sueddeutsche.de: Herr Ramelow, in Ihrer Partei hört man sehr schnell und schrill die Parole "Enteignen!".

Sahra Wagenknecht, ddp

Die Linke Sahra Wagenknecht: Nicht nur Bodo Ramelow macht sich Gedanken über sie. (© Foto: ddp)

Anzeige

Ramelow: Uns geht es nicht um entschädigungslose Enteignung. Mir gefällt auch nicht, wenn einige Leute von uns herumschreien nach dem Motto: "Alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist, wird verstaatlicht."

sueddeutsche.de: Bleiben wir beim Beispiel Banken. Soll es einen dauerhaften staatlichen Bankensektor geben?

Ramelow: Kann, aber muss nicht. Der Staat kann sich doch bei trudelnden Banken "einkaufen", für einen Umbau sorgen, und nach ein paar Jahren Stück für Stück wieder aussteigen. Wichtig ist zuvorderst die Frage: Was für einen Nutzen hat es für die Allgemeinheit?

sueddeutsche.de: Die Linke strebt nach einem "demokratischen Sozialismus". Erkennen Sie, dass allein schon dieser Ausdruck vielen Menschen Angst macht?

Ramelow: Weil sie meinen, die Linke wolle die DDR wieder einführen, dabei wollen wir nur umsetzen, was uns der Artikel 15 Grundgesetz vorgibt. Da ist von Sozialisierung die Rede. Guido Westerwelle zieht es in die andere Richtung: Er hat nicht die Freiheit aller Bürger im Sinn, sondern die Freiheit der Konzerne, der Reichen und Profiteure. Die FDP denkt an ihre Spender, die Linke ans ganze Volk.

sueddeutsche.de: Die Linke bezieht sich aber nicht nur auf das Grundgesetz. Parteichef Bisky zitierte sogar bei der Vorstellung des Programmentwurfs Marx und Engels.

Ramelow: Und als evangelischer Christ verweise ich zudem auf die Bibel. Dort finden sich Aussagen zu Eigentum und Eigentumsbindung, die an radikaler Kraft nicht zu überbieten sind. Denken Sie an das Zinsverbot. Und der Apostel Paulus schieb an die Philipper: Das Eigentum sei dem Nutzen anderer unterworfen, und nicht dem eigenen.

sueddeutsche.de: Mit Zitaten aus dem Neuen Testament werden Sie wohl kaum bei innerparteilichen Hardlinern punkten.

Ramelow: Sie würden sich wundern! Im Übrigen: So lange Sahra Wagenknecht mich aushält, werde ich auch sie aushalten.

sueddeutsche.de: Die Parteichefs Bisky und Lafontaine beteuern, dass die Linke regieren will - auch an Rhein und Ruhr. Sollte Ihre Partei auch einen hohen Preis zahlen, um in Düsseldorf an die Schalthebel zu kommen?

Ramelow: Jede Partei, die eine Koalition eingeht, muss etwas von ihren Idealvorstellungen lassen, so ist das nun mal. Aber der Markenkern darf nicht beschädigt werden.

sueddeutsche.de: Was heißt das im Fall Nordrhein-Westfalen?

Ramelow: Wir dürfen uns nicht darauf einlassen, Hartz IV plötzlich schick zu finden oder die Rente mit 67.

sueddeutsche.de: Beide Beispiele fallen ohnehin nicht in die Landesgesetzgebung.

Ramelow: Eben, aber wissen Sie was: Auch in Thüringen gab es während der gescheiterten Koalitionsverhandlungen mit der SPD solche Angebote. Obwohl das Bundessache ist, wollten wir das partout nicht ausklammern.

sueddeutsche.de: Umfragen sehen in NRW eine Mehrheit für eine Bündnis aus SPD, Grünen und Linkspartei. Sind Sie frohen Mutes?

Ramelow: Es ist doch so: Herr Rüttgers warnt vor uns, insgeheim plant er Schwarz-Grün - und die Grünen setzen auf die CDU. Die Konservativen machen derzeit ja alles, um den Grünen zu gefallen. Wenn Landessozialminister Laumann über Kinderarmut, über hungernde Schulkinder und Ganztagsschulen spricht, dann weckt er auch große Sympathie bei mir. Ich habe manchmal den Eindruck, die NRW-CDU überholt uns links. (lacht)

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wen Bodo Ramelow für das zwischenzeitliche Führungsvakuum der Linken verantwortlich macht und warum er die Thüringer CDU-Ministerpräsidentin Lieberknecht wertschätzt.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 3 nächste Seite

  1. "Passagen, die ich so nie geschrieben hätte"
  2. Sie lesen jetzt "So lange Wagenknecht mich aushält, halte ich auch sie aus"
  3. Ramelow über das Zerwürfnis Lafontaine/Bartsch
Leser empfehlen