Bolivien stimmt per Plebiszit über eine neue Verfassung ab, weil Präsident Evo Morales dem Land das Ende der Apartheid verordnet.
In Bolivien residiert der Präsident im Palacio Quemado, dem "Verbrannten Palast". Der heißt so, weil er im Jahr 1875 von Oppositionellen mit Fackeln in Brand gesteckt wurde. Bolivien ist ein leicht entflammbares Land geblieben. 1946 stürmte ein Mob den Palast und hängte den Präsidenten Gualberto Villarroel auf der Plaza Murillo an einem Laternenpfahl auf.
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Boliviens Präsident Evo Morales soll für eine bessere Zukunft sorgen. (© Foto: Reuters)
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Im Oktober 2008 versammelten sich auf der Plaza wieder Zehntausende Menschen, Indios, Tagelöhner, Marktweiber und Minenarbeiter, die Dynamitstangen in die Luft warfen. Tagelang waren sie aus den Anden anmarschiert, um Druck auf das Parlament zu machen, das gerade die neue Verfassung debattierte. Eine brenzlige Situation.
Doch im Palacio Quemado regierte einer, der sich nicht hinter der kolonialen Fassade verschanzte. Der Präsident ging hinaus auf den Platz, mischte sich unters Volk und versicherte, dass alles gutgehen würde. Es waren ja auch seine Leute da draußen, und es war sein Projekt, da drinnen im Parlament. Evo Morales ist der erste Präsident Boliviens, der der indigenen Bevölkerungsmehrheit entstammt. Die neue Verfassung soll das Land aus dem Zustand der De-facto-Apartheid herauszuführen, in der es jahrhundertelang verharrte.
Die Opposition, vielleicht aus Einsicht, vielleicht das Bild des armen Villarroel vor Augen, ließ den Entwurf nach ein paar Korrekturen passieren. Dann sangen alle die Nationalhymne, viele - auch der Präsident - hätten geweint vor Erschöpfung und Erleichterung, erinnert sich die Abgeordnete Elizabeth Salguero. Es war einer dieser Momente tränentriefenden lateinamerikanischen Symbolismus', die meist Momente bleiben. Diesmal könnte es anders sein. Am 25. Januar wird das Volk über die Verfassung abstimmen, mit 60 Prozent Zustimmung wird gerechnet. Seitdem herrscht wieder Frieden in La Paz. Vorläufig.
Lynchjustiz und Lamahirten
Um zu verstehen, was da passiert, muss man vom Parlamentssitz ein paar hundert Meter nach oben steigen, was schwerfällt, weil die Luft auf 4000 Meter Höhe immer dünner wird. Den Menschen in El Alto ("Die Höhe") macht das nichts aus. Sie werkeln und basteln und bauen unermüdlich an einem besseren Leben. Fast alle sprechen Aymara oder Quechua. Von ihrem stetig wachsenden Millionendorf aus hat man nachts die Sterne zu Füßen: Es sind die funkelnden Lichter von La Paz, das in einem Talkessel liegt. Über allem thront der schneebedeckte Illimani, 6439 Meter hoch, ein Gott.
El Alto ist die möglicherweise größte No-nonsense-Stadt der Welt. Es gibt dort nichts Überflüssiges, nur Ziegel, Schrauben, Balken, Reifen, gebratene Hühner. Und Farbe. Die wird gebraucht, um grün, gelb, rot auf die unverputzten Wände zu schreiben: Danke, Evo! Evo ja! Gemeinsam mit Evo! Evo triumphiert! Evo erfüllt seine Versprechen!
Evo hat versprochen, dass die neue Verfassung die Lebenswelt dieser Menschen abbilden wird. In der Präambel findet sich deshalb eine Art andiner Pursuit of Happiness, gekleidet in fremdartig-mysteriöse Begriffe: Ama qhilla, ama llulla, ama suwa (Du sollst nicht faulenzen, lügen und stehlen), teko kavi (Du sollst gut zusammenleben), ñandereko (Die Suche nach harmonischem Leben), ivi maraei (Erde ohne Böses), qhapaj ñan (Der Weg der Inkas zur Weisheit).
