Von Peter Burghardt

Die Gewalt zwischen Opposition und Anhängern von Präsident Evo Morales eskaliert. Nun wollen die Nachbarstaaten vermitteln.

Mindestens 16 Leben hat der neueste Kampf um Bolivien bereits zerstört, jetzt wird die gesamte Region nervös. Für diesen Montag ruft Chiles Präsidentin Michelle Bachelet die Kollegen aus der Union der Südamerikanischen Nationen (Unasur) zum Krisengipfel nach Santiago.

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Staatschef Evo Morales (© Foto: AFP)

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In der chilenischen Hauptstadt sollen der bolivianische Staatschef Evo Morales und elf weitere Oberhäupter erörtern, wie der gefährliche Konflikt in der Andennation eingedämmt und die weitere Gas-Versorgung gesichert werden kann. "Wir wollen ein Bolivien in Frieden, das ist Aufgabe der Unasur", sagte Bachelet. Gleichzeitig bemüht sich die Regierung in La Paz um Gespräche mit den wildgewordenen Opposition.

Vizepräsident Álvaro García Linera traf am Wochenende Mario Cossío, den Gouverneur der rohstoffreichen und aufständischen Region Tarija. Doch eine Lösung ist nicht in Sicht.

Die Zentrale im Hochland bezeichnet den Widerstand im Tiefland als "zivilen Putsch". Über das amazonische Department Pando verhängte Morales den Ausnahmezustand, nachdem dort 16 Kleinbauern ermordet worden waren, die zu einer Demonstration für ihn wollten.

Präsidialminister Juan Ramón Quintana spricht von einem Massaker rechtsextremer Milizen. Morales macht den Pando-Gouverneur Leopoldo Fernández für den Anschlag mitverantwortlich. Die Staatsanwaltschaft ordnete an, den ehemaligen Verbündeten des früheren Diktators Hugo Banzer zu verhaften. Außerdem besetzte die Armee den Flughafen und rückte in die Stadt Cobija vor.

Die Anführer der Unruheprovinzen Santa Cruz, Tarija und Beni wollen Fernández indes unterstützen und den Dialog mit Morales abbrechen, sollten weitere Menschen getötet oder verletzt werden. Sie geben ihm und seiner Bewegung zum Sozialismus die Schuld an der Auseinandersetzung.

Die Widerständler verlangen die Rückzahlung von Gewinnen aus der Öl- und Gasförderung. Sie haben sich eine weitreichende Autonomie genehmigt und lehnen die von Morales geplante Abstimmung über die neue Verfassung ab. In dem Entwurf, der unter Ausschluss der Gegner beschlossen worden war, garantiert der erste indianische Präsident der Republik den lange missachteten Ureinwohnern mehr Rechte.

Seinen Kontrahenten strich er Steuereinnahmen zugunsten von Bedürftigen. Ein Referendum über sein Verbleib im Amt gewann er kürzlich mit 67,4 Prozent der Stimmen, zu den übrigen 30 Prozent allerdings gehören mächtige Unternehmer. "Sie wollen sich zu einem faschistischen und rassistischen Staatsstreich verschwören", erklärte Morales am Samstag in Cochabamba. "Sie können den Indio stürzen, aber nicht das bolivianische Volk. Wir müssen diesen Prozess des Wandels um jeden Preis verteidigen."

Die Reviere seiner Herausforderer kann er kaum mehr betreten. In Santa Cruz demolierten Anhänger des Gouverneurs und Rädelsführers Ramón Costas staatliche Einrichtungen, Gas und Benzin werden knapp. Die gewalttätigsten Schlägertrupps stammen aus der sogenannten Jugend-Union, einige ihre Mitglieder verwenden Hakenkreuze. Morales' Sympathisanten rüsten zur Gegenwehr.

Auch Venezuelas Präsident Hugo Chávez kündigte Beistand an, sein Eingreifen lehnt Boliviens Militär indes harsch ab. Morales und Chávez hatten jeweils den US-Botschafter ihrer Länder verwiesen. Morales wirft dem Amerikaner Philip Goldman vor, den Separatisten zu helfen. Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva drohte, er werde einen Bruch von Boliviens Verfassung durch Morales' Feinde nicht dulden.

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(SZ vom 15.09.2008/dmo)