Das Tagebuch von Obamas Ex-Freundin
Biographie über US-Präsident / / Veröffentlicht am , im US-WahlblogAnzeige
Barack Obama auf einer undatierten Aufnahme im New York der 80er-Jahre.
(Foto: AFP)Im Dezember 1983 geht eine 25-jährige Australierin im East Village auf eine Party. Sie kennt dort niemand und kommt nach Mitternacht mit einem gut aussehenden Mann ins Gespräch. Sie reden unter anderem über Indonesien, wo beide gelebt haben, und tauschen Nummern aus. Wenige Tage später treffen sie sich. "Ich glaube, er hat für mich gekocht. Wir redeten, gingen ins Schlafzimmer und redeten weiter. Ich verbrachte die Nacht dort. Es fühlte sich an, als müsse es so geschehen." Der Name der Frau ist Genevieve Cook und er heißt Barack Obama.
Nur wenige wussten von dieser Beziehung, bis David Maraniss die Diplomatentochter ausfindig machte. Sie erzählte dem Pulitzer-Preisträger nicht nur von der einjährigen Beziehung, sondern zeigte ihm auch ihre Tagebücher. Und Maraniss, der 1995 eine aufsehenerregende Biographie über Bill Clinton veröffentlichte, hat noch eine weitere Ex-Freundin gefunden, mit der sich Obama in langen Briefen über Schriftsteller und Philosophen austauschte. Am 19. Juni soll das Buch erscheinen.
Die Episode aus Obamas Zeit in New York hat die Zeitschrift Vanity Fair allerdings bereits abgedruckt - und so die erste Flut an Artikeln ausgelöst. "Wir waren immer neugierig, wie sein Liebesleben war, bevor er Michelle kennenlernte", schreibt etwa Gail Collins in der New York Times. Die Zeitung schickte gleich einen Reporter zu dem Haus in Brooklyn, in dem Obama in einer "schäbigen Wohnung" wohnte. Bonnie Goldstein bemitleidet Cook in der Washington Post, dass die Ruhe für die 1958 geborene Frau nun vorbei sei - und gibt zu, dass sie es nicht erwarten kann, mehr über diese Beziehung zu erfahren.
Cook beschreibt den damals 22-Jährigen in ihrem Tagebuch als "zärtlich, aber gleichzeitig kühl". Sie notiert, dass Obama sonntags gern mit nacktem Oberkörper das Kreuzworträtsel der New York Times löste und sehr irritiert war, als sie ihn in einem Wettrennen besiegte.
Cook beschreibt ein Paar, das gemeinsam duscht, Bücher liest und kocht, doch zugleich hat sie das Gefühl, nie ganz an den drei Jahre jüngeren Barack heranzukommen: "Seine Wärme kann trügerisch sein. Er sagt süße Worte und kann offen und vertrauensvoll sein, aber da ist auch diese Kühle." Eine gewisse Distanziertheit und Unnahbarkeit ist bis heute bei Obama zu sehen. Und Cook notiert, dass beide mehrmals über Obamas Identitätssuche redeten.
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In der 1995 erschienenen Autobiographie Dreams from my father (deutsch: Ein amerikanischer Traum. Die Geschichte meiner Familie) beschreibt Obama die Zeit in New York als Phase der Selbstfindung. Er hatte den Abschluss der Columbia University in der Tasche und wenig Freude an seinem Job. Ihn beschäftigten Fragen wie "Wo gehöre ich hin? Was bedeutet es, ein schwarzer Amerikaner zu sein?" Er verschweigt die Beziehung zu einem weißen Mädchen im Buch nicht, doch er nennt keine Namen. In allen Ausgaben stellt Obama im Vorwort klar: "Einige Figuren setzen sich aus mehreren mir bekannten Menschen zusammen."
So schildert er in drei Absätzen Kapitel 11 einen Theaterabend mit seiner New Yorker Freundin: Die beiden sahen ein Stück eines afroamerikanischen Autors und stritten sich anschließend heftig über den "Zorn der Schwarzen". Im Interview mit David Maraniss erklärt Obama, dass sich dieser Vorfall nicht mit Genevieve Cook abgespielt hat: "Ich habe das kondensiert, denn es schien mir passend, um das Verhältnis und die Diskussionen zu beschreiben, die ich damals mit weißen Freundinnen hatte."
Abgesehen von notorischen Obama-Hassern wie dem Talkshow-Moderator Rush Limbaugh wird dem US-Präsidenten niemand den Vorwurf machen, dass er vor 17 Jahren keine Namen nannte, um die Privatsphäre seiner Ex-Freundinnen zu schützen - und wohl auch nicht, dass er wie viele 22-Jährige an Mädchen interessiert war.
David Remnick, Chefredakteur des New Yorker und Autor eines Buchs über Obama, hält dieses Vorgehen in einem Gespräch mit Politico für legitim: "Es gibt große Unterschiede zwischen einer Autobiographie und einer Biographie. Er lässt Dinge aus, um bestimmte Leute zu schützen. Das macht aber kein guter Biograph."