten wir uns beschämt abwenden! Es nützt nichts, wenn man "Christlich" im Namen trägt und sich dabei jenseits jeglicher christlicher Werte und Grundsätze bewegt und handelt! Abgesehen sind Anstand, Moral und Ethik nicht reine christliche Grundsätze, sondern Urinstinkte der menschlichen Gesellschaft und dies ist für mich persönlich die Richtschnur.
@Peter27:
Demnach wäre in den 50er und 60er Jahren also keine soziale Sicherheit vorhanden gewesen?
Ich glaube es ist einfach eine Frage, welches Gesellschaftsmodell man bevorzugt. Steht man eher auf Marx oder auf Smith, bevorzugt man Adorno oder Mises. Will man Freiheit oder Gleichheit...
"Die linken Parteien müssten eigentlich seit über 100 Jahren mit 70-80% der Stimmen regieren..."
Immer diese doofen anderen die doch alles so falsch machen!
"Soziale Sicherheit garantieren (plus/minus) eigentlich nur links orientierte Parteien. So einfach kann Politik sein."
So einfach ist sie eben nicht. Soziale Sicherheit ist das Eine. Wirtschaftliche Vernuft das Andere. Was nützt es, wenn ich fleissig Geschenke verteile, aber niemand diese Geschenke auch erwirtschaften kann oder will. Menschen sind nun mal in der Regel so dass sie möglichst einfach durchs Leben kommen wollen. Wird nicht gefordert, dann funktioniert es nicht. Warum sonst gibt es Gesetze und Regeln, wenn doch alle so vernünftig wären, das zu tun, was für die Gesellschaft gut und richtig ist. Jeder such den für sich selbst größten Vorteil mit dem geringst möglichen Aufwand zu erreichen. Dieses Verhalten ist unabhängig vom System. Es gibt aber Systeme in denen mehr Leistung belohnt wird und Systeme in denen die Leistung weniger zählt. Ich bin nicht der Meinung, dass es derzeit gerecht zuginge in Deutschland. Dennoch ist mir eine wirtschaftsorientierte Politik lieber, als eine rein sozial orientierte Politik. Schauen Sie sich die Bundesländer an. Bayern ist das einzige Land welches es von einem Nehmer- zu einem Geberland geschafft hat. Hessen ist nach Jahren der SPD-Regierung unter der CDU wirtschaftlich aufgeblüht. Das Münsterland in Nordrhein-Westfalen hat es als eher CDU-dominierte Region besser geschafft den Niedergang der Kohleindustrie in NRW zu verkraften, als die SPD-dominierten städtischen Regionen direkt im Ruhrgebiet.
Was ist also sozialer? Schaffung von Arbeitsplätzen oder das Verteilen an Leute, die einfach keine Arbeit mehr bekommen...? Dass letztere aufgefangen werden müssen ist keine Frage, die Frage ist nur, wie viele aufzufangen sind. Und da trauen eben viele der Arbeiter und Angestellten der CDU und FDP mehr zu als den LINKEN und der SPD.
Aber da Sie ja an anderer Stelle auch schon mal die "dummen Franken" beschimpft haben, ob deren Wahlverhaltens, verwundert es nicht, dass Sie dies auch auf ganz Deutschland übertragen.
Ich bin da ganz anderer Ansicht. In den nächsten 2 Jahren wird die CDU-FDP-Koalition selbst dafür sorgen, dass in der Republik ein deutlicher Linksrutsch passiert.
Es ist sowieso eigenartig, dass in einem Land welches aus 85% Arbeitnehmern und Mietern besteht, die CDU über 15% Wähleranteil kommt. Wie kommt ein Arbeitnehmer überhaupt dazu Schwarz zu wählen. Da muss man schon masochistische Züge haben! Die linken Parteien müssten eigentlich seit über 100 Jahren mit 70-80% der Stimmen regieren...
Soziale Sicherheit garantieren (plus/minus) eigentlich nur links orientierte Parteien. So einfach kann Politik sein.
Jedes Land hat die Regierung, die es verdient!
@firdalion:
Also sind halbwegs normale Menschen nicht an unserer Demokratie interessiert und schauen sich lieber Seifenopern an? Das erklärt so einiges...
@Peter27, Sie sollten sich als Wahrsager betätigen. Mit der Realität werden Ihre Voraussagen wenig zu tun haben!
Die Zusammenarbeit zwischen Sozialdemokraten und Sozialisten hat in Deutschland noch nie funktioniert, ja noch nicht einmal je stattgefunden. Es war immer ein Gegeneinander statt ein Miteinander. Ein Blick in die Geschichtsbücher reicht.
Und wie sich die LINKE positioniert ist im Grunde gleich. Wenn sie doch die besseren Sozialdemokraten sind, warum nennen Sie sich dann nicht so? Die Wähler der Linken bleiben ja im Grunde Sozialdemokraten. Das heisst also dass durch die Aufspaltung der Sozialdemokratie diese mit Nichten gestärkt wird, sondern wie man derzeit ja klar sehen kann geschwächt. Sie reibt sich auf im Kampf zwischen bürgerlichen Parteien und Linken. Die LINKE kann maximal ein Weckruf für die SPD gewesen sein.
Aber nochmal, die SPD ist zu Schröder-Zeiten nicht umsonst in die Mitte gerückt. Es gab in Deutschland noch nie eine sozialdemokratische Mehrheit. Gemeinsam mit den Liberalen oder den Grünen. Einzig in den 60er und 70er Jahren kam die SPD mal über die 40 %. Also musste man sich nachdem die FDP sich klar zur CDU bekannte entscheiden. Dauerhafte Opposition oder ein Stück hin zur Mitte, um in die Regierungsverantwortung zu kommen. Die Stimmen jetzt auch noch auf 2 Parteien aufzuteilen, die angeblich ja doch beide Sozialdemokraten sind, das ist schlichtweg Unfug. Entweder ist dann die LINKE überflüssig, wenn die SPD sich wieder nach links wendet, oder die SPD ist überflüssig, wenn die LINKE tatsächlich die bessere Sozialdemokratie darstellt. Oder ist die LINKE am Ende doch gar nicht so sozialdemokratisch wie sie sich gibt und es braucht die Unterscheidung tatsächlich??
Fakt bleibt, die Aufspaltung der Linken in Deutschland hat der Linken bisher immer geschadet und sie wird es auch weiter tun!
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