Zwei Monate danach versuchte Josef Bachmann, aufgehetzt nicht zuletzt durch die Parolen der Springer-Zeitungen, Dutschke umzubringen. Der wusste, dass er sich wegen seiner außerparlamentarischen Politik in Lebensgefahr befand, vertraute aber auf sein Glück. Er wollte ohnehin weg aus Berlin, den "politischen Kampf", wie auch immer, in Amerika fortsetzen. Die kleine Familie bereitete den Umzug vor und war für die letzten Wochen im Haus des evangelischen Pfarrers Helmut Gollwitzer untergekommen. Hosea-Che hatte sich erkältet, und so radelte sein Vater an jenem 11. April, es war der Gründonnerstag, zum Kurfürstendamm, um Nasentropfen zu holen.

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Die Apotheke blieb über Mittag geschlossen, er wartete, an sein Fahrrad gelehnt, als ein junger Mann auf ihn zutrat, fragte, ob er Dutschke sei und dann zu schießen anfing. Drei Kugeln, in den Kopf, in die Schulter. Dutschke sackte zusammen, schrie um Hilfe, schrie nach Vater und Mutter. Eilends wurde er ins Krankenhaus geschafft, am Kurfürstendamm zurück blieben das Fahrrad und ein Schuh. Während die Polizei den um sich schießenden Bachmann festnahm, wurde sein Opfer operiert und kam knapp mit dem Leben davon.

Jetzt war die Angst da, und die Flucht begann. Die gierigen Zeitungen wollten Bilder und Exklusivgeschichten vom Krankenbett des invalidisierten Studentenführers. Erst in der Schweiz, dann in Italien bei Feltrinelli und bei dem Komponisten Hans Werner Henze, sollte er sich erholen, das Baby Hosea immer dabei. Mühsam lernte Dutschke wieder zu sprechen, zu schreiben.

Nach Berlin wollte er nicht zurück, fand dann Aufnahme beim emigrierten Schriftsteller Erich Fried in London. In England lösten die Konservativen die Labour-Regierung ab, und wieder musste die Familie, inzwischen vergrößert um Polly-Nicole, das Land verlassen, bis sie Zuflucht in Dänemark fanden und Dutschke einen Lehrauftrag an der Universität Århus erhielt.

Sie waren keine gewöhnliche Familie und immer ein bisschen auffällig: "Wir hatten als Kinder mehr Rechte, wir waren an allem beteiligt", sagte Hosea Dutschke. Es war auch für das Skandinavien der siebziger Jahre ungewöhnlich, dass ihr Vater im Park mit ihnen Fußball spielte. Seine Mutter fuhr eine Zeitlang einen Mercedes, der mit Blumen in allen Farben bemalt war: "Es hat Spaß gemacht, aber manchmal fühlte man sich ein bisschen draußen." Gretchen Dutschke sorgte dafür, dass sie früh anfingen, biodynamisch und ökologisch bewusst zu essen.

Wie sein zwölf Jahre jüngerer Bruder Marek sieht Hosea Dutschke seinem Vater erstaunlich ähnlich. Er ist eher untersetzt, längst nicht so gestenreich wie der Mann, den er immer nur "Rudi" nennt, vielmehr sehr ruhig und geradezu fürsorglich bemüht, verstanden zu werden. Da er es am wenigsten gebraucht, spricht er Deutsch inzwischen weniger gut als Dänisch und Englisch. Aber es ist die Stimme, dieser gutturale, leicht bühnenhafte Singsang, fast ganz der Vater.

"Ein evolutionärer Marsch"

"Im Grunde bin ich ja Bürokrat", sagt Hosea, als hätte er die Pointe schon vorbereitet. Seit knapp zwei Jahren ist der junge Dutschke Verwaltungsdirektor für Pflege und Gesundheit, leitet also das Sozialreferat von Århus. Davor hat er Politikwissenschaft studiert, ist außerdem diplomierter Journalist, hat einen Film über die aus der russischen Gefangenschaft zurückgekehrten Nazis gedreht. Vor dem Abitur liebäugelte er kurz mit der Biologie, aber nur kurz, dann wusste er wieder, dass er seinem Vater und seiner Mutter nachfolgen und praktische Politik machen würde.

Lesen Sie auf Seite 3, wie Hosea Dutschke über eine Karrirere in der Politik denkt.

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