Studie zu gesellschaftlichem Zusammenhalt Was den Wir-Westen vom Ich-Osten trennt

Am stärksten ist der Gemeinsinn der Bertelsmann-Studie zufolge in Hamburg entwickelt (im Bild: Menschen genießen den Sonnenuntergang an der Elbe)

(Foto: dpa)

Toleranz, Heimatgefühl und Familiensinn haben für die Menschen in Westdeutschland einen höheren Stellenwert als im Osten. Seit der Wiedervereinigung ist der Unterschied beim Zusammenhalt sogar immer größer geworden. Die Forscher haben auch untersucht, woran das liegen könnte.

Von Jan Bielicki

25 Jahre nach dem Mauerfall gibt es immer noch eine Kluft zwischen West und Ost. Und sie ist seither noch tiefer geworden - jedenfalls, was den Gemeinsinn der Deutschen angeht: Die Westdeutschen halten einer neuen Studie zufolge gesellschaftlich deutlich besser zusammen als die Ostdeutschen. Danach sind die Menschen in den westlichen Bundesländern enger in ihre Familien und Freundeskreise eingebunden als die Bewohner der östlichen Länder, sie haben ein größeres Vertrauen in ihre Mitbürger und die staatlichen Institutionen, sie sind eher bereit, ihre Gesellschaft für gerecht zu halten, und auch Solidarität und Hilfsbereitschaft sind bei ihnen stärker ausgeprägt. Das geht aus einer umfangreichen Vergleichsstudie hervor, die an diesem Montag von der Bertelsmann-Stiftung vorgestellt wird und die der Süddeutschen Zeitung vorliegt.

Bei Toleranz und Heimatgefühl steht der Osten hinten

Mit Abstand am stärksten ist der Gemeinsinn demzufolge in Hamburg entwickelt. Auch die andere als Bundesland selbständige Hansestadt -nämlich Bremen -, das Saarland und die großen Flächenländer Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen stehen weit oben in der Rangliste des von Sozialwissenschaftlern der privaten Jacobs University Bremen zusammengestellten "Radars gesellschaftlicher Zusammenhalt".

(Foto: SZ-Grafik: Ilona Burgarth, Quelle: Bertelsmann-Stiftung)

Die fünf neuen Länder Brandenburg, Sachsen, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und als Schlusslicht Sachsen-Anhalt finden sich dagegen allesamt am Ende dieser Tabelle. Und wenig deutet darauf hin, dass sich daran etwas ändern könnte: "Die Kluft zwischen West und Ost ist aktuell sogar größer, als sie es unmittelbar nach der deutsch-deutschen Vereinigung war", schreiben die Bremer Forscher. Ob es nun um die soziale Einbindung, um das Heimatgefühl oder um die Toleranz gegenüber Ausländern geht - in vielen der vermessenen Teilbereiche sind die östlichen Bundesländer seither tendenziell weiter hinter dem Westen zurückgefallen.

Für seine Studie hat das Bremer Forscherteam um die Soziologen Klaus Boehnke und Jan Delhey Daten des Statistischen Bundesamtes, des Bundeswahlleiters und sechs weiteren nationalen und internationalen Erhebungen für einen Zeitraum von fast 25 Jahren ausgewertet. Dabei versuchten sie, den gesellschaftlichen Zusammenhalt anhand von 31 Einzelpunkten zu messen. In den so errechneten Zusammenhalts-Index gehen Zahlen wie Wahlbeteiligung oder die Häufigkeit bestimmter Delikte ein, vor allem aber die Ergebnisse von Umfragen und die dabei gegebenen Antworten von Bürgern auf Fragen wie: Bekommen Sie Hilfe durch Freunde und Bekannte? Wie stehen Sie zu Homosexuellen als Nachbarn? Wie stark sind Sie Ihrer Heimatregion verbunden? Wie groß ist Ihr Vertrauen in Justiz, Polizei oder Stadtverwaltung? Haben Sie im vergangenen Jahr Geld gespendet? Wie oft sind Sie in Ihrer Freizeit ehrenamtlich tätig? Haben Sie schon Abzeichen oder Aufkleber einer politischen Kampagne getragen?

