Blickwechsel Hinter den Mauern

Die Journalistin Andrea Böhm hat ein sehr persönliches Buch über die Globalisierung geschrieben. Bei ihren Reisen erfährt sie, warum der Westen vielerorts keine Rolle mehr spielt.

Von René Wildangel

Andrea Böhm hat ein wunderbares Fernwehbuch geschrieben. Ihre "Erkundungen auf vier Kontinenten" sind Reisebeschreibungen, die bewusst persönlich und subjektiv gehalten sind, ohne dass sich die Autorin selbst dabei allzu wichtig nimmt. Am Anfang steht ein Bekenntnis: "Ich habe die Orientierung verloren", sagt die gestandene Auslandskorrespondentin, und das klingt nicht nach Koketterie.

Die Erkenntnis, dass "der Westen" längst nicht mehr im Mittelpunkt jener Welt steht, die er in den vergangenen Jahrhunderten wirtschaftlich oder militärisch dominierte, mag nicht sonderlich überraschend sein. Aber ihr folgt kein nüchternes Erklärbuch über die Globalisierung, sondern eine äußerst gelehrsame, episodenhaft erzählte Reise. Eine Reise, auf der Böhm so schnell die Blickrichtungen wechselt, das einem manchmal schwindelig wird. Als Inspiration dient ihr eine mittelalterliche "mappa mundi" des venezianischen Mönches Mauro aus dem 15. Jahrhundert. Auf der kunstvoll verzierten Landkarte im Großformat sind 3000 Kommentare vermerkt, Ortsnamen und Beschreibungen, die den zeitgenössischen Wissensstand dokumentieren - und noch mehr das, was man nicht wusste. Der amerikanische Kontinent fehlt noch. In der Karte sieht die Autorin eine Geografie des Ungewissen voller Fragen und intellektueller Aufbrüche.

In vielen Gegenden ist die Erinnerung an die Ausbeutung durch Europäer sehr präsent

Diese Karte dient als Inspiration für Reisen nach Venedig, Somalia, Kanton-China und dem Nahen Osten. Und Böhm nimmt noch weitere Landkarten unterschiedlichster Provenienz mit. Andere findet sie vor Ort und entziffert mit ihrer Hilfe wirtschaftliche und kulturelle Verflechtungen. Böhm nutzt die Karten, um damit den Leser und sich selbst auf spielerische Weise zu verwirren. Schade, dass der Verlag ihr Buch nicht mit diesen Landkarten illustriert hat; man könnte sich eine wunderbar gestaltete Ausgabe im Großformat vorstellen. Noch weniger erklärlich ist nur der wohl vom Verlag gewählte hölzerne Titel, der so gar nicht zu diesem wunderbaren Buch passt: "Das Ende der westlichen Weltordnung" klingt mehr nach politikwissenschaftlichem Hauptseminar als nach fantastischen Reisen.

Böhms journalistische Schatzsuche beginnt in Mogadischu. Die Geschichte der somalischen Hauptstadt ist vollständig zugewuchert von Intervention, Bürgerkrieg und Terror der letzten Jahrzehnte. Mit Reiseführer und Wachschutz fährt Böhm durch die noch immer zerstörte Stadt. Auf Mauros Mönchskarte spielte Mogadischu noch als wohlhabendes Handelszentrum eine bedeutende Rolle. Weitere Karten offenbaren die wechselhafte Geschichte: muslimisches Zentrum, erobert vom Sultanat Oman, deutsche und italienische Kolonialherrschaft, später des faschistischen Italiens. Eindringlicher als jede Karte ist das Foto der getöteten, durch die Straßen geschleiften amerikanischen Soldaten 1993, das Böhm bei sich trägt. Die erste sogenannte "humanitäre Intervention" war gescheitert, aber nach den Tausenden somalischen Opfern fragte niemand. Seither, beklagt Böhm, gilt das Land wieder als "nicht zu zivilisierendes Dschungelgebiet". Über Äthiopien führt der Weg in die einstige britische Kolonie Somaliland, deren Eigenständigkeit von Somalia international nicht anerkannt wird. Der Kontrast zum zerstörten Mogadischu könnte nicht größer sein, Somaliland floriert. Es sind seltene Einblicke in ein "Land, das es nicht gibt", in Städte wie Wajaale, Hargeisa oder Berbera - ebenfalls verzeichnet auf Mauros historischer Karte.

