Von Von Gustav Seibt

Kalte verzweifelte Trauer - 60 Jahre nach dem Untergang von Dresden.

Was in Dresden in der Bombennacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 verloren gegangen ist, das kann man nachlesen im ersten Band von Carl Justis Biografie "Winckelmann und seine Zeitgenossen". Der Abschnitt "Bilder aus dem Dresdner Kunstleben" ist nach dem Untergang der Stadt mehrmals separat nachgedruckt worden, unter dem Titel "Das augusteische Dresden" - benannt nach jenen barocken sächsischen Kurfürsten und polnischen Königen, die den Namen des größten römischen Kaisers trugen.

Anzeige

Schöner ist Architektur selten Prosa geworden. "Grazie und grotesker Übermut wechseln ab", heißt es vom Zwinger. "Mit einer jeden Griffs sicheren Gewandtheit sind alle Teile für die malerische Wirkung des Ganzen berechnet, selbst in dem tollen Zerreißen und Durcheinanderwerfen baulicher Glieder (in den Thorthürmchen). - Der Anblick kann fast melancholisch wirken, wie ein Ballsaal bei einbrechendem Morgenlicht."

Von der Frauenkirche sagt Justi, ihr Ruhm sei die technische Gediegenheit, ihre "Wahrhaftigkeit"; sie scheine "von Grund bis oben hinaus gleichsam nur ein einziger Stein", das gebe ihr das Kompakte, das Gepräge fester Geschlossenheit. So sei sie unzerstörbar. "Indem sie die erste materielle Forderung unverwüstlicher Festigkeit erfüllt (sie hat den Bomben der preußischen Belagerung Stand gehalten), gewinnt sie wie von selbst ihren hohen ästhetischen Werth und ihre malerische Wirkung. Ihre Silhouette ist der gefälligste und bedeutendste Punkt in dem Bilde der Stadt. Hier war also einmal das Ziel der Baukunst: Schönheit aus Wahrheit getroffen."

Dresdens Rang als Kulturdenkmal hat vielen Einwohnern ein eigentümliches Sicherheitsgefühl gegeben. Nicht nur, dass die Stadt voller Lazarette war, dass sie keine kriegswichtigen Produktionen beherbergte, dass - wie eine volkstümliche Fabel sagte - eine Großmutter Churchills im Schweizer Viertel lebte, sondern vor allem der Glaube, sie seien geschützt durch weltberühmte Schönheit, flößte den Dresdnern einen Optimismus ein, den sie dann bei den Angriffen mit besonders furchtbaren Opfern bezahlten, weil sie keinerlei Erfahrungen mit dem Luftschutz hatten.

Ungläubigkeit bis heute

In den Lazaretten liegende Soldaten aus anderen Teilen Deutschlands konnten sich zuweilen retten, weil sie, anders als die Dresdner, das Motorengeräusch der Bomber zu unterscheiden vermochten, die Gefahr erkannten und in die nächsten Keller stürzten. Von den unbewehrten Kellerfenstern aus sahen sie dann Dresdner Bürger auf offener Straße wie Fackeln verbrennen.

Auch von Bewohnern anderer großer Kulturstädte, voran von den Parisern und Römern, weiß man, dass sie sich geschützt glaubten vom geschichtlichen und ästhetischen Rang ihrer Städte. Dass die Kuppel von St. Paul's Cathedral in London mitten im "german blitz" stehen blieb, galt den Londonern als siegverheißendes Symbol. Rom ist einmal von Amerikanern bombardiert worden, wobei eine frühchristliche Basilika zertrümmert wurde.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 4 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Der Brand
  2. Seite 2
  3. Seite 3
  4. Seite 4
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Pflicht zur Kür

Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...