Buch zur Occupy-Bewegung Ansichten eines aufgeschlossenen Anarchisten

In seinem neuen Buch "Inside Occupy" berichtet David Graeber, Vordenker der Occupy-Bewegung, vom brutalen Vorgehen der Polizei gegen die Proteste, prangert Medien und Politiker an und hofft, dass Occupy klassenübergreifend wirksam sein wird. Auch wenn die politischen Vorstellungen des Autors oft fantastisch sind - amüsant ist die Lektüre seines Buches allemal.

Von Franziska Augstein

Es gibt ein neues Orakel. Sein Name ist David Graeber. Was ist faul am Kapitalismus und der Marktwirtschaft? Frag David Graeber. Wie sollte die Gesellschaft aussehen? Frag David Graeber. Alle machen es, auch die SZ. Sein dickes Buch "Schulden" ist ein Potpourri aus ethnologischen Beobachtungen und ökonomisch-historischen Konjekturen von der Steinzeit bis heute, die sich im Besonderen um die Entwicklung der Geldwirtschaft und der Märkte drehen.

Das Buch ist ein mutiger Wurf, mutig vor allem deshalb, weil es argumentativ nicht überzeugt. Letzteres scheint die deutschen Rezensenten freilich nicht zu stören. So ist das halt mit Orakeln: Sie müssen ihre eigenen Hypothesen nicht falsifizieren. Sie werden erkoren und dann geachtet, eben weil ihre Rede unergründlich ist.

Glücklicherweise kann David Graeber aber auch anders. "Inside Occupy" heißt das zweite Buch von ihm, das jetzt auf Deutsch erschienen ist. Im Vergleich zu "Schulden" ist es ein kleines Buch - klein, aber oho! Während man sich bei der Lektüre von "Schulden" des Eindrucks nicht erwehren kann, dass hier allzu oft der Wunsch Vater des Gedankens beziehungsweise der Theorie geworden ist, handelt "inside Occupy" von handfesten Dingen: Von dem, was der 51 Jahre alte Graeber als langjähriger Globalisierungskritiker, Demonstrant und "aufgeschlossener Anarchist", wie er sich nennt, erlebt hat.

Was gewegt die Menschen "draußen im Lande"?

Sein Buch ist wichtig: Für Politiker, damit sie wissen, was "die Menschen draußen im Lande", wie Helmut Kohl sie nannte, bewegt. Kohl unterschied, ohne es zu sagen, zwischen "draußen" und "drinnen": Draußen saß das Stimmvieh, drinnen wurde Politik gemacht. Genau das ist es, wogegen Graeber kämpft. Deshalb ist "inside Occupy" für jeden interessant, der noch glaubt, dass die Demokratie die beste aller schlechten Regierungsformen ist. Und schließlich gibt das Buch unschätzbar gute Ratschläge für alle, die wissen wollen, wie man große Treffen mit Hunderten Diskutanten fair und effizient organisiert.