Statt über mögliche Formen des Betreuungsgeldes zu streiten, sollte man den Kindergarten neu erfinden - mit mehr Personal und Unterstützung für bildungsferne Familien.
Für die Mobilität der Menschen gibt der deutsche Staat viel Geld aus. Er lässt Straßen bauen und Wege pflastern, er finanziert Flughäfen und subventioniert die Tickets von Bahnen und Bussen. Die Bürger erhalten ein Angebot - sie können es nutzen, doch sie müssen nicht. Und natürlich verzichten manche darauf.
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Der Kindergarten ist eine deutsche Erfindung des 19. Jahrhunderts - und muss dringend reformiert werden. (© Foto: AP)
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Sie bleiben zu Hause, weil sie vielleicht nicht reisen können, weil sie ihren Schreibtisch im privaten Arbeitszimmer haben und nicht im Büro, weil sie arbeitslos sind oder einfach nicht gerne rausgehen. Wer auf die Idee käme, für diese genügsamen Menschen eine finanzielle Entschädigung zu verlangen, die er vielleicht "Ruhegeld" nennen könnte, würde ausgelacht: Der Staat zahlt doch nichts an die, die seine Angebote ablehnen.
Genau das ist der Kern des Betreuungsgeldes, das die CSU seit zwei Jahren verficht. Eltern, die ihr Kleinkind nicht in eine Kinderkrippe bringen, sollen jeden Monat 150 Euro erhalten. Das Prinzip ist so merkwürdig wie der Hintergedanke simpel: Ein Teil der Konservativen hat noch immer Schwierigkeiten mit der Vorstellung, dass schon Kinder im Alter von zwei Jahren in eine Kita gehen.
Außer ein paar Sektierern gibt es kaum Kritiker der Krippen
Doch die Partei konnte sich politisch nicht durchsetzen. Denn außer ein paar Sektierern in der Pädagogenszene finden sich kaum Kritiker der Krippen. Und die meisten jungen Eltern verlangen mit Nachdruck mehr Kitas. Das konnte die CSU nicht ändern - sie hofft nun, dass ein Betreuungsgeld den Trend der vergangenen Jahre zumindest bremst und die Traditionalisten unter den Anhängern beruhigt.
Was Bundeskanzlerin Angela Merkel nun erklärte, sieht aus wie eine Unterstützung der CSU. In einem verschwurbelten Satz, wie ihn Edmund Stoiber nicht besser hingebracht hätte, sagte Merkel sinngemäß, sie traue Familien zu, die 150 Euro zum Wohl ihrer Kinder zu verwenden.
Nun können die Merkel-Exegeten grübeln: Ist das ein Machtwort pro Betreuungsgeld? Oder gibt es - neben Merkels Glauben an Eltern-Kompetenz - andere Argumente gegen das Betreuungsgeld, denen die Kanzlerin zuneigt? Im Grunde ist das egal. Denn über das Betreuungsgeld wird noch lange nicht entschieden; frühestens im Herbst 2013 soll es gezahlt werden - dann, wenn Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz für Einjährige haben.
Bis dahin bleiben vier Jahre, die man gewiss auch mit einem Kulturkampf um das Betreuungsgeld und irgendwelche Alternativen in Gutschein-Form verplempern kann. Doch die Zeit lässt sich besser nutzen. Denn in den nächsten Jahren geht es darum, dass sich der Kindergarten, eine deutsche Idee des 19. Jahrhunderts, neu erfindet.
Die erste Herausforderung wirkt harmlos, doch sie ist es nicht. Derzeit öffnen sich normale Kitas für kleinere Kinder und nehmen massenweise Zweijährige auf. Bald wird die reguläre Altersgrenze des Kindergartens nicht mehr bei drei, sondern bei zwei Jahren liegen. Der "Krippenausbau" ist in Wirklichkeit kein Neubau von Krippen, sondern ein Umbau der klassischen Kindergärten.
Das Experiment wird viele Gewinner haben - aber möglicherweise auch viele Verlierer. Profitieren werden die Eltern, weil sie wieder mehr Zeit für ihre Jobs bekommen. Profitieren werden Kommunen und Kitas, weil sonst aus demographischen Gründen weniger Kinder kämen und Personal überflüssig wäre.
