Biographie über Hitlers Geliebte Eva Hitler, ein Tschapperl

Adolf Hitler und Eva Braun

(Foto: dpa)

Zwei Selbstmordversuche Eva Brauns zeugen von einem Hang zur Selbstzerstörung. Heike Görtemaker will das Bild korrigieren - vergeblich. Was man nicht weiß, kann man nicht schreiben.

Von Franziska Augstein

Ihr Ende war eindrucksvoll: Schon 1939 sagte Eva Braun, wenn Hitler etwas zustoßen sollte, "sterbe ich auch". Dabei ist sie geblieben. Als ihre Stunde 1945 kam, war sie gefasst. Albert Speer, der Eva Braun einige Tage vor ihrem Selbstmord im Bunker der Reichskanzlei besuchte, begegnete einer ruhigen und entspannten Frau.

Sie hatte ihrem Mann und Führer die Erlaubnis abgerungen, mit ihm zusammen in den Tod zu gehen. Die Hochzeit am 29. April 1945 besiegelte diese für sie höchste Anerkennung.

Das nie gelöste Beischlaf-Rätsel

Abgesehen von ihrer Bereitschaft, mit und für Hitler zu sterben, hat Eva Braun in ihrem Leben selten Eigenständigkeit gezeigt. Als sie siebzehn Jahre alt war, 1929, lernte sie Hitler im Photogeschäft Heinrich Hoffmanns kennen, wo sie angestellt war.

Sie ließ sich von dem 23 Jahre älteren Nazi charmieren, und bald war sie ihm verfallen. Bis Mitte der dreißiger Jahre behandelte Hitler sie - mit einer Formulierung des Historikers Ian Kershaw gesagt - bei vielen Gelegenheiten "wie den letzten Dreck".

Nach ihrem zweiten Selbstmordversuch 1935 ging Hitler besser mit ihr um. Man kann nur darüber spekulieren, wie ihre Psyche beschaffen war, dass sie die Demütigungen, die Hitler ihr antat, duldend hinnahm.

Liebte sie Adolf, oder liebte sie ihn als Reichskanzler? Und wie erklärt sich ihr Hang zur Selbstzerstörung?

Unbekannt ist auch, was Hitler an ihr auf Dauer fand und ob er überhaupt etwas an ihr fand. Seine Sekretärin Christa Schroeder schrieb später, er habe weiteren Selbstmordversuchen vorbeugen wollen und Eva Braun als "Schutzschild gegen alle anderen aufdringlichen Frauen" brauchen können.

Hitler fand seine Freundin nicht erwähnenswert

In Anbetracht von Hitlers prüdem Verhältnis zu seinem eigenen Körper und seiner Behauptung, er müsse seine Kräfte für sein Volk aufsparen, klingt das nicht abwegig.

Die Historikerin Heike Görtemaker hat jetzt versucht, Eva Braun in einem völlig neuen Licht darzustellen, nämlich als eine Frau, die nicht bloß Hitlers "Tschapperl", sondern stärker und selbstbewusster gewesen sei, als die Welt bisher angenommen hat. "Das Leben Eva Brauns mit Hitler", schreibt Heike Görtemaker, gebe "einen tiefen Einblick in die im NS-Staat sorgsam verborgene ... private Existenz des Diktators."

Manches gibt Einblick in Hitlers private Existenz. Was aber sein Leben mit Eva Braun angeht, ist die Quellenlage miserabel. Sie hat wenig Schriftliches hinterlassen. Hitler fand seine Freundin nicht erwähnenswert. Und weil Eva Braun bei Tisch wenig sagte, ist sie auch Hitlers Gästen nicht sonderlich aufgefallen.

Sein Leibarzt Karl Brandt, stellte fest: Nie habe Eva Braun sich "in den Vordergrund gedrängt", stets sei sie "auf ihrem Platz" geblieben. Das gab Brandt bei einer Befragung in amerikanischer Kriegsgefangenschaft zu Protokoll. Aber diesen Verhören traut Heike Görtemaker nicht: Der Versuch, sich als unwissend und folglich unschuldig zu präsentieren, habe viele Zeugen auch zu einer verzerrten Darstellung dessen geführt, was sie von Eva Brauns Beziehung zu Hitler wussten.

