Christian Wulff ist ein ungewöhnlicher Bundespräsident, weil er für sein Amt jung ist. Gauck hätte eher jener Tradition der älteren Herren entsprochen, die sich ihrer Bedeutung stets überbewusst waren. Schon richtig, Wulff zählt zu den Profipolitikern, die außer Politik und vielleicht familiären Widrigkeiten wenig erlebt haben - wie auch Gabriel, Westerwelle, Trittin oder Guttenberg. Gauck verkörpert dagegen die deutschen Umbrüche. Wulff steht mit seiner Biographie für jene breite, überwiegend westdeutsche Mittelschicht, die nach Jahrzehnten des Friedens und relativen Wohlstands Demokratie als selbstverständlich betrachten und den Streit um Prinzipien eher ironisch belächeln. Gauck wurzelt, wie auch seine schärfsten Gegner auf der Linken, noch im ideologischen Zeitalter.
Anzeige
Die Antrittsrede des neuen Bundespräsidenten war denn auch in vielerlei Hinsicht eine Alltagsrede und deswegen durchaus passend. Wulff zeigte sich als ein für die patriarchalische Geste zu junger Mann, den dennoch der Zustand der Gesellschaft kümmert: Integration, Bildung, innerer Frieden. Hier sprach kein Cicero, schon gar kein Zampano, sondern ein Mensch, der manchmal so wirkte, als gerate ihm die Demut angesichts des großen Amtes zu Beklemmung und Lampenfieber.
Christian Wulff ist im Amt des Bundespräsidenten natürlich noch ein Unfertiger. Die Unsicherheit wird wohl weichen. Ob sie durch Souveränität oder nur durch Routine ersetzt werden wird, weiß man heute noch nicht. Jedenfalls muss man zu seinen (und auch zu unser aller) Gunsten hoffen, dass ihm nicht widerfährt, was Horst Köhler in den Rücktritt trieb. Köhler und Wulff sind sehr verschiedene Menschen. Beiden aber fehlt jene Selbstgewissheit, mit deren Hilfe man im Amte des ersten Repräsentanten stets drei Stufen höher stehen kann als jeder andere, der über einen spricht.
Als "bedeutende" Bundespräsidenten galten jene, die eben nicht "auf Augenhöhe" mit Volk und Politik waren. Im Gegenteil: Die Popularität eines Bundespräsidenten (oder auch eines Kandidaten für dieses Amt) resultiert auch daraus, dass er mal freundlich, mal überheblich distanziert gegenüber der Tagespolitik ist. Beispiele dafür sind bis heute der Präsident a.D. Richard von Weizsäcker sowie der nie gewählte, aber immer amtierende Virtualpräsident Helmut Schmidt.
Ob aus Christian Wulff jemals ein Herr Bundespräsident in diesem Sinne wird, ist eher zu bezweifeln. Aber er ist durchaus geeignet, das heutige Deutschland zu repräsentieren. Er wird Fehler machen, aber er wird vermutlich auch all die superlativischen Aburteiler Lügen strafen. Die Bundesversammlung hat ihn gewählt, im politischen Streit, wie das manchmal passiert. Richtig gut hat dabei keine der beteiligten Parteien ausgesehen, aber ein Desaster hat auch niemand erlitten.
Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
- Thema
- Bundespräsident RSS
- Bundespräsident: Wulff vereidigt So wahr ihm Gott helfe 02.07.2010
- Bundespräsident: Christian Wulff Aber hier wohnen, nein danke! 02.07.2010
- Bundespräsident: Wulff, Glaube und Amt Gott schütze unser Land 02.07.2010
- Fiktive Bundespräsidentenrede "Entschuldigen Sie den Zettel" 02.07.2010
- Bundespräsident Wulff in Kabul Überraschungsbesuch in Afghanistan 16.10.2011
- 60 Jahre Karlsruhe Wulff würdigt Verfassungsgericht - und warnt die Politik 28.09.2011
- Türkischer Präsident Gül in Deutschland Klare Worte unter Freunden 19.09.2011
(SZ vom 03.07.2010/odg)
Bilder des Tages
Herr Kister schreibt: „Der Gegenkandidat Gauck hätte zwar bei SPD und Grünen unter anderen Umständen wenig Chancen gehabt, aber man muss den Egotaktikern Gabriel und Trittin zugute halten, dass sie den Eigennutz ihrer Parteien - "schade dem Gegner, wo es nur geht" - als Akt der Besorgnis um das Gemeinwohl zu tarnen verstanden.“
Donnerwetter, da spricht jemand, der politische Zusammenhänge durchschaut. Fragt sich nur:
a) Warum hat Herr Kister diese Erkenntnis nicht bereits vor der Bundespräsidentenwahl veröffentlicht?
b) Hätte Herr Kister die Wahrheit auch geschrieben, wenn Gauck tatsächlich – wie "geplant" - gewählt worden wäre?
c) Warum hat es Herr Kister zugelassen, dass die Zeitung, deren Chefredakteur er bald sein wird, alles daran gesetzt, um genau diesen Sachverhalt zu vernebeln und nicht nur eine Pro-Gauck-Kampagne, sondern auch eine Anti-Wulff-Kampagne durchgezogen hat?
Mir ist gerade aufgefallen, das Wulff lacht wie der Joker.......nur mal so als Anmerkung.....
Madame Mufti erlebte am 30. Juni 2010 in der Bundesversammlung ihr Waterloo.
Ihr Bauer auf dem Schachbrett brachte ihr nur ein vorläufiges Remis ein, das "Schach matt" konnte gerade eben noch abgewendet werden.
Und der vom Bauer zum "König" arrivierte Springer müht sich, beim Volke anzukommen mittels einer braven Rede, die von Mittelmäßigkeit und auch altbekannter Anpassungsfähigkeit zeugte..
Wäre Wulff geistig überaus geeignet, täte er daselbst dem Lande gut, aber besäße er keinen erkennbaren Hals, könnte er nicht lügen wie Kohl und nicht deutlicher sprechen als Lübke, würde er rotbackig sein wie Franz-Josef Strauß, wäre er klein wie Helmut Schmidt, nein, ein Retter Deutschland würde von deutschen Parteien und vom Medienvolk nicht gewählt.
Das Volk wählt seine Schlächter über seine Vertreter selber.
Ein Kennedy ist er nicht. Niemals kann Wulff das werden. Kennedy war offen, elegant natürlich, nonchalant. Kennedy war nicht nur schön anzusehen, sondern mutig, weise, kreativ.
Wulff ist wie Pfirsich, wie Merkel auf schön frisiert.
cc.
als Chefredakteur müssen sie aber noch ein bisschen lernen, etwas mehr Tiefgang als der BP wäre da schon angesagt... Agentur Meldungen können sie auch ohne Kommentar weitergeben, mehr erfahren wir von ihnen ja doch nicht... lesen sie doch mal den Kommentar ihres Kollegen Prantl.
Paging