Warten aufs Ende
Roberto Aguilar sagt, das sei historisch, das habe es in Bolivien noch nie gegeben. Er war Vizepräsident der Versammlung, die die Verfassung ausgearbeitet hat. Die Plurinationalität des Landes werde erstmalig festgeschrieben, was heißen soll: Alle sind gleich, die Kambas, die Weißen, und die Kollas, die Indio-Mehrheit. Dass sich jetzt die ausgegrenzt fühlen, die die letzten 500 Jahre das Sagen hatten, versteht Aguilar nicht. "Sehen Sie mich an, ich fürchte mich nicht vor den Menschen vor meiner Tür."
Aguilar stammt aus der Schicht intellektueller urbaner Mestizen, er sieht aus wie ein Spanier, raucht dunkle Zigaretten, war Professor für Wirtschaftsgeschichte. Diejenigen, die die "Rache der Indios" fürchteten, sagte er, könnten nur nicht damit leben, "dass da nun ein Indio im Palacio Quemado" regiert.
Auch vor der indigenen Rechtsprechung, die recht rabiat sein kann, brauche niemand Angst zu haben, versichert Aguilar. "Lynchjustiz ist keine indigene Rechtsprechung, sondern einfach Lynchjustiz." Angewendet wird die Lynchjustiz derzeit auch eher von den weißen Latifundienbesitzern und ihren politischen Helfershelfern in den Tieflandregionen, die die Guaraní-Indios wie Leibeigene halten. Den reichen Nachfahren europäischer Einwanderer zu vermitteln, dass nun jeder Staatsangestellte neben Spanisch eine der mehr als 30 indigenen Sprachen Boliviens beherrschen muss, wird allerdings schwierig.
Durchsetzen muss das Roberto Aguilar selbst, womit er nicht gerechnet hätte. Wenige Tage nach dem Gespräch beruft Morales ihn zum Erziehungsminister. "Ziemlich überraschend, auch für mich", wie Aguilar in einer E-Mail schreibt. Das kann einem in diesem neuen Bolivien leicht passieren, dass man mit jemanden spricht, der am nächsten Tag etwas ganz anders macht oder ist. Erstaunliche Karrieren sind möglich. Im Parlament wimmelt es von den Frauen mit grauen Bowler-Hüten und bunten Röcken, die sonst an der Straße Gurken und Erdnüsse verkaufen.
Und dann gibt es Leute wie Martin Sivak. Der Journalist wäre fast Botschafter in Buenos Aires geworden. Seine Befähigung: Er ist Argentinier und kannte Evo Morales, als der noch ein Indio im Exil war, mit dem außer Sivak niemand reden wollte. Doch der Journalist entschied sich, dem neuen Bolivien auf seine Art zu dienen, er hat eine Biographie über den Präsidenten geschrieben, die schildert, wie der "Evismo" funktioniert.
"Jefazo" heißt das Buch, was man frei mit Big Boss übersetzen kann. Mit "Jefazo" redet der Präsident - in Umdrehung der Tatsachen - jeden an, der ihm über den Weg läuft, ob Minister, Journalist oder Fußballer. "Jefazo" beschreibt einen 49-jährigen, schlaflosen, ungeduldigen, unverheirateten, fußballverrückten ehemaligen Lamahirten und Kokabauern, der von allen nur Evo genannt wird. Der besser Aymara spricht als Spanisch, der von den bolivianischen Schergen der US-Drogenpolizei Dea gefoltert und aus dem Parlament geworfen wurde - bis er sich an die Spitze derer stellte, die so leben, wie er lebte. Journalist Sivak war auf den ersten Staatsbesuchen des Präsidenten dabei, musste sich in Lagos in der Präsidentensuite mit einem Minister das Bett teilen, weil das weniger kostet.
