Bundespräsident zum Völkermord Joachim Gauck - Apotheker der Nation

Die Bundesregierung will sich um die historische Wahrheit herumstehlen. Bundespräsident Gauck findet dagegen klare Worte für den Völkermord an den Armeniern. Die Annäherung an die NS-Verbrechen wäre jedoch verzichtbar gewesen.

Kommentar von Constanze von Bullion

Ohne Wahrheit keine Befreiung von Schuld - das ist ein Leitmotiv, das den Bürger Joachim Gauck aus einem Rostocker Plattenbau ins höchste Amt der Bundesrepublik geführt hat. Nur demjenigen, der die eigene Vergangenheit kennt und der den Mut hat, eigenes Versagen zu benennen, öffnet sich die Tür in die Zukunft, heißt die Botschaft. Gauck hat sie sich in den Jahren der DDR-Aufarbeitung zu eigen gemacht - und an diesem Donnerstag in einem Gedenkgottesdienst zum Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren vorgetragen.

Dass es ihn gab, den Völkermord, und dass es Zeit wird, ihn auch so zu nennen, daran hat der Bundespräsident keinen Zweifel gelassen.

Nun versteht es sich fast von selbst, dass dieser Bundespräsident sich nicht wegducken kann bei einem Thema wie diesem. Gauck hat sich ja stets als eine Art Apotheker der Nation verstanden, also als einen, der auch mal bittere Medizin aushändigt, wenn sie denn der Heilung dient. Und wenn er in seiner Rede daran erinnerte, dass Hunderttausende Armenier 1915 im zerfallenden Osmanischen Reich ausgeplündert, lebendig verbrannt oder zu Tode gehetzt wurden, also der "planvollen Vernichtung eines Volkes" zum Opfer fielen, wie Gauck das nennt, will der Bundespräsident nicht nur erinnern, sondern auch der türkischen Staatsspitze auf die Sprünge helfen. Sie schafft es bis heute nicht, Völkermord zu nennen, was die Wissenschaft längst als Völkermord identifiziert hat.

Entscheidend ist, was im Kopf der Täter passiert

Was ist ein Völkermord? Entscheidend ist nicht die Zahl der Opfer, sondern die Absicht der Täter. Doch die ist schwer zu beweisen - nicht nur bei den Massakern an Armeniern während des Ersten Weltkriegs. Von Ronen Steinke mehr ... Analyse

Gauck betreibt keine Realpolitik - das tut gut

Zur Gruppe derer, die sich um die historische Wahrheit herumstehlen will, gehört leider auch die Bundesregierung. Allen voran hat Außenminister Frank-Walter Steinmeier vorgeführt, wie aufrichtiges Gedenken nicht geht - und auch keine überzeugende Außenpolitik. Erst hätte es sein Haus lieber gesehen, dass das Wort Völkermord nicht in einem Antrag der Koalitionsparteien im Bundestag stehen würde. Die Parlamentarier aber schrieben es doch hinein - genau in der Formulierung, die auch der Bundespräsident gewählt hat. Die Bundesregierung will es sich mit der Türkei nicht verderben, klar, die gebraucht wird, etwa im Kampf gegen die Miliz Islamischer Staat. Diese Art der Realpolitik aber wirkt schlicht gleichgültig.

In Ankara dürfte man sich ins Fäustchen lachen über die peinlichen Manöver der Deutschen. Auch die Kanzlerin hat bei diesem Thema nicht wirklich geführt. Für eine eigene Haltung warb sie nicht, referierte stattdessen die Position der Türkei: Demnach gab es keinen Völkermord an den Armeniern, weil der Fachterminus "Genozid" erst 1948 in eine UN-Konvention aufgenommen wurde. Das Argument allerdings führt in die Irre. Der Völkermord an den Armeniern mag nach UN-Kriterien nicht justiziabel gewesen sein, weil der Rechtsbegriff 1915 noch nicht existierte. Aber was ändert das an der Tatsache eines Völkermords? Nichts.

Wie bewerten Sie Gaucks Rede zum Völkermord an den Armeniern?

Während sich die Bundesregierung um die historische Wahrheit herumstehlen will, findet Bundespräsident Gauck klare Worte für den Völkermord an den Armeniern. Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum

Der Bundespräsident hat früh signalisiert, dass er sich zur Kunst des Weglassens nicht berufen fühlt. Das hat die Debatte vorangebracht und ist erfreulich. Dennoch hat Gauck seiner Rede eine eher versöhnliche Richtung zu geben gesucht. "Indem wir erinnern, setzen wir niemanden, der heute lebt, auf die Anklagebank", hieß es darin. Auch Deutschland habe mühevoll und teilweise mit beschämender Verzögerung gelernt, an die Verbrechen des Nationalsozialismus, insbesondere den Mord an Millionen Juden zu erinnern.

Bei allem Respekt - die Annäherung an die NS-Verbrechen wäre verzichtbar gewesen. Was 1915 geschah, war das erste staatliche Massenmorden des 20. Jahrhunderts in Europa. Es richtete sich mit Plan gegen eine ethnische Minderheit, die ausgelöscht werden sollte. Von der Dimension und Systematik der Judenvernichtung aber trennen diese Untaten Welten. Daran ändert alle Empathie für die Opfer nichts.

"Bei lebendigem Leibe verbrannt, zu Tode gehetzt, erschlagen und erschossen"

Bundespräsident Gauck bezeichnet die Verbrechen an den Armeniern als "Völkermord". Seine Rede im Wortlaut. mehr ... Dokumentation