Der Biograph des Osama bin Laden: "Er ist ein sehr ruhiger, höflicher und bescheidener Mann". Ein Interview, ein Treffen, eine Drohung - wie der pakistanische Journalist Hamid Mir vom Erzfeind der USA einen ungewöhnlichen Auftrag erhielt.
(SZ vom 20.09.2001) - Das Schreiben von Büchern ist im Allgemeinen keine lebensbedrohliche Tätigkeit, in besonderen Fällen aber vielleicht doch.
Anzeige
Etwa, wenn einer ein Buch über den Mann schreibt, von dem US-Präsident George W. Bush sagt, er wolle ihn "tot oder lebendig", und der unter dem exotisch klingenden Namen Osama bin Laden für einen Teil der Menschheit zum Synonym des Satanischen und Bösen auf dieser Welt schlechthin geworden ist.
Hamid Mir, Redakteur der pakistanischen Zeitung Ausaf (Merkmale), hat den in diesen Tagen ebenso zynisch wie lebensgefährlich anmutenden Auftrag angenommen, die Biografie des international als "Terrorist Nummer eins" gesuchten Arabers zu schreiben.
Auftraggeber des Buches mit dem Titel "Ich bin kein Terrorist": Osama bin Laden.
Gesprächspartner und Informant über den Gegenstand, respektive die Hauptfigur des Buches: Osama bin Laden.
Lektor und Korrektor: Osama bin Laden. Finanzier des Autorenhonorars: Ebenfalls Osama bin Laden.
"Osama hat mir zugesichert, dass die Arbeit an dem Buch kein Diktat werden würde, sondern dass ich kritische Fragen stellen könne und er mir antworten würde", sagt Hamid Mir. "Daran hält er sich."
Der etwa 40 Jahre alte Reporter, ein leicht korpulenter Mann mit schwarzem Schnauzbart und dunkel gewelltem Haar, übernahm die heikle Aufgabe lange vor den grässlichen Terroranschlägen von New York und Washington, nämlich im Mai 1998.
Zu einer Zeit aber immerhin, als sein Auftraggeber bereits unter dem Verdacht stand, federführend in die Attentate auf zwei US-Botschaften in Afrika und auf mehrere amerikanische Garnisonen verwickelt zu sein.
Obendrein soll bin Laden seine Hände auch beim Bombenanschlag auf das World-Trade-Center in New York im Jahr 1993 im Spiel gehabt haben.
Autor Mir, der beim Treffen in einer Hotelhalle in Islamabad einen gestreiften Anzug und eine gelbe Krawatte trägt, sagt, er habe all dies gewusst: "Aber ich glaube nicht einfach, was alle sagen. Ich stelle lieber eigene Recherchen an."
Gefahr von zwei Seiten
Unabhängig von der möglicherweise allzu moralisch ausgerichteten Frage, ob man überhaupt ein Buch autobiografischen Charakters über einen Mann wie bin Laden schreiben sollte - die Sache ist zudem nicht ungefährlich.
Die US-Regierung hätte bin Laden schon früher lieber tot als lebendig gesehen und hatte ihm zum Beweis dessen im August 1998 mehr als ein Dutzend Marschflugkörper an seinen vermuteten Aufenthaltsort nach Afghanistan geschickt.
Damals hatte der Araber angeblich wieder einmal die Fäden gezogen bei einer Serie von Attentaten, nämlich den Bombenanschlägen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania; 263 Menschen waren damals umgekommen, 5436 weitere verletzt worden.
Wer bin Laden kannte, war also doppelt gefährdet. Zum einen durch die US-Geheimdienste, die nach dem misslungenen Racheschlag mit den Marschflugkörpern noch größeres Interesse an Informationen über ihren Erzfeind, seinen Aufenthaltsort und seine Gewohnheiten haben mussten.
Zum anderen aber durch bin Ladens Leute, die von jedem, der mit ihrem Meister irgendwie zu tun hatte, Verrat fürchten mussten.
Der Journalist Hamid Mir sagt zu beidem nicht viel, obwohl er weiß, dass ein Islamgelehrter aus Pakistan, der mit dem geheimnisvollen Araber zu tun hatte, eines Tages vor seinem Haus niedergeschossen wurde.
Keine besonders beruhigende Arbeitsgrundlage also. Was indes die Gefahr von seiten bin Ladens angeht, so scheint der Araber seinem Biografen voll zu vertrauen: "Er weiß, dass ich nie irgendjemandem irgendetwas über seinen Aufenthaltsort sagen würde", so Hamid Mir.
Mag sein - schließlich hat sich bin Laden seinen Leibautor selbst ausgesucht. Der zweifelhaften Ehrung vorausgegangen war nämlich ein Interview, das Mir mit dem Araber 1997 in Afghanistan geführt hatte.
Der Journalist erinnert sich gut an sein erstes Treffen mit dem Berüchtigsten der Berüchtigten: "Es gab eine Menge Sicherheitsvorkehrungen.
Ich traf ihn in der Nähe von Dschalalabad. Ich trat ein und sah ihn, der in einer Akte las. Es war meine Akte. Er wusste alles über mich."
