Ein Kommentar von Heribert Prantl

Eine Schachfigur von Angela Merkel, ein blasser Konkurrent von Joachim Gauck - der Ruf Christian Wulffs war nicht der beste. Aber in seinem ersten Amtsjahr ist es dem Bundespräsidenten gelungen, sein Thema beharrlich zu vertreten: die Integration der Muslime in Deutschland. Ohne den Anti-Sarrazin zu geben, hat er sich damit Respekt verschafft. Seinen guten Start hat er wohl auch seiner jungen Frau zu verdanken.

Nach einem Jahr wird gefragt: Was macht eigentlich ... ? Die Vorgänger von Christian Wulff haben sich diese Frage auch anhören müssen. In ihr steckt ein Vorwurf: Der Bundespräsident sei nicht präsent genug, er sei zu still, er nehme zu wenig Einfluss auf die großen Debatten, er halte keine oder zu wenig große Reden, er sei halt "kein Heuss" und auch "kein Weizsäcker". Letzteres stimmt immer, denn Bundespräsidenten werden gewählt und nicht geklont.

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Vom Langweiler zum Prinzen: Christian Wulff hat sich im ersten Jahr als Bundespräsident aus einem tiefen Loch herausgearbeitet. Bei der Eröffnung der Frauen-WM zeigte er sich ganz entspannt mit Kanzlerin Angela Merkel (v.l.n.r.), Steffi Jones vom Fifa-Organisationskomitee und seiner Frau Bettina. (© dpa)

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Über Johannes Rau war nach dem ersten Präsidenten-Jahr geschrieben worden, er sei ein Mann ohne Echo, über Horst Köhler, er sei sich selber fremd. Fast immer heißt es nach dem ersten Jahr: Der Präsident habe seine Rolle noch nicht gefunden. Das kann man von Christian Wulff nicht sagen: Er hat sie gefunden, füllt sie freilich noch nicht aus; aber Letzteres kann man nach erst einem Jahr auch nicht erwarten.

Wulffs Rolle ist die des Schirmherrn, als solcher amtiert er für Alt- und Neubürger: Er will nicht nur der Präsident der Katholiken und Protestanten, der Juden, der Agnostiker und der Atheisten, er will, "natürlich" sagt er, auch der Präsident der Muslime in Deutschland sein. Und erklärt es immer wieder: "Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland." Er sagt so einen Paukenschlag-Satz leise, weil er Paukenschläge nicht mag und weil ihm die große Rhetorik eh nicht gelingt.

Wulff mimt nicht den, der er nicht ist - er ist kein junger Alter, sondern ein alter Junger. Er tut also nicht so, als könne er sich kraft Amtes bei den sieben Weltweisen einreihen, zu denen die Deutschen den Altkanzler Helmut Schmidt ganz selbstverständlich zählen. Und Wulff versucht sich auch nicht als ein Heiner Geißler im Präsidentenamt. Er weiß, was er nicht kann.

Sein Ziel: die zweite deutsche Einheit

Er rüttelt an keinen Toren, er beansprucht keine neuen Kompetenzen. Und er war lange genug Politiker, um der Köhler'schen Lust zu widerstehen, die Politik aufzumischen. Er ist aber auch nicht deren Bauchpinsler. Er hat es erstaunlich schnell geschafft, der Parteipolitik zu entrücken und sich an dem zu orientieren, was ein Bundespräsident sein soll: Personifizierung des Gemeinwesens.

Unter seinem Schirm soll, das ist Wulffs Agenda, sein präsidialer Traum wachsen: die zweite deutsche Einheit, die Vereinigung von Bürgern deutscher und ausländischer Herkunft. Christian Wulff hat das bei seiner Rede zum Jahrestag der deutschen Einheit gesagt, er hat es bei seiner klugen Ansprache vor dem türkischen Parlament in Ankara bekräftigt und es dann beim Evangelischen Kirchentag in Dresden vertieft.

Vor einem Jahr, beim Amtsantritt, hatte er angekündigt, die "Integration" in den Mittelpunkt seiner Arbeit zu stellen; er hält Wort, obwohl das Wort nicht seine große Begabung ist. Wulff hat sich nicht abschrecken lassen von ein paar tausend giftigen Briefen, auch nicht von den Nörgeleien aus der CDU/CSU.

Er hat versucht, eine wie irr mäandrierende deutsche Diskussion über Ausländer, Zuwanderer und den Islam wieder ins Flussbett der Vernunft zu leiten. Er hat nie den Anti-Sarrazin gegeben, aber letztlich war und ist er es doch. Mit verhaltender Nachhaltigkeit wirbt er für Respekt gegenüber dem Islam. Das ist nicht wenig.

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