Personalschlüssel nah am Straftatbestand
Doch Verlierer könnten die Kinder sein. Ein Zweijähriger braucht ein ganz anderes Programm als ein Fünfjähriger: mehr Zuwendung, mehr Schutz, mehr Nähe zur Erzieherin. Wenn diese aber 15 Kinder betreuen muss, wird das Experiment scheitern. Schon heute sind die Personalschlüssel in den neuen Bundesländern, wo die Traditionen der DDR nachwirken, nah am Straftatbestand der Kindeswohlgefährdung. In den nächsten Jahren wird das schlimmer, falls Bund und Länder nicht gegensteuern.
Die zweite Herausforderung: Alle Beschäftigten in Kindergärten müssen verstehen, was bisher nur ein Teil von ihnen erkannt hat - dass Bildung nicht erst in der Schule beginnt. Das braucht keine billigen Hilfskräfte, sondern gut ausgebildetes Personal. Kommunen müssen dort investieren, wo es Kinder am schwersten haben - gemäß der Idee, dass die besten Kitas in den problematischen Stadtvierteln nötig sind.
Das Signal für Eltern im Münchner Hasenbergl oder in Berlin-Neukölln darf nicht sein: Lasst Eure Kinder daheim, dann stockt der Staat Euer Einkommen um 150 Euro auf, sondern: Der Kindergarten nebenan ist so gut, dass er alle Eltern überzeugt.
Nicht nur den Nachwuchs versorgen, auch die Eltern coachen
Die dritte Herausforderung: Kitas müssen sich mehr um die Eltern mit niedriger Bildung und geringem Einkommen bemühen. Solange die nicht überzeugt sind, dass sich Bildung für ihre Kinder lohnt, nützen die schönsten naturwissenschaftlichen Experimente mit den Kleinen wenig. Sobald diese Eltern aber den Eindruck haben, dass sich Lernen und Leistung lohnen, bekommen ihre Kinder eine Chance auf Aufstieg. Auch das setzt eine kleine Revolution voraus. Eine solche Kita versorgt nicht nur den Nachwuchs, sondern coacht auch Eltern.
Das Angebot, das der Staat den Familien macht, muss also anders und viel besser werden. Billig kann das nicht sein. Aber das wäre ein sinnloses Betreuungsgeld auch nicht.
Die Nuba: Leni Riefenstahls Bilder machten sie einst bekannt. Heute sucht das Volk aus Sudan Schutz in Höhlen und Felsspalten – vor den Bomben des Regimes in Khartum. Ein Frontbericht. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 24.11.2009/liv)
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"Denn außer ein paar Sektierern in der Pädagogenszene finden sich kaum Kritiker der Krippen."
Naja, Pädagogen zu befragen, ob sie die Geeignetsten sind, Kinder zu betreuen, erinnert mich an den Satz: Wer einen Hammer hat, wird in jeder Frage einen Nagel erkennen ...
Als Vater von zwei Kindern kann ich aufrichtig und voller Überzeugung sagen, dass eine Ganztags-Gruppenbetreuung für meine Kinder nichts wäre. Auch wenn wir als Eltern ebenso überzeugt wären, wie es die Pädagogen (von ihrer eigenen Unverzichtbarkeit) sind: Meine Kinder bevorzugen definitiv das freie Austoben mit Spezln, wo sie unbeobachtet Dinge ausprobieren können, sich selbst aussuchen können, ob sie mit dem Roller, dem Fahrrad, den Rollschuhen oder sonstewas rumfetzen; wo sie das basteln und kaputtmachen können, was sie wollen. Und wenn sie mal keinen Bock haben, dann haben sie die Möglichkeit, sich in das eigene Zimmer Alles ohne pädagogischen Ansatz, ohne Gruppenatmosphäre und ohne Lernprogramm - davon haben die beiden nämlich vormittags genug. Wenn wer vom Baum runterfällt oder sich das Knie aufschrammt, findet daheim einen Hafen mit Rundumbetreuung. zurück zu ziehen und einfach mal was anhören, schmökern oder ruhig spielen.
Sowohl meine Frau als auch ich hatten in unserer Kindheit das gleiche Privileg, das wir nun unseren Kindern geben - auch wenn wir dadurch auf ein zweites Einkommen verzichten.
