Che Guevara als Vorbild
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Wenn er eine Eingebung hat, lässt Evo Morales seine Minister auch mal mitten in der Nacht antreten. (© Foto: AP)
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Wenn er eine Eingebung hat, lässt Morales seine Minister gerne mal um 5 Uhr morgens antreten. Er besetzt Ölanlagen, weil er Geld braucht, um die neuen Renten zu zahlen, nach denen die Alten, Schwachen, Zerlumpten Schlange stehen. Die Ruptura de Formalidades, den Bruch mit den Formalitäten der postkolonialen Klassengesellschaft, hält Sivak als Kennzeichen des Evismo fest. Diese Lässigkeit und Durchlässigkeit hat Evos "Movimiento al Socialismo" von der renitenten Splittergruppe in ein schlagkräftiges Regierungsbündnis verwandelt.
Es führt den Links-Intellektuellen Álvaro García Linera mit der Feministin Elizabeth Salguero, den christlichen Anwalt David Balderrama und der Indigenen Sabina Aureliana zusammen. Es eint sie das Foto des Jefazo, das im Parlament unter ihrer Schreibunterlage klemmt und das ihnen beim Abstimmen zuschaut.
Das zweithäufigste Bildnis in der Volksvertretung zeigt einen, von dem Morales sagt: "Ohne ihn wäre ich nicht hier." Es dürfte kein zweites demokratisches Parlament auf der Welt geben, in der so viele Che-Guevara-Plakate hängen. Es ist, als hätten sie etwas gutzumachen an Che, der ihnen schon 1967 die Revolution bringen wollte und den sie umkommen ließen im Urwald. Nun wollen sie es besser machen.
Die guatemaltekische Historikerin Marta Casaus sagt: "Die klassische Linke hat nie kapiert, dass es Rassismus in Lateinamerika gibt, sie hat immer gesagt, das sei ein Problem der Klassen, sie hat den Rassismus unsichtbar gemacht." Evo macht ihn sichtbar, in seiner Person, bis heute. In Santa Cruz im reichen Tiefland schreien sie, der "schwule Indio-Präsident in La Paz" solle seine eigene Indio-Republik aufmachen. Einige Wochen befand sich Bolivien am Rande des Bürgerkriegs, in letzter Minute machte Evo Zugeständnisse, etwa das Privateigentum zu achten.
Es könnte Nachahmer geben
Ob die Einheit dieses Bolivien zu halten ist, fragen sich trotzdem viele. Dass Evo überhaupt so weit kam, hat er vielleicht einem Rat von Fidel Castro zu verdanken: "Mach es nicht so wie ich, mach es demokratisch. Das waren andere Zeiten damals, wir hatten alle gegen uns. Heute hast du Lula, Kirchner, Chávez, die helfen dir." Evo konnte nur groß werden aus der Deckung des nach links driftenden Lateinamerika. Die frühere kolumbianische Geisel Ingrid Betancourt empfiehlt Bolivien nun als Vorbild zur Befriedung ihres Landes.
In Staaten mit indigener Mehrheit wie Peru könnte sein Beispiel Nachahmer finden - sofern sie so einen finden wie ihn. Bisher haben sie ihn nicht. Die indigene Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchú verlor die Wahl in Guatemala kläglich. Als Barack Obama zum US-Präsidenten gewählt wurde, sagt Morales: "Ich freue mich, dass jetzt auch die USA einen Präsidenten haben, der einer lange diskriminierten Bevölkerungsgruppe angehört." Ist Morales ein indigener Obama? "Eher ein Nelson Mandela", meint der argentinische Publizist Roberto Herrscher. "Er muss viel weiter unten anfangen."
Zu Morales gebe es derzeit keine Alternative, sagt Jorge Carrasco. Der Satz kommt ihm nicht leicht über die Lippen, denn seine Zeitung, El Diario, lässt kein gutes Wort am Präsidenten. Wie sein Verbündeter Hugo Chávez in Venezuela regiert Morales gegen die geballte Macht der Traditionspresse. Morales' Stärke sei aus der Schwäche seiner Vorgänger zu erklären, sagt Verleger Carrasco. Er findet, der Staat mische sich zu stark in die Wirtschaft ein, die Geschenke an die Armen hätten ja schon in Europa nicht funktioniert. Wie es sein könne, dass im Erdölförderland Bolivien der Diesel knapp werde? Carrasco sagt, er sei in Sorge um die Pressefreiheit. Journalisten würden angegriffen, weil sie kritisch zu Morales stünden. "Hier ist alles nur noch Politik, Politik, Politik."
Irina Chambi Michel im Büro für Außenhandelsbeziehungen hat ein paar nüchterne Statistiken und eine ebensolche Meinung. "Wir können nicht in einer Welt der Ungleichheit leben", sagte sie, "aber wir können auch nicht zum Sozialismus vergangener Tage zurückkehren." Die Exporterlöse seien im letzten Jahr zwar gestiegen, aber nur durch höhere Rohstoffpreise, die nun zusammenbrechen. Bolivien müsse lernen zu produzieren anstatt nur auszugraben, was im Boden liege. Das alte lateinamerikanische Problem.
