Brand in Bukarest Wie die "Colectiv"-Katastrophe Rumänien verändert hat

Bürger in Bukarest gedenken der Opfer.

(Foto: dpa)

60 Tote, mehr als 100 Verletzte - der Brand im Bukarester Club "Colectiv" hat das Land tief getroffen und zu wütenden Protesten gegen das korrupte politische System geführt. Darin liegt eine Chance.

Gastbeitrag von Miruna Troncota

Dieser Artikel erscheint im Rahmen der Kooperation "Mein Europa" von Süddeutsche.de mit dem Projekt FutureLab Europe der Körber-Stiftung.

Am 30. Oktober sah ich gerade zu Hause fern, als ich von der Katastrophe im Bukarester Nachtclub "Colectiv" hörte. 60 Menschen starben, weit über 100 wurden verletzt. Ich war geschockt. Erst zwei Wochen zuvor war ich in dem Gebäude gewesen, in dem der "Colectiv" Club untergebracht war (eine ehemalige Schuhfabrik, die nun als Veranstaltungsort für alternative gesellschaftliche und kulturelle Events in Bukarest diente). Ich hörte Menschen über das Konzert sprechen, und einige Minuten lang hoffte ich, dass alles nur ein Alptraum sei. Ich starrte auf den Fernseher und konnte nicht glauben, was ich da sah. Enge Freunde von Freunden starben in dieser Nacht.

Das Unglück war ein Schock, löste aber auch die größten Proteste in Rumänien seit der Revolution von 1989 aus. 70 000 Menschen gingen im ganzen Land auf die Straße. Der Rücktritt von Ministerpräsident Ponta führte zu politischer Instabilität und Chaos, die Demonstrationen auf der Straße gingen weiter. Der Kampf gegen diejenigen, die aus dieser nationalen Tragödie politisches Kapital zu schlagen versuchten, war allein schon Grund dafür, die Proteste fortzusetzen.

Doch nach einer Woche voller Proteste und Forderungen, an der sich viele junge Menschen und Leute aus der Mittelschicht beteiligt hatten und die zur Entlassung und Verhaftung vieler Funktionäre geführt hatte, verlor die politische Debatte ihren Fokus. Nur einen Monat später waren aus dem Schmerz, der Verwirrung und dem Gefühl der Hilflosigkeit scharfe Anklagen, Spekulationen und politische Streitereien geworden.

Der Vorfall im "Colectiv" glich einem Erdbeben für die rumänische Gesellschaft, einem Moment höchsten Schmerzes, der gleichzeitig große Hoffnungen weckte und enorme Enttäuschungen produzierte. Die Katastrophe und ihre Bewältigung ließen die inhärenten Schwächen unseres politischen und administrativen Systems, aber auch unseres eigenen Denkens offenkundig werden. Rumänien durchlebte in einer Woche die schwerste Krise der vergangenen 26 Jahre. Auf allen Ebenen.

Ich tendiere sogar dazu, den durch die Medien geisternden Begriff der "Revolution" zu verwenden, weil ich genau das empfinde - nach dieser Tragödie wird nichts mehr so sein wie vorher. Weder für mich oder für meine Freunde, noch für meine Generation oder die Generation unserer Eltern.

Knapp zwei Monate nach der Tragödie und dem Tod immer weiterer junger Menschen in den Krankenhäusern stellte ich mir allerdings die Frage, ob dieses Ereignis wirklich einen grundlegenden Wandel bedeutete oder nur ein Warnschuss war, den Rumänien für einen Neustart brauchte? Manchmal hat man das Gefühl, dass viele jetzt einfach voranschreiten wollen. Aber wie stellen wir sicher, dass wir die richtigen Lehren gezogen haben?

