Bürgerkrieg Studie: Doppelt so viele Tote in Syrien wie vermutet

Nach der Explosion einer Fassbombe suchen Anwohner in Aleppo nach Überlebenden. Die Zahl der Kriegsopfer ist einer Studie zufolge fast doppelt so hoch wie vermutet.

(Foto: REUTERS)

Die Vereinten Nationen gehen von etwa 250 000 Kriegsopfern in Syrien aus. Wissenschaftler sagen nun: Es sind 470 000.

Dass die Bilanz des syrischen Bürgerkriegs verheerend ist, ist nicht neu. Zahlen des UN-Menschenrechtskommissars (UNHCR) zufolge machte der seit fünf Jahren schwelende Konflikt mehr als elf Millionen Menschen zu Flüchtlingen. Mehr als vier Millionen flüchteten demnach außer Landes, hinzu kommen 7,6 Millionen Binnenflüchtlinge. 250 000 Menschen seien außerdem ums Leben gekommen. Allerdings stellte der UNHCR die Zählung der Opfer Mitte 2014 ein und verwies auf den fehlenden Zugang zu zuverlässigen Daten.

Der Thinktank Syrian Centre for Policy Research (SCPR) kommt nun zu dem Schluss, dass die Opferzahl weit höher ist. Mindestens 470 000 Menschen seien "direkt oder indirekt" durch den Krieg getötet worden, schreibt der britische Guardian, der exklusiv über die Studie berichtete.

Wissenschaftler warnt: In Zukunft mehr "indirekte" Tote

Und damit nicht genug: Mehr als jeder zehnte Syrer, 11,5 Prozent der Bevölkerung, wurde demnach in dem Krieg verletzt oder kam um - insgesamt 2,4 Millionen Menschen. 2010 lag die Lebenserwartung in Syrien noch bei 70 Jahren, bis 2015 ist sie auf 55 Jahre gefallen.

Von den 470 000 Toten, so der SCPR, seien 400 000 Menschen gewaltsam getötet worden. Die übrigen seien an Folgeschäden des Krieges umgekommen: Wegen der zusammengebrochenen Gesundheitsversorgung insbesondere an chronischen Krankheiten. Oder, weil es an Nahrung, sanitären Einrichtungen und Wohnungen fehle.

Der SCPR-Wissenschaftler Rabie Nasser kritisiert im Guardian, die Zahl der an diesen Folgeschäden sterbenden Menschen werde von den UN und den meisten Nichtregierungsorganisationen ignoriert. Sie werde aber weiter steigen.

Das SCPR war bis vor kurzem in Damaskus stationiert und hat nach eigenen Angaben überall in Syrien Material für den Bericht gesammelt. In ihm findet sich auch Kritik an der westlichen Welt:

"Obwohl die syrische Bevölkerung (...) seit fünf Jahren leidet, hat sich die globale Aufmerksamkeit für ihre Würde und Menschenrechte erst intensiviert, als die Krise sich in den entwickelten Gesellschaften bemerkbar machte und sie direkt beeinflusste."

Vor Beginn der Sicherheitskonferenz in München beraten unter anderem der russische und der US-amerikanische Außenminister, Sergej Lawrow und John Kerry, über den syrischen Bürgerkrieg. Ob von den Gesprächen aber ein Signal zur Beendigung der blutigen Auseinandersetzung ausgehen kann, ist ungewiss.

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