Gleich neben der Europa-Universität entsteigt die kleine Delegation dem Wagen, es ist gerade noch Zeit für einen kurzen Sprung runter an die Oder. Thymian Bussemer zündet sich eine Zigarette an, setzt sich seine schicke Sechziger-Jahre-Sonnenbrille auf und sagt: "Is doch echt suuper hier."

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Die Lesung findet statt im Oderturm, einem riesigen Bau, dessen Shoppingmall im Erdgeschoss unter anderem besteht aus: einem Schnäppchenparadies, einem Strumpfgeschäft, einer Niederlassung des Blutspendezentrums Frankfurt/Oder, an dessen Fassade alle Hinweisschilder zweisprachig beschriftet sind: Centrum Krwiodawstwa. Wo Frankfurt ist, ist fast schon Polen.

In der Buchhandlung Ulrich von Hutten hat sie ihr Publikum bereits gefangen, lange bevor sie dazu kommt, den Satz mit dem Tempo der Veränderungen vorzulesen. Sie erzählt von den Erfahrungen, die sie gemacht hat mit "der Vermittlung von Botschaften in der Öffentlichkeit". Kritik an den Medien ist ein Teil ihres Wahlkampfs, wie er immer Teil des Wahlkampfs von Politikern ist, die schwer kämpfen müssen, um ans Ziel zu kommen, und die verletzt worden sind auf ihrem Weg.

Dass es nicht nur die Medien waren, die ihre Warnung vor sozialen Unruhen als eine Art Panikmache verstanden haben, sondern auch und gerade einige der wichtigen Männer in der eigenen Partei, diese Differenzierung verliert sich vor Publikum. Wer auf die Medien schimpft, trifft immer die Empfindungen seiner Zuhörer. "Die schreiben eh, was sie wollen", murmelt einer in der zweiten Reihe, der ein paar zu spät Gekommenen die Sicht versperrt, weil er sich beharrlich weigert, seinen Cordhut abzunehmen. "Immer schreiben die Sachen, die nicht stimmen."

Gesine Schwan redet frei, sie spielt mit dem, was sich bietet, man konnte das überall erleben, wo sie aufgetreten ist. Als sie in Bremen im Großen Saal der Bürgerschaft über Weltoffenheit sprach, klingelte im Publikum ein Handy, da schaute sie kurz auf ihre Handtasche und sagte: "Hoffentlich ist das nicht meins."

In Frankfurt begrüßt sie ihre ehemalige Uni-Sekretärin, die im Publikum sitzt; sie hält keine Rede, sie erzählt Geschichten, in denen es um ein besseres Leben geht, um die Krise der Gesellschaft, die nicht eine Krise der Banken ist, sondern eine des Umgangs miteinander. Sie ist eine gute Rednerin, viel besser als Köhler. Sie predigt im weitesten Sinne: Entschleunigung. Entschleunigung ist ein zeitgemäßes Schlüsselwort. Wenn man ihr zuhört und sieht, wie die Menschen in Frankfurt ihr lauschen, kann man sich vorstellen, wie tief ihre Überzeugung sein muss, es besser zu können als der, den sie immer Amtsinhaber nennt.

Gesine Schwan liest die Passage aus ihrem Buch: "Das Tempo der Veränderungen, denen wir alle unterliegen, kann ein Gefühl der Ohnmacht erzeugen, den Eindruck, man sei ein Getriebener." Der Satz ist verwandt mit Sätzen, die sie bei der Herfahrt gesagt hat: "Überall-bei den Ärzten, in der Wissenschaft-bestimmt der Wettbewerb die geistige Haltung und engt das Gesichtsfeld ein." Im Frühstücksfernsehen hatte sie gesagt, das entfesselte Konkurrenzsystem sei verantwortlich für viele Probleme: "Jeder guckt: Wie mache ich es, dass ich der Erste bin?"

Die gesammelten Sätze eines Tages stehen im schwer auflösbaren Widerspruch zu der Frau, die sie sagt. Das ist ein Grundproblem ihrer Kandidatur: Dass da eine angetreten ist, die den Wettbewerb verurteilt und ihn selbst mit Macht betreibt. Dass da eine Politikerin mehr in eigenem Auftrag unterwegs ist als in dem ihrer Partei. Dass eine Kandidatin durchs Land reist, sich mit jedem Wahlmann trifft und Bürger anspricht, die sie nicht mal wählen können. Weil sie sich die eine Frage stellt: Wie mache ich es, dass ich Erste werde?

Bei ihrer ersten Kandidatur schien Gesine Schwan mehr bei sich und ihren Überzeugungen gewesen zu sein. Sie sagt: "Damals war nicht wirklich die Sorge auf der Seite der anderen da, dass ich gewinnen könnte. Das Stimmenverhältnis war damals 581 zu 622, diesmal ist es weit knapper."

Vielleicht war sie beliebter damals, soll das heißen: Diesmal sei sie chancenreicher. Es könnte in der Bundesversammlung enger werden, als man denkt, aber wenn die Wahlleute von CDU/CSU und FDP sowie der Freien Wähler für Köhler stimmen, wird der Amtsinhaber nicht zu schlagen sein. Gesine Schwan ist Außenseiterin. Aber sie sagt: Die Wahl ist offen.

Nach der Lesung signiert sie ihre Bücher. Schnell bildet sich eine Schlange, fünfzig Leute, einige haben ältere Schwan-Werke dabei und wuchten sie auf den Signiertisch. Sie sagen ihren Namen, dann schreibt Gesine Schwan den Namen in das Buch. Eine Frau legt ein Buch hin, "schreiben Sie: für Marina", sagt sie. Gesine Schwan schreibt "für Marina" und singt dabei "Marina, Marina, Marina", das ist ein alter deutscher Schlager.

"Dass Sie auch noch singen können!", sagt Marina. Gesine Schwan lächelt und pustet auf das Autogramm, damit es schneller trocknet und nicht verwischt.

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  1. Angespannt zur Schlacht ums Schloss
  2. "Die Krise kann eine Wendung zum Besseren bringen"
  3. Sie lesen jetzt Damals war sie beliebter, diesmal ist sie chancenreicher
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(SZ vom 18.05.2009/jab)