Roma in Deutschland Angekommen im Abseits

In der Heimat wurden sie misshandelt, in Deutschland leben sie ärmlich als Tagelöhner oder Bettler. Auf der Suche nach ihrem Glück stoßen viele Angehörige einer Minderheit aus Rumänien und Bulgarien auf große Probleme. Trotzdem wollen viele bleiben - weil es immer noch besser ist als daheim.

Von Roland Preuß und Gökalp Babayigit

Die deutschen Polizisten, sagt Sider Karamfilov, seien wunderbar. "Keine Schläge auf der Wache, so wie in Bulgarien." Wenn ihn die Beamten beim Betteln aufgreifen, dann nehmen sie ihn mit aufs Revier. Dort dürfe er sich auch hinsetzen, schwärmt der 70-Jährige und hebt die Arme. "Und sie haben uns danach sogar heimgefahren."

Daheim, das ist für Karamfilov, seine Frau und seine Tochter ein Zimmer im Hinterhof einer Mietskaserne im Münchner Stadtteil Obersendling. Drei Betten drängen sich um einen Sperrholztisch, ein Fernseher, eine Waschmaschine, eine modrige Küchenzeile - das war's. Vor der Tür brummt ein Kühlschrank, die Toilette liegt am Ende des Flurs. So leben die Karamfilovs seit gut drei Jahren.

Die Familie ist gleich nach dem Beitritt Bulgariens und Rumäniens zur EU 2007 nach München gekommen. Mittlerweile folgten Zigtausende weitere. Seit ein paar Jahren steigen die Zahlen steil an, nach Polen sind Bulgaren und Rumänen inzwischen die größte Zuwanderergruppe. 115.000 Menschen zogen allein vergangenes Jahr neu nach Deutschland. Unter ihnen sind Fachkräfte, Ehepartner, Tagelöhner - und viele, die Elend und Gewalt entfliehen wollen.

Das trifft vor allem auf Minderheiten zu, wie die Karamfilovs, die zu den Roma gehören und türkisch sprechen. Laut Amnesty International werden sie in beiden Staaten benachteiligt: In Bulgarien werden Roma-Familien aus ihren Häusern vertrieben, in Rumänien werden sie wie auch die Türken durch Polizisten misshandelt. Viele sind arbeitslos und hausen in Hütten. Sie leben zwar nun in der Wohlstandsgemeinschaft EU, aber sie sind arm geblieben. Deshalb verschwinden Tausende nach Westen, denn als EU-Bürger dürfen sie ohne Visum kommen.

Gedacht war das mit dem EU-Beitritt anders: Deutschland schränkte die Freizügigkeit ein, Bulgaren und Rumänen dürfen anders als Polen oder Griechen eigentlich bis 2014 nicht einfach als Arbeitnehmer arbeiten. Doch es gibt Schlupflöcher: Jeder kann sein Glück als Selbstständiger probieren oder einfach so bleiben. Denn die Behörden dürfen EU-Bürger nur zurückschicken, wenn sie ihnen nachweisen, dass sie gar nicht arbeiten wollen oder Verbrechen begehen.

Sider Karamfilov würde auch als verarmter Bayer durchgehen

Man sieht Sider Karamfilov nicht an, wo er herkommt, in seinem grünen Jackett und der Trachtenweste mit Hirschhornknöpfen könnte er auch als verarmter Bayer durchgehen. Seine Frau Zyumbyul dagegen trägt lange Gewänder und Kopftuch.

Karamfilov war einst Chauffeur, nun bekommt das Paar 122 Euro Rente im Monat aus Bulgarien. Wie überlebt man damit in einer teuren Stadt wie München? Gar nicht, sagt Tochter Silvija. Die 44-Jährige hat deshalb immer wieder Gelegenheitsjobs angenommen, als Putzhilfe für fünf bis sechs Euro die Stunde. "Ich halte meine Eltern am Leben", sagt sie. Doch das ist schwieriger geworden, seit sie eine chronische Halskrankheit habe, sagt Silvija. Ihre Gelegenheitsjobs verliert sie immer wieder, weil ihr die Arbeit zu anstrengend ist, zurzeit ist sie wieder arbeitslos. Etwa 200 Euro kommen im Monat trotzdem zusammen.

Unterstützung vom deutschen Staat ist nicht vorgesehen, die erhalten nur EU-Bürger, die schon länger als Arbeitnehmer gearbeitet haben. Zuwanderer wie die Karamfilovs fallen komplett durchs soziale Netz. Und ein anderer Job kommt selbst im boomenden München kaum in Frage, denn Silvija spricht kaum Deutsch, bringt weder Ausbildung noch Studium mit.

Also holen sie Brot und Milch von der Tafel und gehen am Hauptbahnhof betteln. Fünf bis zehn Euro lassen sich so pro Person am Tag erlösen. "Wir sind dort schon alte Bekannte." Damit meint Karamfilov auch die Polizisten. Weil die keine anderen Druckmittel haben, verteilen sie Strafzettel an die Bettler: Die Beamten stufen sie dann als "Mitglied einer organisierten Bettlergruppierung" ein, die Bußgeldbescheide gegen die Karamfilovs summieren sich auf etwa 14.000 Euro. Doch das Geld einzutreiben, dürfte schwierig werden.