Ein Kommentar von Heribert Prantl

Horst Köhlers zweite Amtszeit darf keine Fortsetzung der ersten sein. Die Finanzkrise hat das Land so sehr verändert, dass der alte Präsident ein neuer Präsident wird sein müssen.

Nach seiner Wiederwahl zum Bundespräsidenten wird Horst Köhler von Union und FDP schon wieder zum "Vorboten" ausgerufen. Das war vor fünf Jahren verständlich, heute ist es gefährlich. Verständlich war das damals, weil Union und FDP den seinerzeit ziemlich unbekannten Köhler für diese Rolle gesucht, gefunden, gekürt und gewählt hatten.

Union und FDP sehen in Köhlers Wahl ein Zeichen. (© Foto: ddp)

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Gefährlich ist es heute, weil der Präsident sich von seinen Erfindern emanzipiert hat und seine Beliebtheit auch auf dieser Emanzipation beruht. Der Versuch, Köhlers Popularität parteipolitisch zu vereinnahmen, wird sich also gegen die wenden, die das versuchen - weil auch der Präsident sich dagegen wenden wird.

Köhler blüht auf

Der wiedergewählte Präsident als Vorbote einer schwarz-gelben Koalition, als Vorbote des neuen Frühlings für Union und FDP? Das Staatsoberhaupt als politisches Schneeglöckchen also? Schneeglöckchen sind zart nickende Frühblüher mit der Botschaft "bald ist es soweit". Der Präsident schien sich vor fünf Jahren, nach seiner ersten Wahl, mit der Rolle eines solchen Frühlingsboten erst einmal zu bescheiden: Er blieb klein, wie es die Natur der Schneeglöckchen ist, acht bis zwanzig Zentimeter, und er nickte zu dem, was Merkel und Westerwelle zu sagen hatten.

Es kam aber dann bekanntlich ganz anders. Als die Bundestagswahl 2005 nicht zu einer schwarz-gelben, sondern zu einer großen Koalition führte, fand Köhler seine Unabhängigkeit, blühte er erst richtig auf. Seitdem ist er nicht Schneeglöckchen, sondern Präsident und erfreut sich großer Beliebtheit beim Volk.

Liebreizend, aber zu wenig

Seine Popularität beruht auch darauf, dass er über die ihm zugedachte Natur weit hinausgewachsen ist. Das hat gedauert, aber es ist ihm gelungen - mit der ihm eigenen schüchtern-fröhlichen Beharrlichkeit. Nun hängt der Rang, der ihm dereinst in der Reihe der deutschen Bundespräsidenten zukommen wird, davon ab, wie souverän er seine zweite Amtszeit gestaltet. Einfach Wiederholung und Fortsetzung der ersten fünf Jahre kann sie nicht sein; die Finanz- und Wirtschaftskrise hat das Land so sehr verändert, dass der alte Präsident ein neuer Präsident wird sein müssen.

Er muss ja nicht gleich ein Leuchtturm werden (so hat er das Grundgesetz in seiner Rede zum Verfassungstag bezeichnet), aber ein wenig mehr als ein Teelicht sollte er schon sein. Und seine Reden sollten mehr sein als ein Mantra von Allgemeinplätzen; damit kann man die Leute, die bei Opel arbeitslos werden, nicht füttern. Köhlers spärliche Rede nach seiner Wiederwahl funkte leider nur an einer einzigen Stelle - als er seiner Frau dankte. Das war liebreizend, aber zu wenig.

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