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Danke für diesen interessanten Artikel! Leider stimmen die deutschen Medien allzu oft unreflektiert in das allgemein Propagandageheul über sozialreformerischer Projekte in Südamerika ein.
Als Beispiel könnte man die Berichterstattung über Venezuelas Hugo Chavez nehmen, die im wesentlichen darauf abzielt, ihn als halb-verrückten Pseudo-Fidel abzustempeln, der sein Volk als Geisel nimmt. Dagegen gehen andere Informationen über ihn hierzulande seltsamerweise unter. Zum Beispiel, dass es 2002 einen von der CIA lancierten Putsch gab, bei dem Chavez abgesetzt und entführt wurde. Nach massiven Protesten der Bevölkerung konnte er allerdings wieder in sein Amt zurückkehren. Komisch bei einem "Beinahe-Dikator", oder?
Selbstverständlich gibt es bei Chavez auch jede Menge Grund zur Kritik, das will ich nicht bestreiten. Allerdings braucht es in Südamerika Männer wie ihn oder Evo Morales, die bitter nötige Umverteilungen auch gegen den Widerstand der alten Eliten durchzusetzen wagen.
"Man sollte sich endlich von dem romantischen Gedanken, Evo baue einen gerechteren Statt und ein Exempel für viele andere Nationen auf (dem ich auch verfallen war) verabschieden"
Von diesem Gedanken verabschieden sich kaum Linke. Nach Bolivien habe ich sehr gute Kontakte und werde ständig darüber informiert, wie dort die Pressefreiheit mehr und mehr eingeschränkt wird. Nur die großen Massenmedien können sich dem zur Zeit noch entziehen - die Frage ist, wie lange. Hier wird nämlich auch schon begonnen, auf einzelne Journalisten und Redakteure zu zielen. Teilweise indirekt über deren Familienmitglieder oder auch in direktem (körperlichen!) Angriff.
In den Schulen muss inzwischen zwingend das staatliche, stark sozialistisch eingefärbte Lehrmaterial verwendet werden. Kirchenbedienstete werden bespitzelt, wie einst von der Stasi, die dort auch eine beängstigende Renaissance erfährt.
Der Linksdrift in Lateinamerika ist dennoch nachzuvollziehen, weil die Wirtschaft tatsächlich eine große Zahl von Menschen und das Land ausgebeutet hat! Das gibt Chavez-Beinahe-Diktatoren eine vermeintliche moralische Legitimation, mit der sie vor allem bei Elfenbeinturm-Intellektuellen im Westen punkten können.
Die Linke wäre auch bei uns sofort weg vom Fenster, machte man die Auflösung der sozialen Komponente in unserer Marktwirtschaft rückgängig. Das weiß eigentlich jeder, aber trotzdem scheint sich das niemand zu trauen.
Rassismus ist für Weisse in Bolivien... wenn sie auf eine Ebene mit den Indios gestellt werden.
Seit mehreren Jahren lebe ich in Bolivien. Der Artikel zu Evo und zur neuen Verfassung hat mich sehr enttäuscht. Die Autoren , die über Evo und über die Verfassung schreiben, sollten sich mal die Arbeit machen, den Entwurf, welcher am 25. Januar zur Abstimmung kommt zu lesen. Ich gebe zu, dass dies keine einfache Aufgabe ist. Die Verfassung ist sehr lang, ungeordnet und widerspricht an in vielen Artikel. Mein grösster Kritikpunkt, in dieser Verfassung sind nicht alle Menschen gleich. Evo baut einen neuen Rassismus auf. Diesmal gegen Mestizen und Weisse. Wer nachweisen kann, dass er "reine" indigene Ursprünge hat, wird anders behandelt.
Das Projekt Evo baut einen zentralistischen Staat nach dem Modell Chavez auf. Mit Demokraten wie Lula oder Bachelet hat er nicht viel gemeinsam.
Man sollte sich endlich von dem romantischen Gedanken, Evo baue einen gerechteren Statt und ein Exempel für viele andere Nationen auf (dem ich auch verfallen war) verabschieden