Die Rohstoffvorkommen der Arktis werden immer mehr zum umkämpften Gegenstand staatlicher Begehrlichkeiten. Doch die energiehungrigen Anrainer müssen sicherstellen, dass die Region friedlich bleibt.
In diesem Sommer herrscht geradezu reger Verkehr im Eismeer: Vergangene Woche schob sich ein russischer Eisbrecher zum Nordpol und schickte zwei U-Boote samt Flagge auf den Meeresgrund. Am Donnerstag begab sich Kanadas Premier Stephen Harper nach Norden, kommende Woche folgen Forscher aus Dänemark und Schweden, und Angela Merkel besucht Grönland.
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Die Gäste sind Vorboten einer Invasion: Die Arktis, eine der letzten unberührten Regionen der Erde, steht vor der Eroberung durch den Menschen. Der Vorstoß in die Kälte ist getrieben von der Aussicht auf Bodenschätze. Sein Gelingen wird die Zukunft des energiehungrigen Europas entscheidend beeinflussen.
Zwei Voraussetzungen sind bereits gegeben: Erstens macht neue Technologie die eisige Wildnis bezwingbar. Zweitens lässt der Klimawandel das Eis, und damit das größte Hindernis, schmelzen. Forschern zufolge ist es nur eine Frage von Jahren oder allenfalls von wenigen Jahrzehnten, bis Ingenieure und Treibhauseffekt die letzten Hürden beseitigt haben.
Niemand wird die Arktis-Anrainerstaaten dann von der Ausbeutung der letzten großen Öl- und Gasvorkommen der Welt abhalten können. Niemand, außer vielleicht sie selbst.
Gespräche trotz Muskelspielen
Die härtesten Barrieren auf dem Weg zum Pol lassen sich auch mit atomgetriebenen Eisbrechern nicht zerbröseln, sondern nur mit Diplomatie langsam abtauen. Die Chancen, dass dies gelingt, sind gut. Seit dem Ende des Kalten Krieges haben die fünf Anrainer - Dänemark, Kanada, Norwegen, Russland und die USA - ein Netzwerk von internationalen Organisationen und Gremien aufgebaut, in denen sich Minister, Diplomaten und Beamte regelmäßig treffen.
Trotz mancher Muskelspiele reden die Nachbarn also miteinander. Außerdem scheinen sie bereit zu sein, Streit um ihre Besitzansprüche in einem internationalen Schiedsverfahren beizulegen, wie es die UN-Seerechtskonvention vorsieht. Das belegen auch die aktuellen Forschungsreisen, deren Zweck es ist, Argumente für dieses Schiedsverfahren zu sammeln.
Doch es muss nicht so friedlich bleiben. Es gibt in der Gegend Konflikte, die die UN nicht regeln können. Da ist etwa eine umstrittene Zone in der Barentssee, die Russland und Norwegen unter sich aufteilen müssen. Oder das Archipel Svalbard mit der Hauptinsel Spitzbergen, das unter norwegischer Verwaltung steht, dessen Bodenschätze aber auch andere Länder ausbeuten dürfen.
Schließlich gibt es das Problem der Ureinwohner. Man darf nicht vergessen, dass die heutigen Anrainerstaaten der Arktis eigentlich Kolonialmächte sind. Sie haben oft erst vor einigen hundert Jahren Land in Besitz genommen, auf dem zum Teil seit Jahrtausenden Sami, Inuit und andere Urvölker leben. Auch diese fordern ihren Anteil am Reichtum.
Rohstoffe von unschätzbarem Wert
In Grönland, dessen Bevölkerung zum Großteil aus Inuit besteht, gibt es Unabhängigkeitsbestrebungen. Die Insel verfügt bereits über große Autonomie, wichtigster Grund für ihre andauernde Zugehörigkeit zu Dänemark sind Subventionen. Auf die wären die Inuit nicht mehr angewiesen, wenn Öl gefunden würde.
Welche Richtung würde ein unabhängiges Grönland einschlagen? Wäre es ein zweites Norwegen - oder ein eisiges Emirat mit Problemen, die sonst in den Ölnationen des Nahen Ostens zu finden sind? Natürlich sind solche Fragen hypothetisch, aber sie sollten jetzt gestellt werden.
Die Rohstoffe unter dem Packeis sind für Europa von unschätzbarem Wert - eben weil sie in einer Gegend sprudeln, die von Frieden geprägt ist. Arktisches Öl und Gas sind gute Versicherungen gegen eine zu große Abhängigkeit von Diktatoren und Unrechtsstaaten in den anderen, krisengeschüttelten Fördergebieten. Allerdings nur dann, wenn die Stabilität rund um den Nordpol bewahrt werden kann. Darum brauchen die Europäer eine gemeinsame Arktis-Strategie. Das ist die Lehre aus dem Rummel am Pol.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 10.8.2007)
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