Bombentest in Nordkorea Es gibt keine Alternative zu Verhandlungen mit Nordkorea

Da sprachen sie noch miteinander: Im Juni 2014 treffen Funktionäre des nordkoreanischen Wiedervereinigungsministerium (re.) mit Vertretern Südkoreas zusammen.

(Foto: AFP)

Ein halbes Jahrhundert Sanktionen haben nichts bewirkt. Nun überlegt US-Präsident Obama, Atomwaffen in Südkorea zu stationieren. Das ist keine gute Idee.

Kommentar von Christoph Neidhart, Tokio

Es gibt wenig, das man dem nordkoreanischen Regime, einer Erbdiktatur, die sich zwar mit sozialistischen Floskeln schmückt, aber eher eine faschistische Despotie ist, zubilligen könnte. Außer vielleicht, dass es immer noch existiert. Der Kim-Clan tanzt der Welt, vor allem den USA, seit drei Generationen auf der Nase herum. Seit immerhin 25 Jahren wird er nicht einmal mehr von Moskau unterstützt - und hält sich dennoch an der Macht.

Ein halbes Jahrhundert Sanktionen haben nichts bewirkt. Dennoch denken nun, nach dem angeblichen Wasserstoffbomben-Test der Nordkoreaner, wieder viele darüber nach: Der UN-Sicherheitsrat, Präsident Obama und die südkoreanische Präsidentin Park Geun Hye. Sie werden auch weiterhin nichts bewirken, jedenfalls nicht im Zentrum der Macht in Pjöngjang. Die Maßnahmen spüren werden eher die Menschen auf dem Land - die ohnehin verarmt und unterernährt sind.

Kim Jong Un, der Enkel des Staatsgründers, und seine Clique haben den Generationenwechsel geschafft. Nordkorea scheint stabil, es gibt keine Anzeichen für den schon oft vorausgesagten Kollaps des Regimes. Der 33-Jährige könnte Jahrzehnte an der Macht bleiben. Dabei entblößt schon das schiere Fortbestehen seines Regimes die Nordkorea-Politik der USA als Pleite.

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Um Südkorea zu zerstören, bräuchte Kim keine H-Bombe

Es gibt keine Alternative zu Verhandlungen. Die Hälfte aller Südkoreaner, mehr als 25 Millionen Menschen, lebt im Großraum Seoul und damit in Reichweite der nordkoreanischen Artillerie. Um Südkorea zu zerstören, bräuchte Kim keine H-Bombe, nicht einmal Atomwaffen. Schon deswegen verbieten sich "Regime-Change"-Fantasien, wie sie der frühere US-Vizepräsident Dick Cheney hatte. Anders als im Irak würde selbst ein "chirurgischer" Militärschlag der USA hier Hunderttausende Menschen eines engen Verbündeten in den Tod reißen. Umgekehrt muss Kim wissen, dass er mit einem Angriff gegen Südkorea zwangsläufig seinen eigenen Sturz provoziert. Und den Kollaps seines Landes. Zumal sich dann vermutlich auch die eigene Bevölkerung gegen sein Regime wenden würde.

Es gibt keine Lösung ohne Kompromisse. Bill Clinton und die beiden ehemaligen demokratischen Präsidenten Südkoreas, Kim Dae Jung und Roh Moo Hyun, haben mit dem Norden verhandelt und eine gewisse Entspannung erreicht. Die Republikaner in den USA schimpften die drei dafür "Weicheier" und Schlimmeres, im üblichen Machismo-Sprech von Rechtspolitikern. Ähnliche Stimmen gibt es auch in Südkorea: Aus den Reihen der Saenuri-Partei, die die einstige Militärdiktatur beerbt hat und der auch Präsidentin Park angehört, wurden am Donnerstag wieder einmal Rufe laut, Südkorea müsse nun ebenfalls nuklear aufrüsten.

Doch selbst der ehemalige US-Präsident George W. Bush, gegen Ende seiner zweiten Amtszeit etwas weiser, erkannte schließlich: Es gibt keine Alternative zu Verhandlungen, auch wenn Verhandlungen mit Pjöngjang stets zäh und frustrierend sind, kleine Schritte, Kompromisse und viel Geduld erfordern. Bushs Unterhändler Christopher Hill gelang es immerhin, Nordkorea in Gespräche einzubinden.

Drei von vier Atomtests fallen in die Amtszeit von Präsident Obama

Präsident Barack Obama hat diese Politik nicht weitergeführt. Drei der vier Atomtests Nordkoreas fallen in seine Amtszeit. Jetzt diskutiert er die "Stationierung von strategischen Waffen", also Atomwaffen, an der innerkoreanischen Grenze. Vor einem Jahr schon paradierte Washington atomwaffenfähige B-52-Bomber entlang der Grenze.

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Genau dagegen will Kim sich und seine Kamarilla - nicht sein Land - mit Atomwaffen schützen. Allein gegen den Rest der Welt, sogar von Peking im Stich gelassen, wie er das sehen dürfte. Sein Regime fürchtet die amerikanische Übermacht, es hält deshalb schon die regelmäßigen Manöver der USA mit Südkorea für eine Provokation. Die beantwortet er mit Gegenprovokationen: Bombentests zum Beispiel.

Die Frage, wer vor sechzig Jahren angefangen hat, ist müßig. Gewiss verstößt Nordkorea gegen zahllose UN-Beschlüsse und alle internationalen Normen. Washington kann also für sich in Anspruch nehmen, recht zu haben. Einen Ausweg eröffnen Forderungen nach schärferen Sanktionen und militärische Muskelspiele dennoch nicht. Solange der endlose Kreislauf von Provokationen und Gegenprovokationen nicht durchbrochen wird, bleibt das explosive Patt in Nordostasien bestehen.

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