Bombay nach den Anschlägen "Die Angst geht um in der Stadt"

Nach den schweren Terroranschlägen in der indischen Finanzmetropole Bombay befürchtet die muslimische Gemeinde blutige Vergeltung von Hindus. Konkrete Hinweise auf die Täter gab es zwar nicht, die Behörden vermuten sie aber in den Reihen militanter islamischer Gruppen.

In der Nacht waren Straßen in mehreren Teilen Bombays menschenleer, in denen normalerweise der Verkehr pulsiert. Am Morgen herrschte zwar wieder der übliche Berufsverkehr. Doch "die Angst geht um in der Stadt", sagte der Führer der muslimischen Gemeinde Bombays, Sohail Rokadia.

150 Menschen waren bei den Explosionen der Bomben in zwei Taxis auf einem Schmuckmarkt sowie vor dem Wahrzeichen "Gate of India" verletzt worden.

Verhöre, aber keine Festnahmen

Die Polizei hat nach eigenen Angaben unter anderem den Fahrer eines der beiden Taxis verhört, in denen die Bomben explodierten. Der Fahrer habe ausgesagt, sein Taxi sei von zwei Männern für den ganzen Tag gemietet worden. Kurz vor der Explosion hätten sie das Fahrzeug in der Nähe des Stadt-Wahrzeichens "Gateway of India" angeblich für ein Mittagessen verlassen. Sie hätten eine Tasche in dem Taxi zurückgelassen. Die Männer seien von zwei Frauen und einem Kind begleitet worden.

Der Fahrer des zweiten Taxis, das in einem Basarzentrum für Gold- und Diamantenhandel explodierte, starb zusammen mit seinem Fahrgast. Bei den Anschlägen wurden am Montag mindestens 50 Menschen getötet und mehr als 140 verletzt.

Am Morgen hatten indische Medien von ersten Festnahmen berichtet. Dies wurde von der Polizei jedoch inzwischen dementiert.

Offenbar dritten Anschlag verhindert

Möglicherweise konnten die Behörden nur wenig später nördlich der Stadt einen weiteren Anschlag vereiteln. Wie der US-Fernsehsender CNN berichtete, wurden 85 Kilometer nördlich von Bombay an einer Eisenbahnlinie neun Zündvorrichtungen für Minen entdeckt. Die Strecke führt nach Nashik, wo derzeit ein wichtiges Hindu-Fest stattfindet.

Polizeisprecher Ranjit Sharma sagte, die Ermittlungen konzentrierten sich auf die 2001 verbotene Islamistische Studentenbewegung Indiens (SIMI) und die Gruppe Lashkar-e-Tayyaba.

Letztere ist eine muslimische Rebellengruppe, die seit 1989 für die Unabhängigkeit Kaschmirs oder den Anschluss der Provinz an das überwiegend islamische Pakistan kämpft. Auch der stellvertretende indische Ministerpräsident Lal Krishna Advani vermutete eine Beteiligung der Gruppen. "Hinter früheren Anschlägen steckten fast immer die SIMI in Zusammenarbeit mit Lashkar-e-Tayyaba", sagte er.

Indien wirft Pakistan vor, die Lashkar-e-Tayyaba-Extremisten zu unterstützen. Islamabad weist die Anschuldigungen zurück. Pakistan gehörte zu den ersten Staaten, die die Anschläge am Montag verurteilten. US-Präsident George W. Bush erklärte am Dienstag: "Terroranschläge haben das Ziel, Angst und Chaos unter freien Menschen zu verbreiten." Er hoffe, die Täter würden identifiziert und zur Rechenschaft gezogen. Auch die EU, die Vereinten Nationen, China, Deutschland und Großbritannien kondolierten Neu-Delhi.

Beginn einer Untersuchung über eine religiöse Stätte

Das Blutbad in Bombay fiel mit dem Beginn einer Untersuchung über eine religiöse Stätte in Nordindien zusammen, die sowohl von Muslimen als auch Hindus beansprucht wird. Ein am Montag veröffentlichter archäologischer Bericht brachte keine Klärung über die Stätte in Ayodhya, die von Hindus als Tempel verehrt wird, der den Geburtsort des Gottes Rama vor 7.000 Jahren markiert.

Die darauf errichtete Babri-Moschee wurde 1992 von Hindus zerstört. Über Indien rollte damals eine Gewaltwelle hinweg, in der mehr als 2.000 Menschen getötet wurden. Im vergangenen Jahr wurden im westindischen Unionsland Gujarat fast 1.000 Muslime umgebracht, nachdem Muslime einen Pilgerzug in Brand gesteckt hatten, in dem hinduistische Pilger von Ayodhya reisten. Der Welthindurat forderte am Dienstag ein sofortiges Verbot von Islam-Schulen und kündigte für Mittwoch Demonstrationen in ganz Indien an.

(sueddeutsche.de/AP/dpa/AFP)