Britisches Parlament Cameron ordnet Untersuchung von Missbrauchsvorwürfen an

Wie konnte ein Dossier zum Verdacht auf Kindesmissbrauch durch Politiker und Prominente in den 1980ern einfach verschwinden? In die Debatte um das Dokument schaltet sich Premier Cameron ein - und ein ehemaliger Minister droht, öffentlich Namen zu nennen.

Es ist ein Dossier, das nach Jahrzehnten für einen Skandal sorgen könnte - wenn es zugänglich wäre: eine Dokumentensammlung zu möglichem Kindesmissbrauch durch hochrangige britische Politiker und Prominente in den 1980er Jahren. Premierminister David Cameron hat nun eine Untersuchung angeordnet, um herauszufinden, was mit den Papieren geschehen ist, die vor mehr als 30 Jahren dem damaligen Innenminister Leon Brittan vorgelegt wurden.

Cameron beauftragte den höchsten Beamten des Innenministeriums, sich der Sache anzunehmen und reagierte damit auf die öffentliche Debatte zu dem Fall. Oppositionsführer Ed Miliband hatte zuvor "eine ernsthafte Untersuchung" gefordert. Britische Medien berichten seit längerem über das Thema, immer wieder wird die britische Öffentlichkeit durch neue Enthüllungen zu prominenten Missbrauchsfällen - etwa durch den BBC-Star Jimmy Savile - erschüttert.

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Der Abgeordnete Geoffrey Dickens, von dem das Dossier stammte, kann nicht mehr befragt werden, er starb bereits 1995. Er war in den 1980er Jahren für seinen engagierten Kampf um die Aufklärung von Kindesmissbrauch durch hochrangige Persönlichkeiten bekannt geworden.

Bereits im vergangenen Jahr hatte das Innenministerium in London eine unabhängige Untersuchung zum Verbleib der Dokumente eingeleitet. Diese hatte ergeben, dass manche Teile an die Polizei weitergegeben, andere aber entweder verloren gegangen oder vernichtet worden seien. Der ehemalige Innenminister Brittan hatte laut Daily Mail zunächst bestritten, sich überhaupt an den Vorgang zu erinnern, später jedoch behauptet, die Unterlagen an zuständige Stellen weitergeleitet zu haben. Die neue Untersuchung soll nun Details ans Licht bringen.

Unterdessen hat ein früherer Minister gedroht, notfalls im Parlament auf eigene Faust Namen von Verdächtigen zu nennen. Tim Loughton kündigte an, er sei bereit, im Unterhaus Namen öffentlich zu machen, die im Zusammenhang mit Missbrauch in Westminster stünden. Wie der Daily Telegraph berichtet, wäre er dabei durch das britische Recht geschützt, das Äußerungen im Parlament von Verleumdungsklagen ausnimmt.

Auf Twitter wies er zudem auf den immer lauter werdenden Ruf nach vollständiger Aufklärung hin. Mittlerweile 140 Parlamentsabgeordnete fordern demnach die Einrichtung einer nationalen Untersuchungskommission, die auch öffentliche Anhörungen durchführt.