Bodenschätze und Umweltschutz Wald statt Öl

Ist das nun eine beispielhafte Idee zur Rettung des Planeten? Oder eher Erpressung? Ecuador will gegen Geld auf Bohrungen in Naturpark verzichten.

Von Sebastian Schoepp

Ecuador bietet der Welt an, riesige Erdölvorkommen im Urwald nicht auszubeuten, wenn die internationale Gemeinschaft einen Weg findet, dem südamerikanischen Land die entgangenen Einnahmen zu ersetzen. Außenminister Fander Falconí ist derzeit auf Werbetour in Europa für den Vorschlag, der nach seiner Ansicht den Schutz von Tropenwald und Klima "auf revolutionäre Weise vereint". In Deutschland habe er die größte Resonanz gefunden, sagte Falconí der Süddeutschen Zeitung. Erich Stather, Staatssekretär im Entwicklungshilfeministerium in Berlin, bestätigt: "Wir haben uns da an die Spitze gesetzt."

Der Nationalpark Yasuní, um den es geht, ist ein einzigartiger Naturraum. Er liegt nahe der Grenze Ecuadors zu Peru. Auf einem Hektar wachsen dort mehr Baumarten als in den USA und Kanada zusammen. Forscher haben 4000 Pflanzen- und 600 Vogelarten gezählt. Es gibt indigene Völker, die in völliger Isolation leben. Mit der wäre es aus, wenn die Bohrtrupps anrückten, sagt Klaus Schenck von der Hamburger Initiative Rettet den Regenwald, der als Entwicklungshelfer in Ecuador war. Die Ureinwohner hätten nur den Wald als Lebensgrundlage. Ihnen drohe bei einer Ausbeutung der Ölvorkommen die Ausrottung.

Altlasten der Ölindustrie gibt es in Ecuador zuhauf. Das Unternehmen Texaco etwa wird beschuldigt, größte Umweltschäden hinterlassen zu haben, ein Entschädigungsprozess läuft. "Weine nicht um den Amazonas, du tankst Texaco", ist ein häufiges Graffito in der Hauptstadt Quito.

Das soll dem Urwald von Yasuní erspart bleiben. Dort werden unter der Erde 850 Millionen Barrel Öl vermutet (ein Barrel entspricht 159 Litern), für die Ecuador auf der Basis des derzeitigen Marktpreises einen Wert von sechs Milliarden Dollar errechnet hat. Damit könnte ein armes Land viel anfangen. "Es ist ein Dilemma", sagt Minister Falconí. Da seine Regierung aber Wirtschaft und Naturschutz vereinen will, wolle man "ein praktikables Angebot vorlegen" - Wald statt Öl, wenn die Weltgemeinschaft bezahlt. Man fand Fürsprecher wie Felipe González, Michail Gorbatschow oder Desmond Tutu. Die deutsche Grünen-Abgeordnete Ute Koczy trug die Idee im Bundestag vor, der hat bereits beschlossen, den Plan zu unterstützen.

Jetzt hätten die Ecuatorianer gerne, dass die Deutschen das Projekt international voranbringen. Doch auf konkrete Zusagen wird der Regenwald bis nach der Bundestagswahl warten müssen.

Außerdem fehlt ein internationaler Rechtsrahmen für das Finanzierungsmodell, das Ecuador sich ausgedacht hat: Die Entschädigung für den Verzicht aufs Öl soll über Spenden und über den Handel mit Emissions-Zertifikaten hereinkommen. Industrien, die das Klima schädigen, sollen Zertifikate kaufen, das Geld soll in einen international verwalteten Treuhand-Fonds fließen. Umweltverbände haben errechnet, dass der Atmosphäre immerhin 410 Millionen Tonnen Kohlendioxid erspart bleiben, wenn das Öl von Yasuní nicht verbrannt wird.

Doch noch sind viele Fragen offen. Wer etwa garantiert, dass der nächste Präsident Ecuadors nicht trotz Entschädigung bohren lässt? Minister Falconí sagt, der Staat wäre bereit, sich für diesen Fall zur Rückzahlung zu verpflichten. Falls das nicht reicht, erinnert er daran, "dass wir ein souveränes Land sind und die Lagerstätten jederzeit ausbeuten können". Eine Drohung solle das aber nicht sein.