Boykott der Olympischen Spiele in Sotschi Gaucks Gewissen

Joachim Gauck und Wladimir Putin im Jahr 2012 in Berlin: Das Verhältnis der beiden ist seit damals nicht besser geworden.

Gigantismus, Korruption oder Drangsalierung von Minderheiten: Russland hat viele hausgemachte Probleme. Auch deshalb boykottiert Bundespräsident Joachim Gauck die Winterspiele in Sotschi. Es ist ein Akt der Freiheit. Doch die Russen werden fragen: Joachim wer?

Ein Kommentar von Julian Hans

Schon die Vorbereitung der Olympischen Winterspiele in Sotschi offenbart die Probleme des heutigen Russland wie unter dem Brennglas: den Gigantismus, die Korruption, die Ausbeutung rechtloser Wanderarbeiter, die Drangsalierung von Minderheiten.

Die Spiele werden mit Kosten von 51 Milliarden Dollar die teuersten bislang sein. Dass ein großer Teil des Geldes in dunkle Kanäle abgezweigt wird, nimmt die russische Regierung mit einem Schulterzucken hin - das ist eben so bei uns, leider.

Wird sich daran etwas ändern, weil das deutsche Staatsoberhaupt nicht nach Sotschi fährt? Nein. "Joachim kto?" fragten sich am Sonntag viele Russen, Joachim wer? Die meisten kennen höchstens die Kanzlerin. Und der Kreml wird einen Weg finden, den Boykott als Foul bei einem angeblich doch ganz unpolitischen Weltfest des Sportes darzustellen.

Aber Bundespräsident Gauck denkt anders als gewöhnliche Politiker: Er fragt sich nicht nur, was er mit seinem Handeln bewirken kann, er befragt auch sein Gewissen: Möchte ich bei einer Inszenierung mitspielen, die dazu dient, ein undemokratisches Regime zu stützen und glänzen zu lassen?

Gaucks Gewissen hat nun offenbar befohlen: Nein. Dies ist die Freiheit der Dissidenten: Nur dem eigenen Gewissen treu zu sein, selbst wenn man scheinbar nichts ändern kann. Dieses Denken hat schon mehr als einen Unrechtsstaat ins Wanken gebracht.