Biographie über KZ-Kommandant Amon Göth Morden, bereichern, intrigieren

"Der Tod ist ein Meister aus Wien" ist die erste Biographie über Amon Göth, des KZ-Kommandanten von Plaszow. Bis ins Detail schildert der Autor die Bestialität des österreichischen SS-Mannes. Weniger wäre hier mehr gewesen.

Von Von Bernd Oswald

Es war ein Rückfall in längst vergangen geglaubte Zeiten. Doch als Österreich Anfang März des 70. Jahrestages des "Anschlusses" an das Hitler-Reich gedachte, gab Otto von Habsburg wieder dem Opferreflex nach: Es gebe "keinen Staat in Europa, der mehr Recht hat, sich als Opfer zu bezeichnen, als es Österreich gewesen ist", meinte der älteste Sohn des letzten österreichischen Kaisers bei der Gedenkveranstaltung in Wien.

Cover des Buches "Der Tod ist ein Meister aus Wien" von Johannes Sachslehner.

(Foto: Scan: sueddeutsche.de)

Dabei sind sich weite Teile der Geschichtswissenschaft einig, dass die Opfer-Rolle Österreichs keineswegs haltbar ist. So auch der Wiener Historiker Johannes Sachslehner, der nach einem prominenten NS-Täter aus seiner Heimat suchte, um die Verwicklung Österreichs in die monströsen Nazi-Verbrechen "mit Fleisch und Blut zu erfüllen".

Fündig würde er bei Amon Göth, dem Kommandanten des KZ Plaszow bei Krakau in Polen. Schon mit dem Titel seiner Göth-Biographie "Der Tod ist ein Meister aus Wien" (ein Wortspiel mit dem Vers "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland" aus dem Gedicht "Todesfuge" des rumänisch-französischen Lyrikers Paul Celan) dokumentiert Sachslehner die nicht zu leugnende Verstrickung seiner Heimat in die NS-Gräuel.

Eingang ins Gedächtnis der Gegenwart fand Göth in Person von Hollywood-Star Ralph Fiennes, der den "Schlächter von Plaszow" in Steven Spielbergs "Schindlers Liste" mimte. Darauf beruft sich auch das Buch, um einen Anknüpfungspunkt zur Person Göth herzustellen. Schindlers Liste selbst taucht in "Der Tod ist ein Meister aus Wien" allerdings nur am Rande auf.

Immerhin deutet der 50-jährige Autor an, dass das Verhältnis zwischen dem deutschen Industriellen und dem KZ-Kommandanten ambivalent war. Schindler erkaufte sich Verschonungen und Vergünstigungen für seine jüdischen Arbeiter bei Göth mit Edelsteinen, Geld, Alkohol, Zigaretten und Kaviar - Beweise für die Bestechlichkeit des Wieners Göth. Dessen Gier nach Reichtum arbeitet Sachslehner als wesentlichen Charakterzug heraus.

Minutiös schildert der Autor auch die willkürlichen Hinrichtungen, Demütigungen und Menschenjagden, an denen Göth so großen Gefallen fand. Besonders schätzte er beim Töten den Überraschungsmoment: "Er genießt es, den Übergang von der Normalität zur Todesangst in den Augen seiner Opfer zu sehen, diesen Sekundenbruchteil des ungläubigen, verzweifelten Staunens", schreibt Sachslehner. Göth zelebrierte hundertfach das "Abknallen" und "Umlegen" als Ritual. Kleidungsstücke wie Tirolerhut, weiße Handschuhe, oder Schal wurden zu Insignien, die Göths Mord-Laune dokumentierten.

Exekutionen in Nahaufnahme

Als dritte wesensprägende Unart Göths wird seine Intriganz ausgemacht: Der SS-Hauptsturmführer, der nach oben buckelte und nach unten trat, zettelte in diesem Weltkrieg einen ganz persönlichen Psychokrieg gegen seinen Nebenbuhler Franz-Josef Müller an, der vor ihm Lagerkommandant gewesen war. Erfolgreich, wie sich am Ende zeigte.

Den Dreiklang "morden, bereichern, intrigieren" arbeitet Sachslehner gut heraus, vielleicht sogar zu gut. Immer und immer wieder schildert er die zum Ritual gewordenen Exekutionen am Schwanzhügel des Arbeitslagers, führt anhand von Überlebendenaussagen widerwärtige Details der letzten Sekunden unzähliger Häftlinge vor Augen. Es ist hart, so etwas zu lesen. Die streng chronologische Erzählweise bedingt einige Wiederholungen, die den Blick aufs große Ganze verlorengehen lassen.

Während die Darstellung von Göths Zeit in Plaszow etwa drei Viertel des Buches einnimmt, wird die Vorgeschichte Göths - Herkunft, Tätigkeit im väterlichen Buchverlag, Eintritt in NSDAP und SS - vergleichsweise kurz abgehandelt. Zwar beschreibt Sachslehner das Wie, streift das Warum aber nur am Rande. Auch der Wandel vom angeblichen Wiener "Gentleman" zum Massenmörder wird nicht erklärt.

Dennoch ist "Der Tod ist ein Meister aus Wien" ein wichtiges Buch, das die publizistische Lücke im Fall des Amon Leopold Göth schließt. Und das auf einer hervorragenden Quellenlage: Zwei Jahre lang hat sich Sachslehner durch sämtliche Prozessakten und Zeugenaussagen gearbeitet, in den österreichischen Archiven geforscht und selbst mit ehemaligen Lagerinsassen gesprochen: Darunter sind Mietek Pemper, der persönliche Sekretär Göths und Monika Hertwig, die Göth mit seiner Geliebten Ruth Irene Kalder in Plaszow zeugte. Vor allem aber ist es ein sachkundiger Beitrag zur nationalsozialistischen Vergangenheitsbewältigung in Österreich.