Bundeskanzlerin Merkels Weg - wie aus Angst Gewissheit wurde

Angela Merkel am 10. April 2000 auf dem CDU-Bundesparteitag in Essen.

(Foto: Martin Athenstädt/dpa; Bearbeitung SZ)

Am Anfang stand ein Brief gegen Ziehvater Kohl, Angela Merkel fürchtete um ihr politisches Überleben. Unser Korrespondent blickt zurück auf 20 Jahre Merkel.

Von Stefan Braun, Berlin

Bald dreißig Jahre in der Politik, bald zwanzig Jahre an der Spitze der CDU, mehr als zwölf Jahre Kanzlerin Deutschlands - Angela Merkel hat eine verdammt lange Wegstrecke hinter sich. Noch mag Helmut Kohl an Amtsjahren vorne liegen. Aber wenn die 63-Jährige an diesem Mittwoch zum vierten Mal zur Kanzlerin gewählt wird, ist sie endgültig in seine Fußstapfen getreten. Merkel ist historisch geworden.

Dies ist der Versuch einer Annäherung aus verschiedenen Perspektiven. Es wird um das historische Bild gehen. Aber auch um unbekannte, sehr persönliche Episoden. Kurze Begegnungen, kleine Augenblicke, die über die Kanzlerin möglicherweise mehr erzählen als große Geschichten. Zeit, sie auszugraben.

Die Angst nach dem Brief - Bonn, Dezember 1999

30.11.1999: Kohl, Schäuble und Merkel bei einer Pressekonferenz zur CDU-Spendenaffäre .

(Foto: Wolfgang Kumm/dpa)

Es sind Angela Merkels schwarze Nächte. Es sind Nächte im Dezember 1999. Die CDU steckt in ihrer tiefsten Krise. Seit Wochen kämpft die Partei gegen die schwarzen Kassen und geheimen Konten ihres Übervaters. Helmut Kohl aber will nichts preisgeben. Am 16. Dezember erklärt er in einem Fernsehinterview, trotz aller Kritik und großem Schaden für die Christdemokraten werde er die Spendernamen nicht bekannt machen.

Also entscheidet sich die im Amt noch ziemlich junge CDU-Generalsekretärin, einen Brief zu schreiben. Es wird der Brief in der CDU-Geschichte. Das Schreiben, in dem Angela Merkel die CDU zur Loslösung von Helmut Kohl auffordert.

Merkel schreibt den Brief am 21. Dezember; einen Tag später wird er in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erscheinen. Merkel schläft in dieser Nacht so gut wie gar nicht, und das wird auch in den folgenden Nächten nicht besser werden. Sie hat getan, was sie nie wieder tun wird: Sie spielt mit vollem Risiko. Und sie hat größte Angst, im Sturm unterzugehen.

Am Tag, als der Brief öffentlich wird, sieht Merkel entsetzlich müde aus; sie meidet die Öffentlichkeit, sie wirkt, als würde sie die Luft anhalten. Denn sie hat mächtige Gegner, die den Brief für einen dramatischen, einen historischen Fehler halten.

Merkels vierte Amtszeit ist keine Lizenz zum "Weiter so"

Das neue Kabinett sollte sich dem Glück der Menschen widmen statt ihren Ängsten. Auf Kasperltheater haben die Bürger keine Lust mehr - sie haben Sehnsucht nach einer Regierung, die wirklich regiert. Kommentar von Heribert Prantl mehr ...

Die Rede ist nicht nur von den engsten Kohl-Freunden, die sie seit diesem Tag hassen werden. Die Rede ist von den jungen Kohlianern, die den Brief als Angriff auf die eigenen Karrierepläne begreifen. Christian Wulff gehört dazu, Günther Oettinger, Peter Müller und natürlich Roland Koch. Alle hatten sich einst im sogenannten Andenpakt verbündet. Einer Männergemeinschaft, die die Herrschaft in der Zeit nach Kohl unter sich aufteilen wollte.

Merkel hat auch Anfang Januar noch keine Ahnung, ob sie politisch überleben wird. Dann aber kommt Hilfe von unerwarteter Seite: In Hessen muss Roland Koch illegale Konten seiner Landes-CDU einräumen. Es ist der Moment, der sie rettet. Ab da haben ihre internen Gegner kein gutes Argument mehr, um sie anzugreifen.

