Bundespräsident Christian Wulff - einer kam durch

Die eigenen Leute verweigerten dem Kandidaten Christian Wulff zweimal die Gefolgschaft. Am Ende wurde der CDU-Politiker zwar gewählt und nicht Joachim Gauck - doch über Angela Merkel hängt ein Schatten.

Von Thorsten Denkler und Hans-Jürgen Jakobs

Um 20:58 Uhr kommt die erste Eilmeldung. Es hat am Ende doch gereicht für Christian Wulff, den niedersächsischen Ministerpräsidenten, der im Hoppla-hopp-Stil Bundespräsident werden wollte. Schließlich hatte die schwarz-gelbe Koalition die absolute Mehrheit der Bundesversammlung.

Doch zweimal patzt der Kandidat der Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Zweimal fällt Wulff durch. Zweimal schafft er nicht die absolute Mehrheit. Zweimal freut sich die Opposition mit ihren Kandidaten Joachim Gauck und Lukrezia Jochimsen. Zweimal wackelt die Koalition.

Doch am Ende erhält Wulff 625 Stimmen, das ist im dritten Wahlgang die relative und auch die absolute Merhheit. Sein Gegenkandidat Joachim Gauck bekommt 494 Stimmen, kaum einer der Linken hat den ehemaligen Stasi-Aufklärer gewählt. Es gab 121 Enthaltungen. Die eigene Kandidatin Lukrezia Jochimsen hatte nach zwei Wahlgängen zurückgezogen.

Vorbei war das große Zittern. Gauck wurde bejubelt, aber erst recht Christian Wulff, der Parteisoldat, der nach der längsten Bundesversammlung überhaupt am Ende durchkam. Es bleiben Verletzungen und offene Fragen.

Schon nach dem ersten Wahlgang geht Angela Merkel mit angespanntem Gesicht die Treppe hinunter. Fast rempelt sie einen Mann an, entschuldigt sich. Dann sitzt die Kanzlerin in der ersten Reihe neben ihrem Kandidaten.

Das Unheil nimmt seinen Lauf. Wulff bekommt im ersten Wahlgang nur 600 Stimmen. Das sind 23 weniger, als für die absolute Mehrheit nötig wären - und 44 weniger, als Union und FDP an Delegierten nach Berlin geschickt haben. Das ist enttäuschend für die Koalition aus Union und FDP, die das locker schaffen müsste. Das ist ein Denkzettel für die Kanzlerin, eine kühle Abrechnung mit der selbstherrlichen CDU-Chefin.

Wulff muss also warten. Der niedersächsische Ministerpräsident wirkt auf einmal wie ein schönes Sitzmöbel, das bestellt wurde, und für das sich jetzt kein Platz findet.

Beim zweiten Wahlgang ist es nicht viel besser: Diesmal summieren sich immerhin 615 Pro-Wulff-Voten - aber das ist wieder weniger als nötig. Acht fehlen! Es muss in den dritten Wahlgang gehen, und jetzt zählt die einfache Mehrheit.

Christian Wulff schluckt. Schön ist das für ihn und Angela Merkel nicht. Das ist kein Dreamteam, das ist eine Notgemeinschaft.

"Der Neuaufbau der Koalition ist jetzt schwer zu vermitteln", kommentiert der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach, der Innenausschuss-Vorsitzende. Immerhin hätten im zweiten Wahlgang ja mehr für Wulff gestimmt als im ersten.

Der baden-württembergische CDU-Abgeordnete Peter Weiß erklärt:: "Der von der Bundespräsidentenwahl erhoffte Stimmungsaufschwung und die Stabilisierung der Koalition sind jetzt beschädigt worden."

Joachim Gauck dagegen wirkt an diesem Mittwochnachmittag mit seinen 499 Stimmen im ersten Wahlgang wie ein Sieger. Er schafft 29 Stimmen mehr, als die SPD und die Grünen haben - jene Parteien, die ihn aufstellten. Im zweiten Wahlgang kommt er immer noch auf 490 Stimmen.

Lukrezia Jochimsen wiederum, die Kandidatin der Linken, erreicht respektable 126 Stimmen beim ersten Mal und 123 Stimmen beim zweiten Mal."Wenn die Linke einen guten Strategen hätte, wäre Gauck jetzt Präsident", sagt der ehemalige Grünen-Chef Reinhard Bütikofer.

Wenn die Linke sich dazu entschlösse, nicht mehr Jochimsen, sondern Merkels Freund und Gegenkandidaten Gauck zu wählen, könnte sie die Verhältnisse kippen. "Wir sind doch nicht blöd", kommentiert der Linke-Abgeordnete Ulrich Maurer knapp: Mehrheitsbeschaffer wolle seine Partei nicht sein.

Die überraschenden Schlappen für Christian Wulff bedeutete erst einmal, dass der SPD-Politiker Jens Böhrnsen weiterhin als Interimspräsident im Amt blieb. Der amtierende Bundesratspräsident hatte das Amt nach Köhlers Rücktritt übernommen.

Böhrnsen kommentiert das erste Wahlergebnis so: "Es freut mich, dass die Bürger nun merken, dass es keine vorgeformten Mehrheiten in der Bundesversammlung gibt." Er habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass er Gauck für den besten Kandidaten halte.

SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier sagt: "Bei so vielen Stimmen, die die Koalition hat, müsste Merkel die Vertrauensfrage stellen."

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