Britisches Sozialsystem Großbritannien spart Kinderarmut herbei

Unter beengten Wohnverhältnissen litten kinderreiche Familien in den britischen Großstädten mit ihren hohen Mieten schon länger. In den vergangenen Jahren verschlimmerte sich die Situation.

(Foto: Oli Scarff/Getty Images)
  • In Großbritannien wächst die Zahl verarmter Kinder Studien zufolge um etwa hunderttausend im Jahr. Auch die Zahl der jungen Obdachlosen steigt.
  • Das Elend ist ein Resultat von Sparmaßnahmen der Regierung.
  • Greifbar wird es zum Beispiel im Londoner Stadtbezirk Bethnal Green.
Von Cathrin Kahlweit, London

Das Museum der Kindheit steht wie ein Fremdkörper mitten in Bethnal Green. Drumherum Secondhand-Läden, Kleidermärkte, jugendliche Dealer in einem nahen Park. Frauen in schief gelaufenen Schuhen stehen im strömenden Regen Schlange an einer Bushaltestelle. Durch die Ausstellung rennen kreischende Schüler mit gelben Warnwesten, damit sie in der restaurierten Industriehalle und draußen im Überlebenskampf auf Londons Straßen nicht verloren gehen. In den Vitrinen: Festtagskleider aus dem 19. Jahrhundert, Samtkrägen und Rüschen, Puppenhäuser mit echten Zinntellern, Stubenwagen mit handbestickten Überwürfen. So schön, so wertvoll konnte Kindheit sein.

Charles Dickens hat die andere Seite der Kindheit in London beschrieben; 1837 kam "Oliver Twist" heraus, die Geschichte jenes elternlosen, ewig hungrigen, verwahrlosten Jungen, dessen Kindheit sich zwischen Armenhäusern und Spelunken abspielte, und dessen Schicksal die bessere Gesellschaft damals schockierte. Viele Leser waren nie in Gegenden wie dem Old Nichol Slum in Ost-London gewesen, wo hungernde Waisen in kalten Fabriken Kinderarbeit verrichteten und Großfamilien in feuchten Verschlägen hausten. Bis vor Kurzem gab es auch dafür ein Museum östlich der Hauptstadt: "Dickens World" hieß es.

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Die Gruselschau ist mittlerweile geschlossen. Die Kinderarmut, das Elend, die Not der Unterschicht, die der Autor schilderte - all das ist geblieben. Sie sieht jetzt anders aus. Aber ist spürbar, messbar. Und sie wächst.

400 000 Kinder mehr als vor vier Jahren leben in Familien mit Einkommen unter 15 000 Pfund

In Bethnal Green, einem Stadtbezirk mit überdurchschnittlich hoher Arbeitslosigkeit und vielen Sozialwohnungen, kann man sie sehen, riechen, schmecken. Deutsche Bomben hatten einst große Teile des alten Hausbestands zerstört, Wohntürme wuchsen aus dem Schutt. Obwohl die Gentrifizierung auch im Ostteil der Metropole mit Macht einsetzt, liegt die Wahrscheinlichkeit für ein Kind, hier in Armut aufzuwachsen, bei mehr als 50 Prozent.

Eine Untersuchung der Kampagne "End Child Poverty", in der sich mehr als hundert Wohlfahrtsorganisationen, Gewerkschaften und Vereine zusammengetan haben, hat jetzt Zahlen veröffentlicht, die ein Scheitern der Politik belegen: In Großstädten wie London, Birmingham und Manchester mit ihren hohen Mietpreisen, aber mehr noch im deindustrialisierten, abgehängten Norden, in Wales, in Nordirland, wächst die Armut und damit auch die Kinderarmut - wieder. Unter Labour war sie gefallen, worauf Linken-Chef Jeremy Corbyn heute sehr gern verweist.

In 25 Wahlkreisen des Königreichs leben derzeit fast 40 Prozent aller Kinder unter der Armutsgrenze, hat "End Child Poverty" ausgerechnet, das sind 400 000 mehr als vor vier Jahren. Besonders dort, wo die Not ohnehin schon groß ist, werde es immer noch schlimmer, allen Bemühungen von Stiftungen, Kirchen und Vereinen zum Trotz. Als arm werden Kinder in Großbritannien dann gewertet, wenn sie in Familien mit einem Jahreseinkommen von weniger als 15 000 Pfund (ca. 17 000 Euro) leben.

Die Studie bestätigt damit das Institute for Fiscal Studies. Das hatte im vergangenen Herbst konstatiert, wenn es so weitergehe, würden allein bis 2022 weitere 400 000 Kinder in absoluter Armut leben, das sei eine Steigerungsrate von vier Prozent. Alle Fortschritte der vergangenen 20 Jahre auf dem Gebiet der Armutsbekämpfung würden derzeit zunichte gemacht. Die drastische Sparpolitik der vergangenen Jahre, die Schließung von Sozialstationen, die Kürzung von staatlichen Hilfsprogrammen, eine familienfeindliche Steuerpolitik - all das mache Kinder zu Opfern.