Wohlstand fördert den Zusammenhalt

Nach den so ermittelten Kennzahlen liegt Hamburg in fast allen der für den Zusammenhalt wichtigen Eigenschaften - ob Vertrauen, Heimatgefühl oder gesellschaftliche Teilhabe - in der Spitzengruppe. Sachsen-Anhalt dagegen findet sich in fast jedem der untersuchten Teilbereiche auf den unteren Plätzen.

(Foto: SZ-Grafik: Ilona Burgarth, Quelle: Bertelsmann-Stiftung)

Einzige Ausnahme: An soziale Regeln halten sich Hamburger, aber auch Berliner oder Bremer deutlich weniger gerne als ihre Mitbürger aus ländlich geprägten Flächenländern. Das belegt die Kriminalitätsrate, die in Städten deutlich höher ist als auf dem Land. Das aber ändert nichts an der Tatsache, das Städter in der Tendenz besser vernetzt, vertrauensvoller und gesellschaftlich engagierter erscheinen als Landbewohner. Stadtluft fördert den Zusammenhalt demnach ebenso wie Wohlstand: Wo der Reichtum groß und die Armut klein ist, wächst der Studie zufolge auch der Zusammenhalt einer Gesellschaft.

Das Gleiche gilt für Regionen, in denen die Bevölkerung im Schnitt jünger und damit aktiver ist als etwa in den Abwanderungsgebieten Ostdeutschlands.

Das gilt innerhalb der Bundesrepublik genauso wie im internationalen Vergleich. Mithilfe ganz ähnlich gewonnener Kennzahlen hatten die Bremer Wissenschaftler bereits zuvor eine Rangliste des Gemeinsinns in 34 westlichen Industrieländern gebildet und im vergangenen Sommer veröffentlicht. Die Bundesrepublik kam darin auf Platz 14 und rangierte deutlich hinter Skandinaviern, Australiern und Nordamerikanern.

Die Sozialforscher widersprechen den Thesen Sarrazins

Damals stuften die Forscher vor allem wachsende Vorbehalte gegenüber Einwanderern als "Risiko für den Zusammenhalt" ein. Während Schwule und Lesben inzwischen auf deutlich mehr Verständnis stoßen als noch in den Neunzigerjahren, hat die Bereitschaft der Deutschen, Migranten die Sitten und Gebräuche ihrer Herkunftsländer pflegen zu lassen, demnach in den vergangenen 25 Jahren eher nachgelassen. Das halten die Bremer Wissenschaftler für "bedenklich" und sehen sich in dieser Einschätzung durch ihren innerdeutschen Vergleich bestätigt: Wo viele Einwanderer leben wie in Hamburg, Bremen oder Baden-Württemberg, ist der gesellschaftliche Zusammenhalt höher als in den östlichen Landstrichen der Republik mit ihrem niedrigen Migrantenanteil.

(Foto: SZ-Grafik: Ilona Burgarth, Quelle: Bertelsmann-Stiftung)

Einwanderung "in den gegenwärtigen Größenordnungen", so wenden sich die Sozialforscher gegen den Bestseller-Autor Thilo Sarrazin, "untergräbt in keiner Weise den gesellschaftlichen Zusammenhalt, wie Bücher wie ,Deutschland schafft sich ab' publikumswirksam suggerieren. Ganz im Gegenteil."

Insgesamt jedoch, das hat schon der internationale Vergleich ergeben, halten die Deutschen heute enger zusammen als noch vor 25 Jahren. "Das ist eine gute Entwicklung", sagt Liz Mohn, die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann-Stiftung. Denn noch eine Erkenntnis ihres internationalen Vergleichs sehen die Wissenschaftler auch innerdeutsch bestätigt: Wo eine Gesellschaft zusammenhält, sind die Menschen zufriedener mit sich und ihrem Leben. "Zusammenhalt bedeutet Glück", sagt Mohn, "ohne Bindungen kann man nicht glücklich werden." Und siehe da: Die im Schnitt unzufriedensten Deutschen leben in Sachsen-Anhalt, die zufriedensten in Hamburg - HSV und Schmuddelwetter zum Trotz.