Bildungsministerin unter Druck Schavans Agenda

Annette Schavan geht in die Offensive. In der Debatte um Plagiate in ihrer Doktorarbeit geht es nicht nur um ihr Amt, sondern auch um die persönliche Glaubwürdigkeit der Bildungsministerin.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU): Merkel spricht ihrer Vertrauten das Vertrauen aus.

(Foto: dapd)

In der Fußballbranche gehört das "volle Vertrauen" zum Trainer meist zu einem verbalen Präludium, dem wenig später eine Entlassung folgt. Bei Angela Merkel ist das etwas situationsabhängiger.

Als sie ihrem damals gesundheitlich angeschlagenen Finanzminister Wolfgang Schäuble im Frühjahr 2010 das volle Vertrauen aussprach, war dies tatsächlich Loyalitätsbeweis und Machtwort zugleich. Gerüchte über einen Rücktritt verflüchtigten sich, der Parteifreund fand zu alter Stärke. Die Vertrauensbekenntnisse zu Christian Wulff und Karl-Theodor zu Guttenberg hingegen schmolzen nach wenigen Wochen unter dem öffentlichen Druck dahin, die beiden traten schließlich zurück.

Nun also hat die Kanzlerin Bildungsministerin Annette Schavan über ihren Regierungssprecher "volles Vertrauen" ausrichten lassen. Was diese Aussage in der neu aufgeflammten Plagiatsaffäre wert ist, könnte sich bereits in den kommenden Tagen zeigen: Am Mittwoch soll der Promotionsausschuss der Universität Düsseldorf über seine Empfehlung an den Fakultätsrat beraten, das Gremium also, das über die Aberkennung des Titels entscheidet.

Vorsitzender des Promotionsausschusses ist Stefan Rohrbacher, Professor für Jüdische Studien, Prodekan an der Uni Düsseldorf - und Verfasser des Gutachtens, demzufolge Schavans Arbeit das "charakteristische Bild einer plagiierenden Vorgehensweise" bietet.

"Nicht nur heimlich" geschämt

Plagiatsvorwürfe gegen die 57-jährige CDU-Politikerin wiegen äußerst schwer. Als Bildungs- und Forschungsministerin wäre sie bei einer Aberkennung des Doktortitels im akademischen Betrieb unglaubwürdig - und damit als Ministerin unhaltbar.

Und dann wären da noch ihre Äußerungen vom 28. Februar 2011. Wenige Tage zuvor hatte die Universität Bayreuth dem damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg seiner plagiierten Promotionsarbeit den Doktortitel aberkannt. "Schämen Sie sich heimlich für Ihren Kabinettskollegen?", wurde sie im Interview mit der SZ gefragt. Die Antwort: "Als jemand, der selbst vor 31 Jahren promoviert hat und in seinem Berufsleben viele Doktoranden begleiten durfte, schäme ich mich nicht nur heimlich. Und das wird Karl-Theodor zu Guttenberg nicht anders gehen."

Diese Worte fallen nun, trotz aller Unterschiede zum Fall Guttenberg, auf sie zurück - weshalb die Ministerin ihren Ruf mit allen Mitteln verteidigen wird. In mehreren Stellungnahmen kritisierte sie, dass die Medien vor ihr als Betroffener Zugang zum Gutachten erhalten hätten.

Vor dem Promotionsausschuss werde sie sich erklären, sobald dieser ihr eine Gelegenheit dazu gebe, kündigte sie an. "Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als mich zu wehren. Das heißt, ich werde zu den Vorwürfen gegenüber der Universität Stellung beziehen", sagte sie der Südwest Presse und fügte hinzu: "Ich lasse mir das nicht bieten."

Am Dienstag allerdings steht zunächst eine Reise nach Israel an, der erste öffentliche Auftritt der Ministerin nach der neuen Eskalation der Plagiatsaffäre wird in Jerusalem sein, wo Schavan einen israelisch-deutschen Forschungspreis vergeben wird. Auch am Mittwoch, wenn der Promotionsausschuss tagen soll, wird sie noch in Israel weilen.

Promotionswesen in der Kritik

Bis zur endgültigen Entscheidung der Universität könnte noch einige Zeit vergehen - auch politische Gegner haben angedeutet, das Votum des Fakultätsrats abzuwarten.

Längst aber hat in Deutschland eine Debatte über das Wesen der Promotion an sich begonnen. So argumentiert der grüne Blogger Till Westermeier, dass die Aussagekraft und Vergleichbarkeit von Promotionsarbeiten nicht mehr gegeben sei: "Manche Arbeiten aus den 1960er und 1970er Jahren würden heute gerade noch so als Masterthesis durchgehen, manche andere haben einen Umfang und eine inhaltliche Tiefe, die sonst eher mit Habilitationsschriften verknüpft wird."

Zumindest dürfte der Fall Schavan dafür sorgen, dass das Vertrauen in das Promotionswesen weiter sinkt. Längst untersuchen Plagiatsjäger auf Plattformen wie VroniPlag nicht nur Politiker-Arbeiten, von denen etwa ein Dutzend genauer überprüft wurde. Wie viele Texte insgesamt bereits analysiert wurden, ist allerdings schwer zu schätzen, sagt Debora Weber-Wulff. Viele Arbeiten schaue man einmal an - und entscheide dann relativ schnell, die Sache nicht weiter zu verfolgen.

Weber-Wulff, Professorin für Internationale Medieninformatik an der TU Berlin, gehört zum Team der Plagiatsjäger-Webseite, die sich auch mit der Doktorarbeit mit Annette Schavan beschäftigte - und sich schließlich entschloss, sie nicht auf die Liste der Verdachtsfälle zu stellen, die mit Klarnamen angegeben werden. Diese Liste ist auf der Seite öffentlich einsehbar. Dort stehen derzeit 30 Arbeiten mit den dazugehörigen Verfassern.