Bürgerkrieg in Syrien Nach den Kämpfen geht das Sterben in Kobanê weiter

Eine kurdische Frau läuft im März mit einem Kind durch die Ruinen von Kobanê.

(Foto: AFP)
  • Seit Monaten schweigen die Waffen in der kurdischen Stadt Kobanê - doch das Sterben geht weiter. Denn in den Trümmern lauern tödliche Gefahren.
  • Der Organisation Handicap International zufolge ist der Stadtkern durch Munitionsreste "extrem kontaminiert".
  • Außerdem haben die Kriegsparteien vielerorts Sprengfallen zurückgelassen.
  • Die autonome kurdische Regierung in Syriens Nordosten wirbt dennoch für eine Rückkehr der Menschen in die zerstörte Stadt.
Von Ronen Steinke

Was passiert, wenn dieser Krieg vorbei ist? Es fliegen keine Kugeln mehr in der türkisch-syrischen Grenzstadt Kobanê, seitdem die Terrormiliz IS am 25. Januar in die Flucht geschlagen werden konnte, nach einer vier Monate dauernden heftigen Materialschlacht, an deren Ende der vorerst letzte symbolträchtige Erfolg der internationalen Anti-IS-Koalition stand. Es schlagen auch keine Raketen mehr ein. Die Trümmer werden langsam beiseitegeräumt. Die Geflohenen kehren allmählich zurück. Die kurdischen Politiker der Region haben wieder die Kontrolle übernommen. Und dennoch geht das Sterben weiter, und es dürfte noch lange anhalten: Gerade erst rückt die Minenräumer-Hilfsorganisation Handicap International ein, um die Stadt wieder bewohnbar zu machen - doch was sie dort entdeckt, lässt auch die erfahrenen Fachleute staunen.

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Welche tödliche Gefahr in den Trümmern liegt, darüber berichtet die Organisation jetzt in einer ersten Untersuchung. Vor allem der Stadtkern von Kobanê sei "extrem kontaminiert". Hier fänden sich auf einem Quadratmeter durchschnittlich zehn Munitionsteile. Mehr als 700 Mal hatten Kampfflugzeuge der US-geführten Anti-IS-Koaliton 250 bis 1000 Kilo schwere Fliegerbomben auf die Kleinstadt abgeworfen, zudem explodierten etwa 40 Autobomben, und 20 Selbstmordattentäter des IS sprengten sich in östlichen Stadtvierteln in die Luft. Die Hilfsorganisation hat in den Trümmern Sprengkörper aus verschiedenen Herstellerländern gefunden: aus Russland, dem ehemaligen Jugoslawien, Belgien, den USA, der Türkei und, im Falle der Fliegerbomben, "anderen Nato-Ländern". Darunter seien Blindgänger, die bei jeder Berührung explodieren könnten. Handicap International fordert seit langem, den Einsatz von explosiver Munition in bewohnten Gebieten zu ächten.

Sogar Leichen wurden mit Sprengsätzen präpariert

Der Terror geht weiter, auch wenn die Terroristen fort sind: Im Häuserkampf um Kobanê hätten "mehrere Kriegsparteien" Sprengfallen zurückgelassen, dokumentiert die Hilfsorganisation, und diese fände man nun in Wohnungen, in Autos, Traktoren, Wassertanks und Olivenhainen. Sie erzeugten eine "Atmosphäre der Angst, weil sie eine Rückkehr zum normalen Leben verhindern". Auch Leichen seien teilweise mit Sprengsätzen präpariert und zurückgelassen worden: "gefüllt mit 20 Kilo Sprengstoff und mehr als 500 Stahlkugeln, die eine improvisierte Splitterbombe ergeben". Versuche, solche Leichen zu bergen, hätten mehrfach tragisch geendet, deshalb ließen die Bewohner von Kobanê inzwischen viele Tote unangerührt im Geröll liegen, was wiederum eine Gesundheitsgefahr bedeute.

"Die Menschen wollen zurückkehren, auch wenn 80 Prozent der Stadt in Schutt und Asche liegen", erzählte der Gesundheitsminister des Kantons rund um die Stadt Kobanê, Ahmad Nassan, kürzlich der Süddeutschen Zeitung. Der kurdische Politiker gehört zu einer De-facto-Regierung, die bereits stark für die Rückkehr der Geflohnenen wirbt - auch wenn Hilfsorganisationen wie Handicap International warnen, dass die Gefahr noch nicht vorüber sei.

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In den am stärksten verheerten Stadtteilen al-Amin und al-Murabba, rund um den ehemaligen Obst- und Gemüsemarkt Suq Hala, zögen Anwohner Blindgänger aus dem Geröll und legten diese auf der Straße ab, damit sie von Minenräumern eingesammelt werden könnten. Kurz nach Ende der Kampfhandlungen war es am schlimmsten - damals fielen durchschnittlich noch drei Menschen täglich in Kobanê den Sprengfallen und Blindgängern zum Opfer. Mehr als vierzig von ihnen wurden insgesamt getötet, viele weitere schwer verletzt. Derzeit geschehe dies in Kobanê noch fünf bis sieben Mal pro Woche.