Briefmarken Tapfer in der Nische

Illustration: Stefan Dimitrov

Es gibt nicht mehr viele Leute, die für Briefmarken schwärmen, manchmal werden trotzdem immer noch Millionensummen gezahlt.

Von Joachim Käppner

Hast du schon kein Glück, dann kommt auch noch das Pech dazu. Diese alte Fußballerweisheit lässt sich dieser Tage auf einen höchst ehrwürdigen Verband übertragen, in dessen Reihen es offenbar ähnlich ruppig zugeht wie auf der Hauptversammlung eines kriselnden Zweitligaklubs. In der Spitze des Verbandes der deutschen Philatelisten tobt ein Streit um Vorwürfe, Gegenvorwürfe, Satzungsauslegungen, wer wen warum absetzen darf oder auch nicht. Die näheren Frontstellungen sind für Nicht-Philatelisten weniger interessant als die Symbolkraft des Haders, bei dem es um auch die sinkenden Mitgliederzahlen geht: Das Sammeln von Briefmarken, einst ein Massenhobby von Jung und Alt, ist im Internet-Zeitalter auf ein Format geschrumpft, kleiner als die erste Briefmarke "One Penny Black" von 1840.

Viele Digital Natives wissen heute nicht einmal mehr genau, wie man einen Brief eigentlich schreibt und schickt, wohin Adresse und Marke gehören. Das alles ist für sie so fremd wie die Keilschrift der Sumerer. Trotzdem hat Tilman Dohren ausgesprochen gute Laune. Wer erwartet, gemäß der alten Devise, die Klage sei der Gruß des Kaufmanns, von ihm ein Lamento zu hören, alles gehe den Bach hinunter, der wäre wirklich an den Falschen geraten.

Das Traditionsgeschäft Tilman Dohren Briefmarken & Münzen liegt in einer Passage gleich beim Münchner Viktualienmarkt. Ein Laden voller Postwertzeichen, deutsche Marken seit 1849, Exemplare aus aller Welt. Vier Stück französische Besatzungszone, Motiv "Wiederaufbau Freiburg", Block gezähnt für 66,50 Euro. Surinams Affen, kompletter 12er-Block, 13,50. DDR-Komplett-Prachtsammlung in vier Alben für 995 Euro. Ist das, bei aller Liebe, nicht etwas von gestern? Händler Dohren lacht. Ach was, sagt er, mit dem Volkssport Briefmarkenalbum sei es doch schon lange vorüber. "Schon vor 30 Jahren, in meiner Kindheit", sagt er, "war ich unter 300 Schülern der einzige, der Briefmarken gesammelt hat. Manche haben mich ausgelacht dafür. Und damals gab es noch nicht einmal das Internet." Aber er hat trotzdem aus dem Hobby den Beruf gemacht, "und bereut habe ich das keine Sekunde".

Der Markt ist enorm geschrumpft, kein Zweifel. Auch bei Dohren kommen nicht mehr sehr oft Passanten vorbei, denen im Schaufenster eine schöne Marke ins Auge sticht, und die sie spontan kaufen, um sie abends zufrieden ins Album zu stecken, in die Sammlung Nilpferde, Sportereignisse oder Segelschiffe. Bei Raritäten dagegen empfiehlt sich, im Gegensatz zu den Nilpferden, ein massiver Tresor. Erst kürzlich war die "Rolf Goldschagg Kollektion Altbaden" für 1,7 Millionen Euro auf dem Markt.

Sammler, Anleger, Investoren und auch Spekulanten zahlen hohe Preise für seltene Stücke. Der Markt hat sich spezialisiert. Aber natürlich, die eigentliche Briefmarkengemeinde ist klein geworden, trotz aller Chatforen, Wettbewerbe und Treffen. "Die Zahl der klassischen Sammler ist stark zurückgegangen", sagt Uwe Decker, der Präsident des erwähnten Philatelistenbundes, "der demografische Wandel verstärkt den Trend noch." Der Verband schrumpft jährlich um fünf Prozent der Mitglieder, die verbleibenden sind oft im Rentenalter. Die "Deutsche Philatelisten-Jugend" zählt nur noch etwa 5500 Mitglieder und erklärt tapfer: "Was seltener wird, wird besonderer und dadurch wertvoller."

