Von Henrik Bork

Razzien, Angst und Totengebete - unten im Dorf geht die Armee auf Menschenjagd. Oben auf dem Berg klammern sich die Mönche an fromme Wünsche.

"Tashi deleg", flüstert Dorje. Er hat das schwere, dunkelrote Holztor des Klosters einen Spaltbreit geöffnet, gerade weit genug, damit der Gast hineinschlüpfen kann. "Tashi deleg" ist der Gruß der Tibeter. Es ist eigenartig, wie ganz einfache Worte in besonderen Zeiten ihren Klang verändern können.

Tibet-Konflikt, ap

Buddhistische Mönche in der chinesischen Provinz Yunnan: Auch ihre Klöster werden durchsucht. (© Foto: AP)

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Besonders warm klingt dieses Willkommen heute, auch ein wenig verschwörerisch. Es war nicht leicht, hierher zu kommen, und beide wissen das, der tibetische Mönch genauso wie der Reporter. Dorje bleibt noch einige Sekunden am Tor stehen und blickt vorsichtig hinaus in die mondhelle Nacht.

Es sind in der Tat besondere Zeiten hier im tibetischen Hochland, direkt an der Grenze zur "Autonomen Provinz Tibet". Unten im Dorf und hier oben in den Bergen hat eine Menschenjagd begonnen. Hunderte Polizisten und Soldaten der Volksbefreiungsarmee durchkämmen jedes Haus, jedes Kloster.

Sie suchen nach flüchtigen Mönchen aus Lhasa und den anderen tibetischen Gebieten, die auf den jüngsten Demonstrationen nach "Freiheit" gerufen haben. Den Mönchen, die geschnappt werden, drohen langjährige Gefängnisstrafen unter fürchterlichen Bedingungen.

Das Paradies macht dicht

Wegen der Fahndungsaktion muss der Name des Klosters ungenannt bleiben, und auch der Mönch Dorje heißt nicht wirklich Dorje. Das Kloster liegt auf einem der vielen Bergrücken in der "Autonomen Tibetischen Präfektur Diqing". Sie liegt in der Provinz Yunnan, weil Chinas Kommunisten das alte Tibet auf verschiedene Provinzen aufgeteilt haben.

Der chinesischen Volkszählung aus dem Jahr 2000 zufolge leben etwa 2,8 Millionen der insgesamt 5,4 Millionen Tibeter in den tibetischen Gebieten außerhalb der Autonomen Provinz Tibet, vor allem in den Provinzen Qinghai, Sichuan, Gansu und Yunnan.

Das kleine Dorf unterhalb des Klosters ist zu 90 Prozent von Tibetern bewohnt. Der Rest sind eingewanderte Han-Chinesen und Angehörige der Naxi-Minorität. Der schneebedeckte Gipfel des Meili-Berges glänzt in dieser Vollmondnacht am Horizont. Es ist ein angsteinflößend schöner Berg, 6740 Meter hoch, noch nie von einem Bergsteiger bezwungenen.

Zu normalen Zeiten führt der Weg hierher über das Touristennest Shangri-la. Das hieß bis vor einigen Jahren ganz profan Zhongdian, bis geschäftstüchtige Chinesen die zauberhafte Kraft entdeckten, die in einem Wort stecken kann. Mit "Shangri-la", diesem sagenumwobenen Schneeparadies, bewohnt von glücklichen Menschen, lassen sich viele Touristen anlocken.

Im Moment aber sind Touristen nicht willkommen, und ausländischen Journalisten wird der Weg ins Paradies erschwert. "Entschuldigung, Sie können heute nicht nach Shangri-la fliegen", sagt die Chinesin am Check-in-Schalter in Kunming. Einer der sechs Polizisten hinter dem Schalter hat zuvor den J-Stempel im Pass des Ausländers gefunden. "J" wie in Journalist. Trotz gültigen Tickets gibt es dann keinen Flug in Richtung Tibet.

Soldaten ohne Rangabzeichen

Es gibt aber Flüge in andere Orte, man kann mehrere hundert Kilometer über Bergpässe fahren, sich bei Mautstellen in den Rücksitz ducken. Endlose Kolonnen von Militärlastwagen rollen hier nachts in Richtung Tibet. "Das geht seit einer Woche jede Nacht so", sagt der Fahrer.

Die letzten hundert Kilometer kann man auf einem geliehenen Motorrad durch drei Militärkontrollen fahren, weil nicht nur einheimische Bauern vertrauenswürdig zu sein scheinen, sondern auch Menschen, die so daherkommen wie einheimische Bauern.

Die milchbärtigen Soldaten, die neben zwei grünen Militärlastwagen mit umgehängten Gewehren an ihrem Checkpoint stehen, sind höchstens 18 oder 19 Jahre alt. Der rote Stern vorne auf ihrer Mütze und die Rangabzeichen auf den Schultern sind abgetrennt worden. Das Volk soll nicht auf Anhieb sehen, dass hier die Volksbefreiungsarmee zu seiner Unterdrückung angerückt ist.

Das Volk ist aber nicht ganz so dumm, wie sich irgendein General gedacht hat. "Es ist die vierte Infanteriedivision aus Kunming", flüstert ein Tibeter im Dorf. Die letzten Kilometer kann man dann mit einer Taschenlampe bewaffnet den Berg hinaufsteigen, nachdem ein Kontaktmann versichert hat, dass die chinesischen Polizisten vor Anbruch der Nacht das Kloster verlassen haben. "Tashi deleg" also, herzlich willkommen.

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