Das ist keine Rechtfertigung für die Zerstörung Dresdens. Die Kinder und Frauen, die dort verbrannten, waren unzweifelhaft komplett unschuldig. Unschuldig waren die strahlenden Kunstwerke. Unschuldig waren die Kriegsgefangenen, die dort mitverbrannten. Wehren muss man sich aber gegen einen "Viktimismus, der einen furchtbaren, aber gleichwohl sekundären Aspekt des geschichtlichen Vorgangs sentimental präpariert und zur gefälligen Einfühlung darbietet".

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Das schrieb der Philosoph Kurt Flasch über die Luftkriegsdebatte der letzten Jahre. Flasch ist ein Zeuge mit Autorität: Er ist der Überlebende einer Familie, die bei einem Luftangriff auf Mainz im November 1944 ausgelöscht wurde. Er, dessen Familie von den Nazis verfolgt wurde, wehrte sich wütend gegen die "moralistischen und viktimistischen Redensarten der Menschenrechtsverletzungen der Alliierten". Das alles liege wie ein schleimiger Film über den Jahren 1942 bis 1945.

"Viktimistisch" in diesem Sinne war ein jahrzehntelanges DDR-Gedenken an den Untergang Dresdens, dessen Wirkung bis in die heutige rechtsradikale Szene am Ort reicht. Offizielle Stadtchroniken beklagten die Schrecken des Bombenangriffs und erzählten von jenen riesigen, aus Trambahnschienen errichteten Rosten, auf denen die Leichen nach dem Angriff verbrannt wurden. "Wo gibt es eine Parallele? Wo sah sich in den letzten Jahrhunderten ein Volk gezwungen, die unzähligen Opfer weniger Stunden verbrennen zu müssen, weil eine Bestattung einfach unmöglich war? Es gibt kein Beispiel."

So die Dresdner Chronik. Der Historiker Götz Aly hat darauf hingewiesen, dass jene Scheiterhaufen in Dresden von Fachleuten eines SS-Bataillons errichtet wurden, die zuvor an der Vernichtung der europäischen Juden im Bezirk Lublin mitgewirkt hatten: "Sie hatten immer dann Leichen unter freiem Himmel verbrannt, wenn die Krematorien nicht ausreichten, infolge der Überhitzung defekt waren oder die Kokslieferungen stockten."

Durs Grünbein, nachgeborener Dresdner, einer der vielen Dichter dieser Stadt - wie Volker Braun, Heinz Czechowski, B.K. Tragelehn, Karl Mickel -, die nach dem Krieg den Klagegesang über ihre verbrannte Stadt angestimmt haben, hat für diese Zusammenhänge einen Ton kalter verzweifelter Trauer gefunden: "Auch Dresden ist ein Werk des Malerlehrlings / Mit dem in Wien verstümperten Talent / Der halb Europa seinen Stilbruch aufzwang. / In diesem Fall ergab sich wie von selbst / Die Technik flächendeckender Radierung / Durch fremde Bomber, Meister ihres Fachs / In einer schwarzen Nacht mit schwarzem Schnee im Februar."

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(Süddeutsche Zeitung vom 12.2.2005)