Bildung Hohe Schule des Scheiterns

Fast jeder dritte Bachelor-Student bricht sein Studium ab. Manche wollen lieber praktisch arbeiten, andere sind total überfordert und vielen fehlt ganz einfach die Motivation.

Von Susanne Klein

Fast ein Drittel aller Bachelor-Studenten bricht das Studium ab, weil sie das Leistungsniveau überfordert, sie lieber praktisch arbeiten wollen oder unmotiviert sind. Auch die Studienbedingungen und die finanzielle Situation spielen bei der Entscheidung eine Rolle. Diese Resultate präsentierten am Donnerstag das Bundesbildungsministerium und die Stiftung Mercator in Berlin.

Dass in Deutschland mittlerweile jeder zweite Schüler mit einer Hochschulreife ins Leben entlassen wird, dann aber so viele junge Menschen an Hochschulen scheitern, dürfte 16 Wochen vor der Bundestagswahl die aktuelle Bildungsdebatte weiter anheizen. Spätestens seit der Auswertung der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen ist offensichtlich, wie wichtig das Thema Bildung vielen Bürgern ist und wie entscheidend es für den Ausgang einer Wahl sein kann. Die Studie zeige, "wie wichtig eine gute Berufsorientierung bereits in der Schulzeit ist", sagte Bundesministerin Johanna Wanka (CDU). "Gleiches gilt für die gezielte Unterstützung von Studienanfängern, die dabei hilft, Studienabbrüche zu vermeiden."

Die Untersuchung, durchgeführt vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), ist die bislang größte ihrer Art. 6000 Exmatrikulierte des Jahres 2014 wurden befragt, Fakultätsleiter aus bundesweit 32 Universitäten und 28 Fachhochschulen gaben Auskunft. Insbesondere die praxisorientierten Fachhochschulen kommen in der Untersuchung schlecht weg. In einer 2012 veröffentlichen Erhebung hatte das DZHW für sie eine Abbrecherquote von 19 Prozent ermittelt. Inzwischen verlassen 27 Prozent aller Studenten die Fachhochschule ohne einen Bachelor-Abschluss. Die Quote stieg damit um fast die Hälfte. Im gleichen Zeitraum konnten die Universitäten ihre traditionell hohen Abbruchquoten verringern: Von einhundert Studierenden kehren statt 35 nur noch 32 ihrer Universität vorzeitig den Rücken.

Blick in einen großen Hörsaal der Technischen Universität in München. Besonders häufig kommt es zum Studienabbruch an Hochschulen für angewandte Wissenschaften - mit Quoten von bis zu 39 Prozent.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

DZHW-Studienleiter Ulrich Heublein nimmt die Entwicklung bei den Fachhochschulen ernst: "Zweifelsohne ein wichtiger Befund, zumal wir eine Konstanz sehen, die Quote ist dreimal in Folge gestiegen. Die Hochschulen für angewandte Wissenschaften tun gut daran, sich diesem Problem intensiver zuzuwenden." Eine Kritik, die Hans-Hennig von Grünberg, Vorsitzender der Hochschulallianz für den Mittelstand, die zwölf Fachhochschulen vereint, teilweise akzeptiert: "Wir müssen die Studieneingangsphase noch besser machen und mehr beraten, was ein Studium soll und wie es zu führen ist." Auf den Professorenmangel angesprochen, verweist er auf das Bundesbildungsministerium: "Frau Wanka hat ein Nachwuchsprogramm versprochen. Wir brauchen neue Karrierewege, um mehr und interessantere Professoren an die Fachhochschulen zu führen. Das muss zur nationalen Kraftanstrengung werden." Laut DZHW wird nur gut jede zweite Professur nach der ersten Ausschreibung besetzt.

Bei Informatik, Mathematik und Naturwissenschaften ist die Quote am höchsten

Vor allem angesichts sprunghaft gestiegener Studentenzahlen machen fehlende Professoren den Fachhochschulen zu schaffen. Heute studieren dort 300 000 junge Menschen mehr als 2010, viele von ihnen stammen aus Nicht-Akademikerfamilien. Kümmerte sich ein Professor laut Wissenschaftsrat vor zehn Jahren um durchschnittlich 36,5 Studenten, so betreut er heute 45, an manchen Hochschulen sogar 60. Am häufigsten brechen Fachhochschüler in den Bereichen Ingenieurswissenschaften, Informatik, Mathematik und Naturwissenschaften ab (33 bis 42 Prozent).

Einen maßgeblichen Grund für die vielen Studienabbrecher sieht die Untersuchung in der ungenügenden Vorbereitung auf das Studium. Abiturienten, die vom Gymnasium kommen, erzielen demnach deutlich höhere Studienerfolge als Kommilitonen, die ihre Hochschulreife auf anderem Wege erlangt haben, zum Beispiel an Fach- oder Berufsoberschulen. Letztere bereiten nicht so gut auf ein Studium vor wie

das Gymnasium, weshalb die Absolventen überdurchschnittlich häufig aufgrund von Leistungsproblemen kapitulieren.

SZ-Grafik; Quelle: Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung

(Foto: )

Dieses Problem betrifft in besonderem Maße Jugendliche mit Migrationshintergrund, da sie nach der Grundschule oft kein Gymnasium besuchen. Unter den 6000 befragten Studenten waren mehr als 1100 Studenten aus Zuwandererfamilien. Mit 43 Prozent ist die Abbrecherquote bei ihnen noch deutlich höher als im Schnitt.

Ein Studienabbruch bedeutet freilich nicht, dass die Betroffenen nicht wüssten, wie es weitergeht. Knapp die Hälfte verlässt bereits in den ersten beiden Semestern die Hochschule, weitere 29 Prozent im dritten oder vierten Semester - und die große Mehrheit scheint den nächsten Schritt bereits geplant zu haben: Ein halbes Jahr nach Verlassen der Hochschule haben 43 Prozent der Exmatrikulierten eine Berufsausbildung aufgenommen und 31 Prozent sind erwerbstätig. Dennoch sind Studienabbrecher häufiger arbeitslos (elf Prozent) als Absolventen (sieben Prozent).