Oft kommt der "Westen" in diesen Erkundungen gar nicht mehr vor. So wie in Guangzhou, dem alten Kanton. Jahrzehntelang ausgebeutet von Europäern, ist die Megastadt heute ein international bedeutendes Handelsdrehkreuz. Die Erinnerung an die Ausbeutung ist zwar noch präsent und der chinesische "Atlas des Jahrhunderts der nationalen Demütigungen", den Böhm aufspürt, erinnert daran. Aber längst spielt China in einer ganz anderen Liga. Schon auf Mauros Karte waren Schiffswege von der somalischen zur chinesischen Küste eingezeichnet; die wichtige Handelsroute aus dem 15. Jahrhundert rückt gerade wieder ins Zentrum. China investiert in Afrika, junge Afrikaner kommen nach China, und Andrea Böhm begibt sich mitten hinein in diese neuen Einwanderergemeinden. Europa, das sich selbst noch immer so wichtig nimmt und angesichts der Globalisierung immer mehr zur Abschottung neigt, ist hier kaum noch präsent. Chinesische Landkarten hatten seit jeher das "Reich der Mitte" im Zentrum. Schon im neunten Jahrhundert reisten arabische Händler nach Guangzhou, es gab lebhafte Beziehungen. Heute baut die chinesische Regierung eine Eisenbahn bis Bagdad.

Auch der Irak steht auf Böhms Reiseroute, auf Mauros mittelalterlicher Mönchskarte als Mesopotamia verzeichnet. Dort schreibt sie von der jahrtausendealten Geschichte über die koloniale Neuschaffung bis hin zu George W. Bushs Angriffskrieg und den bekannten desaströsen Folgen, bis hin zur immer noch anhaltenden deprimierenden Realität eines blutigen ethnischen Konfliktes. Die touristische Landkarte von 2003, die ihr im Irak in die Hände fällt, zeugt von den längst vergessenen großen Hoffnungen für die Zeit nach Saddam Hussein. Trotz der deprimierenden Sicherheitslage staunt Böhm über die Schönheit der einst von Saddam gewaltsam ausgetrockneten Marschlandschaft im Süden des Landes. In Bagdad scheitert die Suche nach einer Konzerthalle, in der einst in den Sechzigern Duke Ellington auftrat, im schiitischen Südirak sucht sie das alttestamentarische Paradies und findet Millionen schiitischer Pilger und das stinkende Zentrum der irakischen Ölindustrie.

Auf den nahöstlichen Stationen wird die Reise immer atemloser und etwas überladen: Auf den Spuren der Phönizier in Libanon, Krieg in Gaza, Napoleons Ägyptenexpedition, unterwegs mit der libyschen Küstenwache, bis Böhm mit der Flüchtlingskrise endgültig wieder in der Gegenwart angekommen ist.

Die allerletzte Station vermag dann noch zu überraschen, denn die schwindelerregende Reise endet in der Fantasierepublik Nowa Amerika an der deutsch-polnischen Grenze, die Andrea Böhm 2013 schon einmal für die Wochenzeitung Die Zeit bereist hat. Noch so ein vermeintlich blinder Fleck. Fast ist man froh, ausgerechnet hier einen Augenblick zu verweilen, dann setzt das Fernweh wieder ein.

René Wildangel ist Historiker und schreibt unter anderem zum Schwerpunkt Naher/Mittlerer Osten.