Brennelementewerk in Hanau Was die Politik umtrieb, ging nie in Betrieb

Das Hanauer Brennelementewerk stand im Zentrum eines Glaubensstreits und trieb die erste rot-grüne Koalition auseinander.

Von Von Detlef Esslinger

Und nun nach China mit dem Zeug? Peking hat Interesse an Teilen der seit langem stillgelegten Brennelemente-Fabrik in Hanau bekundet. Peter Faber, Chef der Siemens-Rückbauprojekte in Hanau, kann auf Anhieb nicht genau beziffern, welches Volumen die Anlage hat: "50, 60, vielleicht sogar 70 Container." Jedenfalls ist alles ordentlich verpackt und geparkt, liegt leider nur nutzlos herum und wartet "auf ihr seliges Ende", wie Faber sagt - dann korrigiert er sich: "auf ein sinnvolles".

Es ist ja nicht irgendeine Produktionsanlage, die da in Hanau lagert. Es handelt sich um ein Werk, das in den achtziger und frühen neunziger Jahren im Zentrum einer Glaubens-Auseinandersetzung stand. An Namen von Atomfabriken wie Alkem oder Nukem entzündete sich Streit.

1987, auf dem Höhepunkt des Zwistes, nahm SPD-Ministerpräsident Holger Börner den Rücktritt des Grünen-Umweltministers Joschka Fischers an - der diesen freilich gar nicht erklärt hatte. Die erste rot-grüne Koalition in Deutschland war zu Ende, kurz darauf kam in Hessen die CDU an die Macht, zum ersten Mal. Und alles wegen Hanau.

Das Mox-Brennelementewerk war mal als das Herzstück der deutschen Atomindustrie gedacht. Schon in den Sechzigern war in Hanau ein Konglomerat von Firmen entstanden, die bald zu den weltweit führenden Herstellern von Kernbrennstoffen gehörten, unter anderem Alkem und Nukem. Sie dachten, mit der Mox-Technik auch die Entsorgungsprobleme gelöst zu haben. Zusammen mit Uran wurde das Abfallprodukt Plutonium zu einem Mischoxid (Mox) verarbeitet, das sich dann erneut als Brennelement eignete.

Allerdings stellte sich heraus, dass die Anlage nie eine Betriebsgenehmigung gehabt hatte. Eine Auseinandersetzung begann, die zu den prägenden Ursprüngen der Grünen gehört. In der Wiesbadener Regierungsverantwortung hatten sie erstmals den Unterschied zwischen Wünschenswertem und Möglichem zu lernen.

Gegen den Kernkraft-Fan Börner konnte Fischer sich nicht durchsetzen. Als er aber 1991 erneut Umweltminister wurde, tat er sein Möglichstes, den Betrieb der 560 Millionen Euro teuren, neuen Mox-Anlage zu verhindern. 1995 gab Siemens, das die Alkem übernommen hatte, auf - die Branche hatte sich Kapazitäten im Ausland besorgt. Und in Hanau begann der Rückbau. Ursprünglich wollte Siemens in Hanau jährlich 120 Tonnen Mischoxid aus Uran und Plutonium herstellen.

Das radioaktive und hochgiftige Plutonium fällt bei der Spaltung von Uran in Atomreaktoren an. Mox-Brennelemente werden in Leichtwassereaktoren verwendet und bestehen zu rund drei Prozent aus Plutonium und zu etwa 97 Prozent aus Uran.