Buch über Washingtons Politzirkus Machtelite außer Rand und Band

Im Capitol in Washington arbeiten die Senatoren und Mitglieder des Repräsentantenhauses.

(Foto: AFP)

Selbstverliebt und inzestuös: Im Bestseller "This Town" beschreibt Mark Leibovich das Innenleben der Machtzirkel in Washington. Die Diagnose ist deprimierend. Journalisten, Lobbyisten und Politiker eint der Wunsch, reich zu werden und das eigene Ego zu befriedigen.

Von Matthias Kolb

Bei einer Trauerfeier sollte es eigentlich getragen zugehen. Die Gäste loben den Verstorbenen und sprechen den Angehörigen ihr Mitgefühl aus. Nicht so in Washington. In Amerikas Hauptstadt werden bei einem solchen Anlass Visitenkarten ausgetauscht, Intrigen geschmiedet und Allianzen geschlossen. Bereits in der Eingangsszene skizziert Mark Leibovich das Grundmotiv seines Sachbuch-Bestsellers "This Town": Es geht um Macht, Eitelkeit und das ungesund enge Verhältnis von Politik, Wirtschaft und Politik.

Im Juni 2008 trifft sich Washingtons gesellschaftliche Elite im Kennedy Center, um den Tod von Tim Russert zu betrauern. Russert moderierte jahrelang die TV-Talkrunde "Meet the Press". Egal ob Demokraten oder Republikaner, Lobbyisten oder Verleger - alle spielen ihre Rolle. Bill und Hillary Clinton geben sich nach außen ebenso bestürzt ("Sie hassten Russert, und er hasste sie") wie Russerts Familie und Kollegen.

Washington ist laut Leibovich zwar das "Hollywood für hässliche Leute", doch in Sachen Eitelkeit steht man der Filmmetropole in Nichts nach. Ein Event wie Russerts Trauerfeier ist ein fein orchestriertes Schaulaufen, bei denen Besucher genau beobachten, wer sich wie lange mit wem unterhält und wer ignoriert wird. Die meisten Anwesenden kennen sich seit Jahren - auch Mark Leibovich, Korrespondent des New York Times Magazine, berichtet seit Ende der Neunziger über den Politbetrieb. Dass er selbst Insider ist, hindert ihn nicht, den Leser hinter die Kulissen zu führen.

Da ist etwa Andrea Mitchell, Journalistin von NBC News und ein "laufender Interessenskonflikt". Ihre Ehe mit Alan Greenspan, dem langjährigen Chef der Notenbank, wurde von einer Richterin des Supreme Court geschlossen und beide sind im Weißen Haus ebenso gern gesehen wie beim 50. Geburtstag der Republikanerin Condoleezza Rice. Dass die lockere Geldpolitik ihres Ehemanns zur globalen Finanzkrise 2008 beitrug, führte nicht dazu, dass Mitchell nicht über deren Auswirkungen berichten durfte - sie werde dies "professionell" handhaben, versicherte der Sender.

Jeder zweite Senator wird Lobbyist

Leibovich schilderte viele Anekdoten, über die in DC seit Wochen geredet wird: Nachdem Obama-Intimus David Axelrod wegen einiger gegen ihn gerichteten Drohbriefe Personenschutz erhielt, habe Topberaterin Valerie Jarrett "aus Neid" darauf bestanden, ebenfalls vom Secret Service geschützt zu werden. Er porträtiert Figuren wie den Superanwalt Bob Barnett, der für die Clintons ebenso lukrative Buchverträge aushandelt wie für Tea-Party-Ikone Sarah Palin. Vor den TV-Kameras mögen sich Demokraten und Republikaner bei jeder Gelegenheit beschimpfen und blockieren, doch wenn es ums Geschäft geht, herrscht große Einigkeit.

Nicht nur John Oliver, britischer Vertretungsmoderator der Daily Show, findet vieles in "This Town" schockierend. Detailliert beschreibt Leibovich das Prinzip der revolving door: Immer mehr Politiker nutzen Wissen und Kontakte, die sie als Volksvertreter gesammelt haben, um nach ihrer Abwahl "durch die Drehtür zu gehen" und als Lobbyisten und Berater sechsstellige Beiträge einzustreichen. 1974 lag die Quote dieser "flexiblen" Politiker noch bei drei Prozent - heute wechseln jeder zweite Ex-Senator und zwei von fünf Ex-Mitgliedern des Repräsentantenhauses die Seiten.

"Meine Stimme ist nicht zu kaufen, aber sie kann gemietet werden", erklärte der Demokrat John Breaux aus Louisiana schon in den Achtzigern stolz. Als ihn die eigene Parteiführung wegen des Spruchs maßregelte und als "billige Hure" beschimpfte, entgegnete der Senator: "Ich bin nicht billig."