Bin Laden las vor, wann Mir welchen Politiker wo im Ausland interviewt hatte, wie seine Kontonummer lautete, und er machte Anmerkungen zu Mirs privaten Angelegenheiten. "Die Botschaft war klar: Ich weiß alles über Dich - versuche nicht, mich zu hintergehen."
Hamid Mir scheint dennoch die richtigen Fragen gestellt zu haben: Ein Jahr später, das Interview war längst veröffentlicht, traf er bin Laden erneut in Afghanistan, diesmal nahe Kandahar. "Wir haben uns den ganzen Abend unterhalten und er fragte, ob ich nicht ein Buch über ihn schreiben wolle."
Der Reporter wollte und es begann ein merkwürdiger Austausch von Fragen, die mittels Boten an unbekannte Orte in Afghanistan übermittelt wurden, und Antworten, die auf ähnlich verschlungenen Wegen wieder zurück nach Pakistan kamen.
Irgendwann tauchten Fremde bei dem Journalisten auf, übergaben ihm die Blätter mit den schriftlich formulierten Antworten. "Manchmal antwortete er schnell, manchmal ließ er sich Zeit, manchmal riss der Kontakt ganz ab für eine Zeit.
Aber dann meldete er sich immer wieder," erzählt Mir. Was er über den Gegenstand seiner schriftstellerischen Bemühungen zu sagen hat, liest sich wie die passende Bildunterschrift zu den Fotos des Arabers, die derzeit um die Welt gehen: "Er ist ein sehr ruhiger, höflicher und bescheidener Mann", sagt Mir über den meistgesuchten Menschen der Welt, der auf den Bildern eine beunruhigende Gelassenheit und Selbstsicherheit ausstrahlt.
Und noch etwas hebt Mir hervor. Im Gegensatz zu dem eher schlichten Taliban-Chef Mullah Omar sei bin Laden ein kühl kalkulierender Charakter: "Omar ist ein Mann des Herzens, Osama ein Mann des Kopfes." Bin Laden habe eigentlich nur zwei wirkliche Anliegen: die Befreiung Palästinas von der Anwesenheit der Israelis und den Abzug der Amerikaner aus Saudi-Arabien, die dort auf Wunsch des saudischen Königshauses seit dem Golfkrieg von 1991 stationiert sind.
Und das seien doch Dinge, "mit denen eigentlich jeder Muslim irgendwie übereinstimmt", sagt Hamid Mir. "Osama meint, wenn die Afghanen ihr Land von den Sowjets befreien konnten, dann muss man auch die Juden aus Palästina und die Amerikaner aus Saudi-Arabien vertreiben können."
Letztendlich sei bin Laden einer, der sich an der Weltherrschaft der Amerikaner störe. "Die Amerikaner diktieren den Ölpreis und beuten so die Araber seit Jahrzehnten aus. Das will er nicht akzeptieren."
Im Jeep durchs Land
Es versteht sich, dass wohl keiner in Pakistan ein Buch über Osama bin Laden schreiben kann, der nicht selbst eine gewisse Grundsympathie für die islamistische Variante der politischen Weltsicht hat und eine wohlwollende Haltung gegenüber dem Taliban-Regime in Kabul dazu.
Hamid Mir hat sie, das sagt er selbst. Obwohl er hinzufügt, es gebe sehr vieles, in dem er mit bin Laden nicht übereinstimme, "etwa, dass man alle Amerikaner töten muss".
Der Autor muss aber nicht nur ein in der Wolle gefärbter Anhänger fundamentalistischer Ideen sein.
Er dürfte auch, so nehmen jedenfalls andere pakistanische Journalisten an, über ziemlich gute Kontakte zum pakistanischen Geheimdienst ISI verfügen: "Er und seine Zeitung Asauf sind so etwas wie das Sprachrohr der Taliban", sagt ein Kollege Mirs. "Was seine angeblichen Kontakte zum ISI angeht, so hat sich jedenfalls sein Lebensstil in den vergangenen drei, vier Jahren ziemlich sichtbar verbessert."
Das soll wohl heißen, dass der Buchautor auf der Gehaltsliste des lange mit den Taliban sympathisierenden Geheimdienstes steht. Aber das ist nicht bewiesen.
Ganz gleich, ob Mir ein mutiger Journalist mit einem zweifelhaften Untersuchungsgegenstand ist oder ein unter der behütenden und befehlenden Hand des Geheimdienstes arbeitender Lohnschreiber: Er weiß vermutlich wenigstens in etwa, mit welchen Leuten bin Laden Kontakt hält und welche Gewohnheiten er hat.
Er selbst sagt darüber - wohl in Erinnerung an das Kleingedruckte in seinem Autorenvertrag - sehr wenig. Soviel aber schon: "Bin Laden fährt nicht mit einer riesigen Streitmacht durch das Land.
Wenn er irgendwo vorbeifährt in seinem Jeep, würde wohl keiner denken, dass dort Osama bin Laden kommt."
Das ist wenig - aber dennoch etwas, was die Amerikaner bei ihrer Suche nach bin Laden im Heuhaufen Afghanistan vielleicht im Hinterkopf behalten sollten.
Auf das Erscheinen von Hamid Mirs Buch werden sei noch eine Zeit lang warten müssen. Seine Arbeit stockt, denn er kann derzeit mit bin Laden, wie er sagt, keine Kontakte pflegen.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
Bilder des Tages