Von Frank Nienhysen

Die Menschen in Sofia spüren, dass sie in einem vergessenen Land leben, doch ihre Politiker verbreiten trotz harter Urteile aus Brüssel Optimismus.

(SZ vom 13.1.2001) - Die wertvolle Auszeichnung fordert ihren Preis, was nutzt es da schon, dass es eine schöne Skulptur ist, die Jewgenija Schiwkowa im Dezember übergeben worden war. Ernst und auch etwas traurig sieht sie aus, als sie die Statue aus dem Regal ihres Büros hervorholt, die groß und schwer wirkt in ihren kleinen Händen, eine goldfarbene etwa 30 Zentimeter lange Nadel, eingegossen in einen massiven Sockel.

bulgarien

Bulgarische Flagge (© Archiv)

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Es ist bereits das zweite Mal, dass Schiwkowa in Bulgarien zur Designerin des Jahres gewählt wurde, und das ist eine große Ehre, wie sie findet, aber lieber hätte sie mehr Geld. Schiwkowa, die Preisträgerin, kämpft um ihr Geschäft.

In ihrer Boutique mit dem westlich klingenden Namen "Jeni Style" im Zentrum von Sofia hängen die Kleider ihrer neuen Kollektion, aus Cashmere und aus Seide, in roten und in schwarzen Farben, elegant, modern - preiswürdig eben, und deshalb nicht preiswert.

Eines der roten Kostüme kostet 550 Lew, das sind 550 Mark, ein wenig mehr als Schiwkowa jeder ihrer vier Angestellten im Monat bezahlt. Soviel Geld können bulgarische Frauen für ein Kleid nicht ausgeben, Bulgarien ist ein armes Land. "Die meisten kaufen deshalb chinesische Kleidung", sagt Schiwkowa, und die wenigen, die es sich leisten könnten, Geschäftsfrauen vielleicht, oder Frauen von Geschäftsmännern, "gehen lieber zu Versace".

Sieben Jahre ist es her, dass sie ihre erste Boutique in Sofia eröffnete, ein Jahr später entstand eine zweite in Plovdiv, und sie dachte, das würde so weitergehen, auch in anderen Städten, "aber das klappte nicht".

Den Menschen fehlte das Geld, sie schloss den Laden in Plovdiv, und jetzt versucht sie, wenigstens die Boutique in Sofia zu halten, "auch wenn es schwierig ist". Schiwkowa wehrt sich gegen diesen drohenden Verlust, und im Westen könnte die Rettung liegen.

Die Geschäftsfrau, die in ihrer Heimat fast jeder kennt, möchte sich im Ausland bekannt machen, auf Messen gehen, aber solange Bulgarien nicht zur Europäischen Union gehört, bleibt es für viele ein fernes, vergessenes Land - irgendwo auf dem Balkan, weit weg vom Westen.

Schiwkowa hat diese Distanz und das schlechte Image ihres Heimatlandes gespürt. "Viele wissen gar nicht, was und wo Bulgarien eigentlich ist", sagt sie. Vor ein paar Jahren sei sie einmal in Wien gewesen, weil ein großes Handelshaus Interesse an ihrer Kollektion gezeigt hatte, "aber dann waren sie plötzlich ängstlich. Bulgarische Designer kennt in Europa niemand. " Sie sagt Europa, als meine sie einen anderen Kontinent als den, auf dem sie lebt.

Immerhin ist Bulgarien heute viel näher am Westen als in den Tagen, als die nun 35-Jährige noch ein Kind war. Da hatte nämlich ihr Großvater das Land fest im Griff. Das war Todor Schiwkow, der als kommunistischer Staatschef Bulgarien als Moskauer Vasallenstaat geführt hatte.

Nach der Wende tat sich Sofia schwer, sich im neuen politischen Geflecht zurechtzufinden. Die ersten Reformversuche scheiterten, und mit der Aufgabe der Preiskontrollen 1991 stieg nicht die erhoffte Konkurrenz auf dem bulgarischen Markt, sondern vor allem die Armut. Und diese Last wiegt auch für die heutige Regierung schwer, die sich nichts sehnlicher wünscht als die Aufnahme in die EU.

Im Vergleich mit den übrigen Beitrittskandidaten liegt Bulgarien ziemlich weit hinten, und so muss es wohl froh sein, dass es da noch den Nachbarn Rumänien gibt. Dem geht es noch schlechter. Die EU-Kommission hat in ihrem Länderbericht zwar geschrieben, dass Bulgarien ohne Zweifel sehr große Fortschritte gemacht habe; die Privatisierung der Unternehmen und Banken sei zuletzt vorangetrieben worden, die Währung habe sich stabilisiert, und seit zwei Jahren wächst auch die Wirtschaft.

Vor allem in der Informationstechnologie gibt es inzwischen viele hoch qualifizierte Mitarbeiter. Mittelfristig aber sei das Land nicht in der Lage, innerhalb der EU wettbewerbsfähig zu sein, und das ist für Bulgarien schon ein hartes Urteil.