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Es ist bekannt, dass man sich nach einer Tragödie gerne täuschen lässt, doch gleichzeitig hilft einem diese Verletzlichkeit, die Dinge klarer und rationaler zu betrachten. Und manchmal beginnt man, absolut alles anzuzweifeln, was man sieht oder hört. Der Zorn gegen das System ist genauso mächtig wie die Hoffnung auf einen Übergang in eine neue Art der Gesellschaft. Wie kann man diese Katastrophe konstruktiv nutzen?

Die Frage der politischen Verantwortung

Genau wie ich sind viele Menschen der Ansicht, dass eine einzige Nacht mehr in Rumänien verändert hat, als dies in den 26 Jahren zuvor der Fall war. Fast alle würden der Aussage zustimmen, dass "nichts mehr so sein wird wie vorher". Andere sind der Ansicht, dass der Brand im "Colectiv" Club in Bukarest eine Generation dazu zwingt, viel schneller erwachsen zu werden als geplant. Doch wir haben alle das Gefühl, dass sich etwas sehr wichtiges verändert hat. Die Tragödie machte allen klar, dass das Nichtbefolgen von Regeln eine Kettenreaktion auslöst, die zum Verlust unschuldigen Lebens führt. Korruption tötet. Das wussten wir alle zwar schon. Doch dieses Mal war es endgültig genug. Nach drei Tagen Trauer verwandelte sich Wut in politischen Protest, online wie offline. Auf den Straßen war sowohl Hoffnung als auch Verzweiflung angesichts der Zukunft Rumäniens zu spüren.

Bald begannen die Behörden damit, sich gegenseitig die Schuld für das tragische Ereignis zuzuschieben. Immer mehr Politiker traten zurück und milderten den Ärger junger Demonstranten, die die Opfer beklagten und ihren Frust gegen das veraltete politische System hinausschrien. Mein Eindruck war, dass sich die Wut aus den Straßenprotesten mit Schuldzuweisungen und einem tiefen Verlangen, die Verantwortlichen zu identifizieren, vermischte. Es gab den Vorschlag, von einer kollektiven Schuld auszugehen, weil unsere Ignoranz die Korruption verstärkt hätte. Andere sahen die Schuld stattdessen beim Staat und dessen Vertretern, weil Bürger auf individueller Ebene unschuldig seien. Meiner Meinung nach ist es eine Mischung aus beidem: Ich glaube, dass die Demokratie auf einer starken Partnerschaft zwischen dem Staat und seinen Bürgern beruht und die Verantwortung sowohl in den Händen jedes Einzelnen als auch bei den staatlichen Vertretern liegt. Wenn sich beide Seiten ignorieren, kann daraus nichts Gutes erwachsen.

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Die überwältigende Solidarität, die Mobilisierung der Zivilgesellschaft und die freiwillige Hilfe wurden begleitet von konstanten Schuldzuweisungen und einem gravierenden Mangel an Vertrauen. Die Diskussion verengte sich bald auf die Auseinandersetzung zwischen UNS - den Bürgern, und IHNEN - den Politikern. Alles wurde in Frage gestellt. Zur Solidarität in der Trauer kam schnell der Verdacht, dass die Behörden Informationen zurückhielten, die Wahrheit vertuschten und nicht in der Lage seien, eine Lösung zu finden. Die Behörden büßten bei den Bürgern fast ihre ganze Glaubwürdigkeit ein. Das war in gewisser Hinsicht vorhersehbar. Die Rumänen durchlebten ein kollektives Trauma. Der Verlust von unschuldigem Leben ergab keinen Sinn und fügte nicht nur den Angehörigen Verletzungen zu, sondern jedem einzelnen von uns. Eine Art kollektiver Schuld wurde uns aufgebürdet, und jeder fühlte sich verantwortlich, einen Wandel herbeizuführen. Einige mehr als andere. Die Bürger mehr als der Staat. Doch wir erkannten alle, dass die Bürger ihren Beitrag zum Funktionieren des Staates leisten mussten. Auch dies half dabei, den Wandel einzuleiten.