Bürgerkrieg in Syrien "Die Dschihadisten sind die Einzigen, die einen Sold zahlen können"

Moderate syrische Oppositionsgruppen können ihre Kämpfer nicht ernähren, junge Syrer laufen aus Geldnot zu den Dschihadisten über. Das wollen die USA nun ändern. Syrien-Expertin Petra Becker erklärt im Interview, warum das längst überfällig ist.

Von Lara Gruben

Russland und Iran unterstützen Syriens Machthaber Baschar al-Assad. Die Dschihadisten bekommen Geld und Waffen aus den Golfstaaten. Jetzt hat US-Präsident Barack Obama angekündigt, im syrischen Bürgerkrieg die gemäßigte Opposition mit 500 Millionen Euro zu unterstützen. Petra Becker forscht für die Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik zu Syrien und dem Nahen Osten und erklärt im Interview, warum der Westen seiner Verantwortung bisher nicht gerecht wird.

SZ: Frau Becker, wie kann US-Präsident Obama sicher sein, dass das Geld nicht in die Hände von Extremisten gelangt?

Petra Becker: Die USA wissen, mit wem sie es zu tun haben. Sie haben seit längerem moderate Gruppen identifiziert, die sie unterstützen. Die Mittel werden gestückelt. Kleinere Beträge werden jeweils für einzelne Militäraktionen und einzelne Kämpfergruppen aufgewendet.

Wer sind diese Gruppen?

Das sind zum Beispiel die Syrisch-Revolutionäre Front, Harakat Hazm und weitere kleinere Rebellengruppen. Es ist nicht so einfach, den Überblick zu behalten. Die Gruppen benennen sich ständig um.

Wie haben sie sich bislang finanziert?

Sie haben bislang keine verlässlichen Einkommensquellen. Das heißt, sie kooperieren immer mit demjenigen, der sie gerade unterstützt. Militärhilfe gab es immer nur aus unterschiedlichen Ländern - und dann in Einzelchargen. Es war ein strategischer Fehler des Westens, die Rebellen nicht früher und viel stärker zu unterstützen. Das wissen die USA auch. Bislang sind nur extremistische Kräfte unterstützt worden - auf beiden Seiten.

Welche Kräfte genau?

Einerseits das Assad-Regime, das von Russland und Iran unterstützt worden ist. Und auf der anderen Seite die Dschihadisten, die aus informellen Netzwerken Geld und Waffen bekommen haben, vor allem aus den Golfstaaten.

Sollten sich - neben den USA - auch andere Staaten einmischen?

Die Gruppe der Freunde Syriens - dazu gehören ja neben den USA mehr als 100 weitere Staaten, unter anderem die EU, die Türkei und die Golfstaaten - sollte die syrische Opposition auch militärisch unterstützen. Und zwar nicht vornehmlich im Kampf gegen das Regime. Vielmehr ist es wichtig, dass die Gebiete stabilisiert werden, die vom Regime befreit sind. Also vor allem die Provinzen Idlib und Aleppo im Norden, aber auch den Süden des Landes

Wie würde eine Stabilisierung aussehen?

Stabilisieren bedeutet erst einmal, die Provinzen gegen Luftangriffe des Regimes zu schützen. Im Moment ist in diesen Gebieten die Infrastruktur weitgehend zusammengebrochen. Es gibt kein Wasser, keinen Strom; und überall dort, wo etwas instandgesetzt wird, wird es binnen kürzester Zeit wieder zerstört. Da gibt es zwei Optionen: entweder eine Flugverbotszone oder tragbare Luftabwehrraketen. Bisher hat der Westen immer gesagt, er wolle keine Flugverbotszone, weil das ein zu großes militärisches Engagement bedeuten würde. Aber er wollte den Rebellen auch keine Luftabwehrraketen geben, weil sie Extremisten in die Hände fallen könnten. Da muss man sich entscheiden, will man das eine oder das andere. Wichtig ist, dass wieder Strukturen geschaffen werden, damit junge Leute arbeiten oder in die Schule gehen können, damit sie eine Perspektive bekommen. Es muss möglich sein, diese Gebiete mit Nahrungsmitteln und Medikamenten zu versorgen, damit sich junge Männer nicht gezwungen sehen, eine Einnahmequelle bei den Dschihadisten zu suchen. Die Dschihadisten sind die Einzigen, die einen Sold zahlen können.

Es heißt, die USA wollen das Geld für "Ausstattung und Training" einsetzen. Was bedeutet das konkret?

Ich weiß nicht, was die USA genau planen. Es reicht allerdings nicht, ein paar Hundert Rebellen mit dem Nötigsten zu versorgen. Wenn eine Truppe aufgebaut werden kann, die regelmäßigen Sold erhält, würde sie auch Kämpfer, die jetzt mit den Dschihadisten unterwegs sind, wieder zurück in den Schoß der moderaten Kräfte holen. Denn bislang können die moderaten Gruppen ihre Kämpfer nicht einmal ernähren, geschweige denn bewaffnen. Viele der Rebellen haben sich nur deshalb den Dschihadisten angeschlossen.

Kritiker sagen, es würde den Krieg befeuern, wenn mehr Staaten eingreifen.

Das Argument hören wir seit drei Jahren. Wir haben gesehen: das Nicht-Eingreifen des Westens macht die Situation noch schlimmer, als es ein Eingreifen jemals vermocht hätte. Dieses sture Festhalten an einer militärischen Lösung, dass wir bei Assad und seinen Unterstützern Russland und Iran sehen, hat ja die Lage erst eskalieren lassen und dazu geführt, dass die Dschihadisten Fuß fassen konnten. Militärisches Engagement von Seiten der USA und anderer sollte andere Ziele haben: die Zivilbevölkerung schützen, Regionen stabilisieren und damit sowohl Isis bekämpfen als auch das Regime zurück an den Verhandlungstisch bringen.

Der russische UN-Botschafter wiederum sagt, "die USA gießen Öl ins Feuer"...

Was soll man dazu sagen? Russland hat sich die ganze Zeit als Vermittler gegeben. Als jemand, der an Frieden, an einer Dialoglösung interessiert ist. Hinten herum hat Russland die Dialoglösung dadurch torpediert, dass es Assad mit Militärhilfe versorgt hat. Das ist absurd.