Der Brief wird seither insbesondere von ihren engsten Gefährten als heroischer Akt beschrieben. In Wahrheit gehört zu dem Kapitel eine zweite Seite: Die Angst in den Tagen und Nächten danach, als Merkel wie nie zuvor und nie mehr danach um ihre Zukunft fürchtet.

Das Telefonat im Regen und das Bekenntnis in eigener Sache - Stuttgart-Degerloch im März 2000

Drei Monate später. Merkel hat das politische Beben tatsächlich überstanden. Kohl ist weg, und Wolfgang Schäuble musste auch abtreten. Jetzt sucht die CDU einen neuen Anfang.

An diesem Tag im März gießt es in Stuttgart wie aus Kübeln. Die Generalsekretärin hat eben eine Rede gehalten und ist danach gefeiert worden. Ausgerechnet sie, die Frau mit dem Brief; ausgerechnet von der Baden-Württemberg-CDU, die zu der Zeit vom konservativen Erwin Teufel geführt wird.

Nach dem Spendenskandal aber ist alles anders; die Partei braucht neue Hoffnungsträger. Der Beifall auf der Regionalkonferenz gilt als ultimatives Votum: Merkel soll neue Parteivorsitzende werden.

Jetzt sitzt sie im Auto; es schüttet noch immer. Merkel hat Zeit zu telefonieren. Übers Handy stellt der Reporter eine letzte Frage: "Und? Trauen Sie sich auch zu, einmal Kanzlerin zu werden? Kanzlerin von Deutschland?"

Kurze Stille am anderen Ende der Leitung. Dann antwortet Merkel ziemlich leise: "Das habe ich mich auch gefragt in den letzten Wochen." Es wird wieder still. Dann spricht sie weiter: "Ich habe alles hin und her gewogen. Jetzt weiß ich: Ja, das traue ich mir zu."

Nach dem großen Beben kommt das große Selbstbewusstsein. Ab diesem Tag ist klar, was Merkel will. Es ist der 18. März 2000.

Das Lächeln nach dem Frühstück - Magdeburg im Januar 2002

11.01.2002 in Magdeburg: Merkel gibt ihren Verzicht auf die Kanzlerkandidatur beim Bundestagswahlkampf bekannt.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Sie tritt lächelnd aus dem Wagen. Es ist ein unverschämtes Lächeln - und das kann man bei Angela Merkel nur selten sagen. Sie liefert damit einen harten Kontrast zu fast allen anderen Gesichtern. Die wirken kämpferisch, aggressiv, manche würden sagen: bösartig. Sie verfolgen ein Ziel: Merkel stoppen.

Allerdings wissen die Strenggesichtigen noch nicht, was Merkel getan hat. Sie haben seit Tagen alles Mögliche überlegt, um der Frau in die Parade zu fahren. Von Sturz wird gemunkelt, mindestens aber vom "Ausbremsen" der Parteichefin. Es ist der 11. Januar 2002, die CDU versammelt sich zur Klausur, im Herrenkrug zu Magdeburg.

Was dann kommt, ist eine Sensation. Als die Mitglieder des Parteipräsidiums gerade Platz genommen haben, erzählt Merkel, wo sie gerade herkommt. Sie sagt, dass sie vor wenigen Stunden in Wolfratshausen gewesen sei. Zum Frühstück. Bei Edmund Stoiber. Um ihm die Kanzlerkandidatur anzutragen.

Wenn es so etwas überhaupt gibt, dann passiert es jetzt: Den Kollegen im CDU-Führungsgremium fällt die Kinnlade runter. Friedrich Merz gehört dazu, Roland Koch, auch Jörg Schönbohm. Die Herren Widerständler haben gewonnen - und sehen trotzdem wie begossene Pudel aus.

Wochenlang hat Merkel damit gespielt, selbst anzutreten. Sie hat die CSU bis aufs Messer gereizt, als sie in den Tagen zuvor in einer Talkshow erklärte, sie könne sich durchaus vorstellen, selbst anzutreten. Jetzt zeigt sie, dass sie lieber selber entscheidet, statt sich treiben zu lassen. Es ist ein Coup, der von der Chuzpe lebt - und von der Einsicht.

Wahrscheinlich hätte sie politisch nicht überlebt, wenn sie an diesem Tag auf der Kandidatur beharrt hätte. Plötzlich aber ist sie es, die wieder Regie führt. Aus einem Moment der Niederlage wird ein Moment, der ihre Macht zementiert. Dass Edmund Stoiber verliert, konnte sie nicht ahnen. Aber ab da ist an Merkel kein Vorbeikommen mehr.