Schon auf der Universität ist er in die Sozialistische Volkspartei eingetreten, hat Studentenpolitik gemacht, aber für Parteipolitik hat er heute keine Zeit mehr. Die Familie, die tägliche Arbeit im Amt ist einfach wichtiger. Århus zählt fast 300.000 Einwohner und ist die zweitgrößte Stadt Dänemarks. Die praktische Politik, also Pflegschaften organisieren, Stellenpläne verwalten, Therapien verbessern, den Fuhrpark der Behörde von Benzin- auf Elektroautos umstellen, soll ihn aber nicht daran hindern, groß und weiter zu denken. "Ohne Vision arbeitet man im Nichts", sagte er und setzt, zum besseren Verständnis das berlinische "Nüscht" nach.

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Hosea Dutschke ist der sprichwörtliche Begriff des "langen Marsches durch die Institutionen", zu denen sein Vater seine Genossen einst aufforderte, wohl geläufig, aber er arbeite lieber an kleinen lokalen Veränderungen, "für die Alten, für die Pflegebedürftigen", sagt er. "Es ist eher ein evolutionärer Marsch." Bei dieser Arbeit ist keine Gelegenheit für die großen Worte, mit denen sein Vater einst die Berliner Studenten begeisterte, sondern das tägliche Klein-Klein, "praktische Politik, ganz nah dranne am einzelnen Menschen". Er sagt wirklich "dranne", denn er ist doch Berliner.

Hosea Dutschke dürfte seit dem Minister Johann Friedrich Struensee (1737 bis 1772) der einzige Ausländer sein, der in der dänischen Hierarchie so weit aufgestiegen ist. Durch seinen Vater besitzt er die deutsche, durch seine Mutter die amerikanische Staatsbürgerschaft. Zwar rechnet er damit, demnächst auch die dänische Staatsbürgerschaft zuerkannt zu bekommen und sieht Århus als seine Heimat, aber eigentlich betrachtet er sich als Berliner. Er ist in Berlin geboren und hat später ein Jahr an der Freien Universität studiert. Bei jeder Landung spürt er sofort die besondere Luft dort.

An der Uni des Aufruhrs

Auf der Website der Kommune Århus herrscht eine "Kontrolfri Zone". Die Botschaft lautet: "Wir glauben an dich." Jeder Mitarbeiter darf sich hier äußern, darf Kritik üben, darf sogar, wenn ihm alles zu viel wird, an die Öffentlichkeit gehen und sich in der Zeitung über seine Vorgesetzten beschweren. "Wir glauben an die Meinungsfreiheit", sagt der Vorgesetzte von 7000 Mitarbeitern. Führt das nicht zu Intrigen und Denunziation? "Nein, überhaupt nicht." Und die Effizienz, leidet die nicht darunter? "Im Gegenteil, Offenheit fördert die Effizienz in der Verwaltung."

Hosea Dutschke zitiert einen Satz, den der damals noch linkspopulistische Liedermacher Wolf Biermann 1980 bei der Beerdigung Rudi Dutschkes sang: "Ein bisschen zu sanft, zu sanft wie alle Radikalen." Der Sohn muss ein außergewöhnlich sanfter Vorgesetzter sein. Er geht früher nach Hause, wenn seine Frau, die für das dänische Filminstitut arbeitet, wieder für eine Woche nach Kopenhagen muss, und kümmert sich um die beiden Kinder. Er will auch gar nicht mehr als 40 Stunden arbeiten, obwohl er viel unterwegs ist.

Als er seinerzeit ein Jahr an der Freien Universität in Berlin studierte, 25 Jahre nach seinem Vater, stellte er sich den Kommilitonen als "Hosea" vor, nichts weiter, aber die Professoren wussten natürlich, dass sie den Sohn des Mannes vor sich hatten, mit dem sie und für den sie vor Jahrzehnten auf die Straße gegangen waren. Die Auseinandersetzung um das Erbe von 1968 nimmt er am Rande und bestenfalls amüsiert wahr. "Das Leben ist zu kurz dafür. Ich will nicht in der Vorzeit leben. Was zählt, ist hier und jetzt." Hier und Jetzt ist Århus.

Sein Bruder Marek hat bei den Grünen kandidiert, vergeblich. Hosea interessiert das nicht. "Parteipolitik bleibt für mich im Keller unten. Kann sein, dass das noch kommt, aber im Moment ist das Wichtigste, was ich jetzt hier mache, und meine Familie, meine Kinder."

"Seltsam" ist das Wort, das ihm einfällt, wenn er an sich als das berühmte Baby denkt, als Teilnehmer an Ereignissen, die vor 40 Jahren alle aufwühlten. Er ist das auf den Bildern und ist es doch nicht. Nun, am 40. Jahrestag des Mordanschlags, wollen die stets kitschbereiten Grünen auch ein wenig vom Märtyrer-Nimbus des großen Vordenkers profitieren und veranstalten deshalb auf dem Kurfürstendamm in Berlin allen Ernstes eine "Fahrradniederlegung". Claudia Roth, Christian Ströbele sind dabei, auch Gretchen Dutschke. Hosea fährt nicht nach Berlin. Er hat einfach zu viel zu tun.

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