@kruemelkuchen
Was mir auffällt: Wir fokussieren uns viel zu sehr auf dieses Betreuungsgeld, das ich - und daraus habe ich nie einen Hehl gemacht - sinnvoll finde, weil es wenigstens eine kleine Anerkennung für diejenigen ist, die Kinder daheim betreuen. Ich würde es sogar erweitern und auch den Großeltern zahlen, wenn sie es sind, die ihre Enkelkinder in den beiden Jahren nach der Elternzeit - und nur um die geht es ja - versorgen (Wussten Sie eigentlich, dass man bereits vor Jahren Großeltern, die ihre Enkelkinder aufziehen, den Anspruch auf Pflegekindergeld gestrichen hat? - Eine Schande, wie ich finde)
Die Geschichte mit den Sportvereinen und Muskikschulen hat nichts mit dem Betreuungsgeld zu tun, wenngleich hier selbstverständlich auch Geld zur Verfügung gestellt werden muss. Das Betreuungsgeld hat war mit Gerechtigkeit zu tun: Wenn berufstätige Eltern die bis zu 80%ige Zuzahlung des Staates zu den Krippengebühren in Anspruch nehmen und Betreuungspersonen im eigenen Haushalt steuerlich absetzen können, so sollte das Selbstbetreuen verbunden sein mit wenigstens einer kleinen Honorierung.
Wenn es Förderung in dieser Richtung geben würde, könnten sich Schulen auch mit Vereinen zusammenschließen, die nachmittags Angebote machen. Viele Eltern können sich auch keinen Sportverein leisten, geschweige denn teure Ausrüstung.
An der Hürde, ein Musikinstrument zu kaufen oder Unterricht zu bezahlen sind meine Eltern damals schon gescheitert. Gäbe es auch in dieser Richtung Angebote in der Schule gäbe es auch Möglichkeiten, gebrauchte Instrumente von Älteren evtl aufzuarbeiten und weiterzugeben. Möglichkeiten gibt es viele, sie müssen nur einen Anschub und eine finanzielle Hilfe bekommen.
Gutscheine oder Betreuungsgeld braucht es nicht, sondern sinnvolle Hilfen.
Es gibt doch an den Schulen inzwischen noch nicht einmal mehr Fördertöpfe für Kinder, deren Eltern bestimmte Maßnahmen nicht einfach so bezahlen können. Ich denke da u.a. an das Cambrigde-Zertifikat, das man "preisgünstig" neben dem normalen Englischunterricht erwerben kann und ohne das kaum noch eine Firma jemanden einstellt bzw. man einen Studienplatz erhält. Es kostet die Eltern 125.-. Wer das nicht zahlen kann, HartzIV-Empfänger beispielsweise, der hat halt eben gelost, denn -und das ist auch ein Unterschied zu früher- kein Amt übernimmt diese Kosten. Die Chancenungleichheit erreicht inzwischen selbst diejenigen, die es trotz schlechter Bedingungen auf eine weiterführende Schule geschafft haben.
Noch mal zum Musikunterricht: Was nützt Eltern der Musikunterricht auf Gutschein, wenn sie kein Instrument für ihr Kind kaufen können.
Kann sich so jemand wie die im Bildungsbürgertum mit großer Selbstverständlichkeit aufgewachsene Ursula von der Leyen wohl kaum vorstellen, sonst würde sie nicht ständig so einen Unfug daherreden.
Die Kinder stammen auch noch aus einer Zeit als Eltern noch Eltern sein durften, die selbst entschieden was für ihre Kinder gut und richtig ist ;-)
Gutscheine...erinnert mich immer an Lebensmittelmarken, die man einlösen kann wenn man bedürftig ist. Klingt für mich abwertend. Da sieht man schon gleich, wer seine Musikschule auch ohne staatliche Hilfe bezahlen kann.
Ob Musikschule oder Sportverein, irgendwas sollten Kinder schon machen, denn nur zu Hause rumsitzen kann es ja auch nicht sein. Wenn Eltern sich solche Angebote nicht leisten können, sollten sie gefördert werden. Das finde ich erstmal nicht schlecht. Die Frage ist, wie das geschieht. Alles was getan wird, wird in diskriminierender Weise getan. Da kommt keiner auf die Idee, das kostenlose Angebote für alle z. B. nachmittags in der Schule stattfinden könnten. Förderung an der richtigen Stelle wäre schön, stattdessen wird immer nur schön gefärbt und Meinung gemacht.
Paging