Rede des Bundespräsidenten Die neue Kunst des Alterns

"Dialog mit der Zeit" heißt die Ausstellung, die Bundespräsident Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt besichtigen.

(Foto: Wolfgang Kumm/dpa)

Die Menschen leben länger, 2040 wird es in Deutschland 20 Millionen Rentner geben. Bundespräsident Gauck plädiert dafür, die gewonnene Lebenszeit sinnvoll zu nutzen - zum Beispiel durch Arbeit.

Von Constanze von Bullion, Berlin

Irgendwann in dieser Rede über die Kunst des Alterns bietet der Präsident sich dann selbst als Untersuchungsobjekt an, als Alten, der noch zu lernen hat. "Mir fällt gerade ein", sagt Joachim Gauck und schweift wohl nicht ganz zufällig vom Redemanuskript ab, "dass ich mich selbst ja auch eignen würde als Exponat einer Ausstellung." Da lacht der Saal, auch wenn deutlich wird, dass der Bundespräsident sich durchaus ernsthafte Gedanken macht übers Altern und sich selbst. Er würde auch gern mal als Senior Guide arbeiten, sagt Gauck noch, als Ausstellungsführer, der Erfahrungen weitergibt.

Er habe zur Zeit aber "ein bisschen viel zu tun". Museum für Kommunikation in Berlin, ein herrschaftlicher Lichthof, am Dienstag eröffnet Bundespräsident Joachim Gauck hier die Ausstellung "Dialog mit der Zeit". Es geht ums Älterwerden und die Frage, ob das Bild davon noch der Wirklichkeit entspricht. Ein Dialog der Generationen wird da eröffnet, bei dem junge Leute erleben können, wie es so ist, wenn die Körperkräfte schwinden, der Geist aber noch lange keine Ruhe geben mag.

In der Ausstellung können Besucher versuchen, einen Schlüssel ins Schloss zu stecken, wenn die Hand zum Fürchten zittert, oder Pillenberge in aller Eile in Kästchen sortieren. Es kann auch passieren, dass eine ältere Dame auf sie zueilt, sie arbeitet als Senior Guide, als Führerin durch die Zeiten. "Herzlichen Glückwunsch zum wohlverdienten Ruhestand!", ruft sie, und dann muss der Besucher sich aufs Ruhestandsbänkchen setzen - und zusehen, wie die anderen ohne ihn weiterspielen.

Ein 70-Jähriger könne heute so fit sein wie früher ein 60-Jähriger

Lebenszeit, Arbeitszeit, Rente, das sind Begriffe, die sich verändern und unter dem Druck der Demografie weiter verändern müssen, sagt Gauck nach dem Rundgang durch die Ausstellung. 81 Millionen Menschen leben in Deutschland, 1990 waren zwölf Millionen im Rentenalter. Heute sind schon 17 Millionen älter als 65 Jahre, 2040 werden es 20 Millionen sein. Die Konsequenzen sind gravierend, sagt Gauck, aber die Politik macht sich zu wenig Gedanken darüber, wie diese Erkenntnis rechtzeitig umgesetzt werden kann in die Planung von Berufsbiografien, die Verteilung von familiären Pflichten, auch beim Eintritt ins Rentenalter, der neu organisiert werden müsse.

"Eine der wichtigsten Botschaften des demografischen Wandels heißt doch: Wir gewinnen Lebenszeit", sagt Gauck. Es reiche aber nicht, sich darüber zu freuen, dass der Fortschritt in Industrienationen dafür sorge, dass ein 70-Jähriger heute so fit sein könne wie ein 60-Jähriger in der Vorgängergeneration. Mit dem Geschenk längeren Lebens verbinde sich auch Verantwortung. "Es geht darum, diese Zeit sinnvoll zu nutzen und zu verteilen."

Gauck erinnert an das Bild der Lebenstreppe, mit dem Künstler über Jahrhunderte darstellten, was sie für einen ewigen Ablauf des Lebens hielten: In der ersten Hälfte geht es treppauf, von der Kindheit bis zum Höhepunkt des Arbeitslebens mit 50 Jahren. Danach geht es treppab: "Das Alter erscheint nur noch als Phase der Ruhe und des Abschiednehmens."

Ein 50-Jähriger befinde sich heute auf einem "Hochplateau"

Tatsächlich aber befinde sich ein 50-Jähriger heute auf einem "Hochplateau", er sei in der Regel bei Kräften und in der Lage, sich noch einmal neu zu orientieren. Wer diese Phase ausdehnen wolle, müsse bereit sein, immer weiter zu lernen und sich von linearen Berufs- und Beförderungsmustern zu verabschieden. Der Dachdecker, der mit 50 nicht mehr aufs Dach wolle, könne Ziegel verkaufen oder Erfahrungen an Jüngere weitergeben.

Umdenken sei gefragt, auch beim Begriff der Rente, der bisher als "Ende" verstanden werde, aber stärker als "Übergang" begriffen werden müsse. Auch er, Gauck, habe sich mal einen Lebensabend in Pantoffeln vorgestellt, "jetzt ist es anders gekommen". Das Altersbild der Großeltern sei überholt. Aber was kommt nach? Ein neues "Muster für lange Lebensläufe", sagt der Bundespräsident, das sicherstellen müsse, dass Menschen ein Leben lang leistungsfähig bleiben und viele Alte versorgen können. "Wenn wir weniger werden, kommt es mehr denn je auf die Güte der Bildung und auf die Entwicklungschancen jedes Einzelnen an." Wer spätere Verteilungskämpfe vermeiden wolle, müsse rechtzeitig in den Dialog der Generationen eintreten und aushandeln, wie Lasten zu verteilen seien.

Umschichten stehe auch in der Rushhour des Lebens an, zwischen 30 und 50 Jahren, wenn man "mit Kindern und Karriere systematisch überfordert" werde. Ältere könnten da entlasten, beruflich länger präsent bleiben in Betrieben, viele hätten ein großes Bedürfnis, "gebraucht zu werden, tätig zu sein, etwas beizutragen". Der Horror Vacui, die Angst vor der Leere, ist da ganz leise aus den Worten des Präsidenten herauszuhören, und womöglich ist sie ihm auch persönlich bekannt. Seine Botschaft aber lautet: Fürchtet euch nicht, Alte. Ihr werdet noch gebraucht.

Anm. d. Red.: In einer früheren Version des Artikels war die prognostizierte Zahl der Rentner im Jahr 2040 falsch angegeben, wir haben sie nachträglich auf 20 Millionen korrigiert.