Zudem wuchert noch immer die Korruption, das Justizsystem muss reformiert werden, und auch auf die weit verbreitete Armut und die niedrigen Löhne macht Brüssel deutlich aufmerksam, obwohl es ausgerechnet der Internationale Währungsfonds ist, der auf einen strengen Sparkurs dringt und das öffentliche Lohnniveau gering hält.

Offiziell ist die Zahl der Arbeitslosen in den vergangenen vier Jahren von 13,7 auf knapp 18 Prozent gestiegen, doch Scheljasko Christow, Vorsitzender der Konföderation der unabhängigen Gewerkschaften, sagt, "die tatsächliche Quote liegt eher bei 28 Prozent".

Christow zeichnet ein düsteres Bild. 65 Prozent aller Bulgaren leben demnach in Armut; zum Mittelstand, der in den westlichen Staaten das Fundament sozialer Stabilität ist, gehören lediglich zwischen fünf und zehn Prozent der Bevölkerung.

Das Stadtzentrum von Sofia macht den Eindruck, als seien dies Statistiken aus einer anderen Welt, Zahlenspiele miesepetriger Gewerkschafter. Die Auslagen der modernen Ladenzeilen sind gefüllt mit Waren, alles ist hübsch dekoriert.

In den Straßen der Altstadt tragen die Männer elegante Anzüge und die Frauen elegante Kleider, und in den Cafés legen sie ihre Handys auf den Tisch, bestellen Kuchen und reden geschäftig. Es sieht fast aus wie in Paris oder Köln oder Brüssel. Wenn man dann ein bisschen weiter schlendert und zum belebten Markt hinter der Synagoge kommt, sieht man ein anderes Bild.

In mehreren Reihen drängen sich die Menschen vor den Ständen und Verkaufsbuden, vergleichen mühsam die Preise der verschiedenen Honigsorten oder für ein Kilo Äpfel, bevor sie sich zum Kauf in die Schlange einreihen. Den Lew müssen sie zweimal umdrehen. Der offizielle Minimallohn liegt bei 79 Mark. "Eine normale vierköpfige Familie, in der nur einer Arbeit hat, kann ohne fremde Hilfe nicht überleben", sagt Gewerkschaftschef Christow.

Die Regierung, die seit drei Jahren im Amt ist, kennt das Problem der Armut, aber der Begriff klingt ihr zu dramatisch. "Ich würde eher von einem schmerzvollen Preis der Transformation sprechen", sagt Bisserka Benischewa, die im Außenministerium für die europäische Integration zuständig ist. "Die Lage für die Menschen ist nicht so akut wie in Rumänien", erklärt sie, als ob dieser Vergleich die Lage besser mache.

Benischewa will eher nach vorn schauen; sie macht sich für die Fortsetzung der wirtschaftlichen Reformen stark, die sie für "das Wichtigste" hält auf dem langen beschwerlichen Weg in die EU.

Der Optimismus, den sie dabei verkündet, ist groß. Seit Beginn der Verhandlungen mit der EU habe Bulgarien bereits acht Kapitel abgeschlossen, in fünf Jahren sei ihr Land beitrittsreif, auch wenn es noch viel zu tun gebe.

Und eines ihrer Argumente ist, dass "Bulgarien mit den Reformen auf einem weit niedrigeren Niveau angefangen hat als die anderen Beitrittskandidaten".

Die EU-Kommission allerdings ließ sich zu überschwänglichen Einschätzungen nicht hinreißen, ohne Gnade beharrt sie auf die Erfüllung ihrer Kriterien. Den Bulgaren verlangt der Fortschrittsbericht deshalb viel Durchhaltevermögen ab. "Wir sind nicht enttäuscht, aber wir sind auch nicht glücklich darüber", sagt Benischewa. "Dennoch bedeutet der EU-Report für uns nicht das Ende, sondern erst den Anfang. " Das klingt kämpferisch. Aber sie sagt auch: "Der Bericht hat für Bulgarien einen image-schädigenden Effekt. " Das klingt zornig.

Eine Alternative zur EU sieht die Regierung allerdings nicht. Und die Bevölkerung scheint mitzuziehen bei der Entscheidung, ganz auf Europa zu setzen.

70 Prozent aller Bulgaren unterstützen die angestrebte Mitgliedschaft in der EU, auch wenn dieser Wert noch fallen kann, wenn ihnen nämlich klarer wird, dass der Staat von seiner gewonnenen Souveränität auch wieder etwas abgeben muss. "Die Menschen hier brauchen aber eine Perspektive", sagt Benischewa.

Jahrzehnte lang hat Bulgarien keine Wahl gehabt, jetzt will es die neue Chance nutzen. Immerhin ist es trotz aller Probleme ein stabiles Land.

Wer wie Bulgarien Jugoslawien als Nachbarstaat hat, der weiß, dass Stabilität ein hohes Gut ist. Die Unruhen, der Krieg, haben auch Bulgarien wirtschaftlich zugesetzt, und so hofft Sofia nun mit der Wende in Belgrad umgekehrt "auf eine positive Sogwirkung", wie Benischewa sagt. Starke Rückschläge könnte es im Wettrennen nach Brüssel auch kaum verkraften.

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