Ein Kommentar von Heribert Prantl

Nach langer Pause redet Bundespräsident Köhler wieder, doch viel zu sagen hat er nicht: Warum das Staatsoberhaupt enttäuscht hat - und mehr tun muss, als am Rand zu stehen.

Der Bundespräsident redet wieder. Er hat, lange Monate nach Beginn seiner zweiten Amtszeit, zu seiner Sprache zurückgefunden. Vielleicht hatte er sich die Kritik an seiner Verflüchtigung zu Herzen genommen; vielleicht war er auch bisher zu abgelenkt gewesen von den heftigen Querelen in seinem Präsidialamt.

Horst Köhler; Bundespräsident; Getty

Der freundliche Nachbar im Frack: In seiner zweiten Amtszeit genügt es nicht mehr, dass Bundespräsident Horst Köhler anders ist als viele Polit-Profis (Archivbild aus dem Jahr 2009). (© Foto: Getty)

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Wie dem auch sei: Man hört jedenfalls nun, nach der langen Pause, umso genauer hin, was Horst Köhler zu sagen hat. Es ist nicht viel.

Köhler sagt, dass die ersten Monate der zweiten Regierung Angela Merkels "enttäuschend" gewesen seien. Das ist erstens allgemein bekannt und zweitens auch ein wenig ungeschickt, weil es an die Redensart über denjenigen denken lässt, der mit dem Finger auf andere zeigt. Dieser sollte bekanntlich bedenken, dass drei Finger seiner Hand auf ihn selbst zurückweisen.

Der wiedergewählte Bundespräsident hat nämlich nicht minder enttäuscht; und dabei ist er schon erheblich länger im Amt als die von ihm kritisierte Bundesregierung - und er hat es noch dazu um einiges leichter als diese.

In seiner ersten Amtszeit hat Horst Köhler die Leichtigkeit des Amts ausgereizt und genossen. Er hat die Sehnsucht der Menschen nach einem Staatsoberhaupt befriedigt, das nicht so gewichtig daherkommt und nicht so geschwollen redet, wie es viele Polit-Profis tun. Köhler war der freundliche und mahnende Nachbar im Frack.

Mehr als nur freundliche Worte

Das hat für die erste Amtszeit genügt. Jetzt genügt es nicht mehr. Es genügt nicht mehr, einfach nur anders zu sein. Die Probleme der Gesellschaft sind so groß, die Verschuldung ist so hoch und die Sehnsucht nach Orientierung so stark, dass ein Präsident ein wenig mehr tun muss, als nur am Wegrand zu stehen und ein paar freundliche Worte zu finden.

Früher, als die alten Leute noch nicht in Altenheimen saßen, sondern noch auf dem Bänkchen vor ihrem Haus, waren sie zuständig für das, was heute Kommunikation heißt - also für den meist belanglosen, aber gleichwohl wichtigen nachbarschaftlichen Schwatz.

Die Großmutter redete über den Gartenzaun hinweg vom Wetter und gab den Leuten, die auf der Straße vorbeikamen, Ratschläge darüber, ob man heute wohl die Beete gießen muss oder nicht. Und der Großvater redete davon, dass der Schuppen jetzt endlich gründlich renoviert werden sollte, bevor er zusammenfällt. Für diese Art der unverbindlich-liebenswürdigen Kommunikation - über Reformen, Benzinpreise oder über den Klimawandel - ist heutzutage der Bundespräsident zuständig.

Der Mann aus dem Schloss Bellevue steht sozusagen am nationalen Gartenzaun, er grüßt alle, sagt ein nettes Sprüchlein oder räsoniert über dies oder das. Aber das allein, so nett es sein mag, reicht nicht mehr. Die Menschen wollen Lebenserfahrung spüren und, ja auch dies, Weisheit. In diesen Zeiten muss sich auch ein Staatsoberhaupt ein wenig mehr anstrengen.

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(SZ vom 22.03.2010/aho)