Da es nur sehr wenige verlässliche Quellen gibt, kleidet die Historikerin ihre Vermutungen in der Regel in Fragesätze. Anfangs wirkt das angenehm aufrichtig, späterhin zunehmend ermüdend.

Was man nicht weiß, kann man nicht schreiben. Mitunter scheint die Autorin schon zufrieden zu sein, wenn sie das Offensichtliche belegen kann: Dass Hitler und Eva Braun Lebensgefährten waren (die vom Personal schon damals erörterte Frage, ob es zum Beischlaf kam, kann auch Görtemaker nicht klären). Als Hitler seinen Wohnsitz in Linz plante, verfügte er, die Gestaltung von "Wirtschaftsteil" und "Garten" werde der "Hausherrin" Eva Braun obliegen. Das scheint Heike Görtemaker bemerkenswert zu finden, ignoriert aber, dass die "Hausherrin" für alle übrigen Planungen des Anwesens offenbar nicht in Betracht kam.

Eva Braun photographierte gern. Heinrich Hoffmann kaufte ihr einige Bilder ab, auf denen Hitler posierte. Dafür wurde sie sehr großzügig entlohnt. Frau Görtemaker fragt: Ob Hitlers Hofphotograph Eva Braun vielleicht so gut bezahlt habe, um sich ihrer "Fürsprache an höchster Stelle" zu versichern? Ob Hoffmann sich auf diesem Weg einfach nur dafür erkenntlich zeigen wollte, dass Hitler ihn zu einem sehr reichen Mann gemacht hatte, erwägt die Autorin nicht.

Wenn er Diät hielt, aß sie, was er auch aß

Eva Braun tat alles, um sich Hitler gewogen zu halten: In seiner Gegenwart war sie brav wie ein gut dressiertes Haustier. Als uneheliche Gefährtin durfte sie nicht offiziell mit Hitler auftreten. Jahrelang musste sie es ertragen, dass die Gattinnen der NS-Bonzen auf sie herabblickten. Mit übler Nachrede über Dritte, Konsumfreuden und kleinen Parties suchte sie ihre unschöne Situation zu kompensieren.

Wenn sie Hitler in Berlin besuchte, war sie bei privaten Essen mit "wichtigen" Leuten nicht eingeladen. Wenn Hitler sie im Berghof auf dem Obersalzberg besuchte und seines schwachen Magens wegen wieder einmal eine geschmacklose Diät einhielt, aß sie, was er auch aß. Und wie alle anderen Frauen zog sie sich zurück, wenn Hitler mit seinen Funktionären politische Gespräche führte.

Hitler und seine Entourage lebten in einer Männerwelt. Frauen waren Dekoration, Eva Braun mehr als andere. Dagegen schreibt Heike Görtemaker an, aber zu überzeugen vermag sie nicht. Auch ihre Vermutung, Eva Braun habe eine eigene politische Meinung gehabt, macht sie nicht plausibel. An einer Stelle schreibt sie selbst, dass Hitlers Braut seine "Weltanschauung und politische Auffassung unkritisch teilte".

Der Zweite Weltkrieg war ein Glück für Eva Braun: Sie gewann ein wenig Einfluss auf Hitler. Gäste waren erstaunt, wenn sie im Berghof seine langweiligen Tiraden bei Tisch beendete, indem sie ihn tadelnd anblickte oder laut feststellte, wie spät es schon sei. Bedingungslose Loyalität war es, was Hitler forderte. Und je näher die Niederlage rückte, desto mehr gab er auf Eva Brauns Ergebenheit - bis er gegen Ende sagte, nur auf sie und seine Schäferhündin Blondi sei noch Verlass. Dies Buch heißt "Leben mit Hitler". "Sterben mit Hitler" wäre richtig gewesen.

HEIKE B. GÖRTEMAKER: Eva Braun. Leben mit Hitler. C. H. Beck, München 2010. 366 Seiten, 24, 95 Euro.