Je weiter man in La Paz nach unten kommt, desto weniger Indigene sieht man. In der Zona Sur gibt es Malls nach US-Vorbild, Pizzerien, eine Plastikwelt aus Reklameschildern. In der Zona Sur hofft man, dass, wenn Evo dereinst verschwindet, auch der Indio-Spuk vorbei sein könnte. Deshalb hat sich die Opposition erst zur Zustimmung zur Verfassung überreden lassen, als Evo im Gegenzug auf eine dritte Amtszeit verzichtete. Die alten Eliten haben lange genug regiert, um zu wissen, wie kurzlebig sozialrevolutionäre Projekte in Bolivien sein können. Die erste indigene Versammlung berief 1943 der Militär-Präsident Gualberto Villarroel ein, was ihn kurzzeitig sehr populär machte - bevor er am Laternenpfahl endete.
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(SZ vom 14.1.2009/vw)
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Danke für diesen interessanten Artikel! Leider stimmen die deutschen Medien allzu oft unreflektiert in das allgemein Propagandageheul über sozialreformerischer Projekte in Südamerika ein.
Als Beispiel könnte man die Berichterstattung über Venezuelas Hugo Chavez nehmen, die im wesentlichen darauf abzielt, ihn als halb-verrückten Pseudo-Fidel abzustempeln, der sein Volk als Geisel nimmt. Dagegen gehen andere Informationen über ihn hierzulande seltsamerweise unter. Zum Beispiel, dass es 2002 einen von der CIA lancierten Putsch gab, bei dem Chavez abgesetzt und entführt wurde. Nach massiven Protesten der Bevölkerung konnte er allerdings wieder in sein Amt zurückkehren. Komisch bei einem "Beinahe-Dikator", oder?
Selbstverständlich gibt es bei Chavez auch jede Menge Grund zur Kritik, das will ich nicht bestreiten. Allerdings braucht es in Südamerika Männer wie ihn oder Evo Morales, die bitter nötige Umverteilungen auch gegen den Widerstand der alten Eliten durchzusetzen wagen.
"Man sollte sich endlich von dem romantischen Gedanken, Evo baue einen gerechteren Statt und ein Exempel für viele andere Nationen auf (dem ich auch verfallen war) verabschieden"
Von diesem Gedanken verabschieden sich kaum Linke. Nach Bolivien habe ich sehr gute Kontakte und werde ständig darüber informiert, wie dort die Pressefreiheit mehr und mehr eingeschränkt wird. Nur die großen Massenmedien können sich dem zur Zeit noch entziehen - die Frage ist, wie lange. Hier wird nämlich auch schon begonnen, auf einzelne Journalisten und Redakteure zu zielen. Teilweise indirekt über deren Familienmitglieder oder auch in direktem (körperlichen!) Angriff.
In den Schulen muss inzwischen zwingend das staatliche, stark sozialistisch eingefärbte Lehrmaterial verwendet werden. Kirchenbedienstete werden bespitzelt, wie einst von der Stasi, die dort auch eine beängstigende Renaissance erfährt.
Der Linksdrift in Lateinamerika ist dennoch nachzuvollziehen, weil die Wirtschaft tatsächlich eine große Zahl von Menschen und das Land ausgebeutet hat! Das gibt Chavez-Beinahe-Diktatoren eine vermeintliche moralische Legitimation, mit der sie vor allem bei Elfenbeinturm-Intellektuellen im Westen punkten können.
Die Linke wäre auch bei uns sofort weg vom Fenster, machte man die Auflösung der sozialen Komponente in unserer Marktwirtschaft rückgängig. Das weiß eigentlich jeder, aber trotzdem scheint sich das niemand zu trauen.
Rassismus ist für Weisse in Bolivien... wenn sie auf eine Ebene mit den Indios gestellt werden.
Seit mehreren Jahren lebe ich in Bolivien. Der Artikel zu Evo und zur neuen Verfassung hat mich sehr enttäuscht. Die Autoren , die über Evo und über die Verfassung schreiben, sollten sich mal die Arbeit machen, den Entwurf, welcher am 25. Januar zur Abstimmung kommt zu lesen. Ich gebe zu, dass dies keine einfache Aufgabe ist. Die Verfassung ist sehr lang, ungeordnet und widerspricht an in vielen Artikel. Mein grösster Kritikpunkt, in dieser Verfassung sind nicht alle Menschen gleich. Evo baut einen neuen Rassismus auf. Diesmal gegen Mestizen und Weisse. Wer nachweisen kann, dass er "reine" indigene Ursprünge hat, wird anders behandelt.
Das Projekt Evo baut einen zentralistischen Staat nach dem Modell Chavez auf. Mit Demokraten wie Lula oder Bachelet hat er nicht viel gemeinsam.
Man sollte sich endlich von dem romantischen Gedanken, Evo baue einen gerechteren Statt und ein Exempel für viele andere Nationen auf (dem ich auch verfallen war) verabschieden