Kürzlich wurde im Stralsunder Ozeaneum in Anwesenheit von Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) die Briefmarkenserie "Für die Jugend 2016" präsentiert, der Erlös geht an die Stiftung Deutsche Jugendmarke, zur Förderung von Projekten der Kinder- und Jugendhilfe. Die Motive der Serie zeigen Scholle, Kabeljau und Hering. Und so löblich all dies ohne Zweifel ist, dürften Kabeljauporträts auf Briefmarken im Zeitalter der digitalen Bilderflut doch eher überschaubare Anziehungskraft entfalten.

"Meerestiere Neukaledoniens" - die bunten Wertzeichen erzählten von exotischen Welten

Früher, noch in den Fünfzigern und Sechzigern, gab es in fast jedem Haushalt und in den meisten Kinderzimmern Briefmarkenalben: Motivsammlung Weltraum, international, frühe Sechziger. 300 Jahre Landung der Pilgerväter, USA 1920. Luftfahrt in Brasilien, 1974. Indiens Tiere, 1963. Meerestiere Neukaledoniens, 1959. Die bunten Wertzeichen erzählten von fremden, exotischen Ländern und Welten, als die Familie noch am Titisee oder am Dauner Maare Sommerurlaub machte und die Strände des Südens weit weg waren. Wahrscheinlich hat der Münchner Händler Dohren recht und der schleichende Niedergang des Sammelns begann lange vor der digitalen Revolution.

Wie ist das nun mit dem Fluch des Internets, der so viele Branchen getroffen hat? Dohren hat mit dem Netz "kein Problem", er nutzt es im Gegenteil für seine Zwecke. Früher war das Angebot auf dem Markt allein in den voluminösen und noch immer bestehenden Michel-Katalogen verzeichnet, aber besser präsentieren lassen sich Schmuckstücke online. Heute macht er gut die Hälfte des Umsatzes durch den Internet-Handel.

Tatsächlich gibt das Netz den Verkäufern die Gelegenheit, ihre Ware buchstäblich im besten Licht zu zeigen: vergrößert fotografiert, mit Farben und scharfen Konturen sind die Marken besser zu erkennen als einstmals beim Händler unter der Lupe. Viele Philatelisten beklagen sich allerdings, dass die Motive heute fader seien als zur Blütezeit des Gewerbes. Zum Inbegriff der Lieblosigkeit gerieten die hässlichen kleinen Centmarken, welche die Deutsche Post ihren rituellen Gebührenerhöhungen für Briefporto folgen lässt: eine aufgedruckte Zahl, das war's. Aber Philatelistenpräsident Uwe Decker mag nichts davon hören, dass früher alles besser und schöner gewesen sei: "Dieses Lamento höre ich schon, seit ich Briefmarken sammele."

Decker ist da nicht ganz unparteiisch, denn er gehört zu jenen Beiräten, die zusammen mit der Post und dem Bundesfinanzministerium, das die Marken herausgibt, über deren Motive beraten. Diese, sagt er, "sind eine Visitenkarte unserer Zeit und unserer Gesellschaft". Und die Sondermarken "Dresden Elbpanorama" (45 Cent), "Gerhard Richter Seestück" (1,45 Euro) oder "200 Jahre Skat" (90 Cent) können sich durchaus sehen lassen. Decker jedenfalls ist überzeugt: "Marken und Markensammeln werden erhalten bleiben." Und dazu hat er, im Beirat, wieder seinen Beitrag geleistet: Bald soll eine Briefmarke erscheinen, die Jungen wie Erwachsenen gefallen könnte: Fix und Foxi auf einem Skateboard. Manche Dinge werden niemals alt.