Bundespräsident: Wulff, Glaube und Amt Gott schütze unser Land

Der neue Bundespräsident ist Katholik, doch bisher hat er seinen Glauben kaum betont. Dennoch gab es vor der Wahl von Christian Wulff einige Aufregung - weil er angeblich mit den Evangelikalen kungelt.

Von Matthias Drobinski

Er hat "Gott" gesagt, der neue Bundespräsident Christian Wulff: "Gott schütze unser Land", am Schluss seiner kurzen Rede nach dem Wahlmarathon, als Schlussformel wie das Amen beim Gebet. Der Gott des CDU-Politikers Christian Wulff war da, ohne aufdringlich zu werden. Das neue Staatsoberhaupt redete, wie die meisten Deutschen glauben: Gott soll vorkommen, aber nicht stören.

Kurz vor dem Wahlmarathon in der Bundesversammlung besuchte Christian Wulff mit seiner Ehefrau Bettina und Tochter Annalena einen ökumenischen Gottesdienst in Berlin.

(Foto: rtr)

Um das Verhältnis des Katholiken Christian Wulff zur Religion hat es im Vorfeld der Präsidentenwahl einige Aufregung gegeben. Ein paar konservative Katholiken ärgerten sich, weil Wulff sagte, seine Kirche solle den Zölibat überdenken. Andere, eher aus dem linken und religionskritischen Spektrum, warfen dagegen dem niedersächsischen Ministerpräsidenten vor, er kungle mit den Evangelikalen. Als Beleg führten sie an, dass Wulff im Beirat der Missions-Bewegung Pro Christ sitzt, und dass er im Mai vor dem Arbeitskreis christlicher Publizisten (ACP) geredet habe.

Wulff, der erzreaktionäre Evangelikale? Nun: Pro-Christ-Gründer Ulrich Parzany hält - wie auch Papst Benedikt XVI. - gelebte Homosexualität für nicht vereinbar mit der christlichen Lehre, er hält es (anders als der Papst) sogar für möglich, dass man Homosexuelle quasi heilen, also zu Heteros machen kann. Pro Christ vertritt ein konservatives Familienbild, die Darwin'sche Evolutionstheorie wird hier auch schon mal kontrovers diskutiert.

Doch seit längerem ist Pro Christ dem engen evangelikalen Spektrum entwachsen, auch Hans-Jochen Vogel von der SPD oder Wolfgang Huber, der emeritierte Berliner Bischof, unterstützen die fromme Großveranstaltung. Von Wulff selber gibt es nichts, was darauf hindeutet, dass er Homosexuelle für Sünder oder Kranke hält; als Geschiedener, der wieder geheiratet hat, taugt er kaum als Propagandist eines traditionellen Familienbildes. Man kann Wulffs Engagement für Pro Christ merkwürdig finden, ein Hinweis darauf, was er glaubt, ist das nicht.

Problematischer ist der Auftritt am 19. Mai beim ACP, einer Kleingruppe am rechten Rand des Protestantismus, die auch schon mal Rechtsextremisten eine Plattform bietet. Kultusminister Bernd Althusmann erklärte im Juni vor dem Landtag, der Ministerpräsident habe dort vor allem die Ernennung der Sozialministerin Aygül Özkan verteidigt und "in der Kruzifixdebatte die Maßstäbe" zurechtgerückt.

Unklug, aber nicht fundamentalistisch

Klug ist das nicht, zum Fundi macht das Christian Wulff aber auch nicht. Doch sagt es viel über ihn: Wulff kommt als liberaler Katholik daher, freut sich über Pro Christ, findet wenig dabei, ein Treffen christlicher Fundis aufzuwerten. Er denkt funktional, will Angriffsfläche verringern, Leute ins Boot holen. Tat und Überzeugung müssen bei ihm nicht unbedingt übereinstimmen.

Das ist neu in diesem Amt. Bis auf den Katholiken Heinrich Lübke, den Unglücklichen, waren alle Staatsoberhäupter auf ihre Art protestantische Überzeugungsmenschen: Theodor Heuss wie Gustav Heinemann, Richard von Weizsäcker wie Johannes Rau, auch Walter Scheel, Carl Carstens, Roman Herzog. Sie wollten an der Verbesserung des Menschengeschlechts mitwirken, Wächter des politischen Betriebs sein, dem Bürger Orientierung geben. Mit Richard von Weizsäcker nahm das Präsidentenamt zivilreligiöse Züge an, stand gegen Helmut Kohls pragmatisches Machertum. Es ist wohl kein Zufall, dass Helmut Kohl wie Konrad Adenauer Katholiken waren, denen die Beichte blieb, wenn mal wieder Tat und Überzeugung auseinanderfielen.

Horst Köhler, auch ein überzeugter evangelischer Christ, hat versucht, das Amt im Geist der Vorgänger zu füllen, es ist ihm nicht so recht gelungen. Vielleicht, weil ihm die Macht des Wortes fehlte, vielleicht auch, weil die Zeit vorbei ist, in der ein Präsident des Bürgers erster Prediger sein kann. Christian Wulff wird das noch weniger sein als Köhler. Die Kirchen haben Wulff herzlich gratuliert.

Der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche, Nikolaus Schneider, hat dabei gesagt, die Sehnsucht der Menschen nach Orientierung sei groß; es klang wie eine Mahnung. Wulff hat angekündigt, eine "Denkfabrik" einzurichten, in der Wissenschaftler, Politiker, Künstler sitzen sollen - von Kirchenvertretern ist da (noch) keine Rede, wie nun die ersten Kirchenvertreter monieren. Das Amt des Präsidenten ist in der halbsäkularen Realität des Landes angekommen: Gott, wer immer das sei, schütze, wie auch immer, dieses Land.