Natürlich erklärt am Ende Reinhard Marx, dass ihm die Väter der sozialen Marktwirtschaft und der katholischen Soziallehre näher sind als Karl Marx. Zuvor aber hat er den Neoliberalen ordentlich Saures gegeben: Der zu wenig gebändigte Kapitalismus habe die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert, bedrohe den Mittelstand, sei in Gefahr, an der eigenen Gefräßigkeit zugrunde zu gehen.

Reinhard Marx, dpa

Ratgeber in der Not: Geistlich und intellektuell gewinnen die Kirchen in der Finanzkrise. (© Foto: dpa)

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Damit ist die Linie des Buches schon gezeichnet: Erzbischof Marx beklagt die steigende Armut in der Welt und in Deutschland, er zitiert den heiligen Augustinus, wonach ein Staat ohne Moral nicht mehr ist als eine Räuberbande; er tritt für gerechte Bildungschancen und Arbeitsverhältnisse ein, plädiert für die Stärkung der Familien.

Zu konkreten Fragen will Marx sich nicht äußern

Das ist, flüssig formuliert, die gute alte katholische Soziallehre, die ihren Weg zwischen Kommunismus und ungebremstem Kapitalismus sucht. Wo dieser "dritte Weg" entlang geht, fällt Marx nicht so leicht zu sagen. Der müsse immer wieder neu gefunden werden "zwischen den Leitplanken", die vom Dirigismus abgrenzen und vom Liberalismus. Zu konkreten Fragen, zum Beispiel, was er von der Acht-Prozent-Lohnforderung der IG Metall hält, möchte er nichts sagen.

Es bleiben dann doch einige starke Sprüche des Kirchenmannes und Sozialexperten zu berichten. Im gegenwärtigen Wirtschaftssystem gebe es "Strukturen der Sünde, die Anreiz geben zum Schlechten" und die deshalb verboten gehörten - sogenannte Geierfonds zum Beispiel, bei denen Hedgefonds in Not geratene Firmen übernehmen, um sie zu zerschlagen und aus den Trümmern Gewinn zu erzielen. Oder überzogene Renditeerwartungen - "wenn 25 Prozent als normal gelten, ist das falsch".

Es sei auch "ein Exzess", wenn ein Manager tausendmal so viel verdiene wie ein Arbeiter, "das Zwanzigfache tut es auch". Vor zehn Jahren, so das Fazit von Reinhard Marx, sei der rheinische Kapitalismus von vielen Ökonomen für tot erklärt worden, "als sozialromantisches Überbleibsel der Nachkriegszeit". Im Gegenteil aber bräuchte die Weltgemeinschaft "eine Globalisierung der sozialen Marktwirtschaft", sonst werde sie die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nicht bewältigen können.

"Spekulation ist Sünde"

"Wilde Spekulation ist Sünde", hat der Münchner Erzbischof dem Magazin Der Spiegel gesagt; die Tageszeitung Die Welt hat ihm dafür die Kopfnote 5 erteilt, weil er damit alle Manager ohne Ansehen ihrer Taten in die Sammelzelle sperre. "Ich will anstoßen, deshalb kann ich auch kritisiert werden", sagt Marx dazu.

Ein Journalist fragt, ob er, Reinhard Marx seinen publizistisch immer noch erfolgreicheren Vorgänger Karl zu den "anonymen Christen" zähle, wie der Theologe Karl Rahner einmal jene Menschen nannten, die sich christlicher verhielten als viele Christen. Darauf will sich der Erzbischof dann doch nicht einlassen. Eine Zwangstaufe für den bekennenden Atheisten und Religionskritiker wäre wohl auch unter die Sünde der Maßlosigkeit gefallen.

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(SZ vom 30.10.2008/liv)