Klaus Wowereit hatte ein einfaches Erfolgsrezept: Der SPD-Kandidat zweifelte nie am Erfolg. Der CDU-Verlierer Pflüger erlebt bittere Stunden und gibt sich kämpferisch.
Es ist kurz nach halb sieben, als Klaus Wowereit unter dem Jubel der Basis auf die Bühne im E-Werk steigt. Vor ihm geht der Berliner SPD-Chef Michael Müller auf das Podest, und dann ist da noch ein Mann. Es ist Jörn Kubicki, langjähriger Lebensgefährte des Regierenden Bürgermeisters, und manch einer fragt sich, was der Mann da oben zu suchen hat.
Berlins neuer alter Bürgermeister Klaus Wowereit mit seinem "First Gentleman". (© Foto: ddp)
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Zu dritt stehen sie da oben und nehmen die Ovationen der Genossen entgegen, dazu dröhnt aus den Lautsprechern laute Techno-Musik. Es dauert ein bisschen, doch dann erklärt Wowereit den Auftritt seines Freundes an diesem Wahlabend. Der CDU-Spitzenkandidat Friedbert Pflüger, so Wowereit, habe am Samstag im Fernsehen gesagt, Berlin warte auf eine First Lady.
Applaus für den First Gentleman
Und nun soll der Auftritt des First Gentleman wohl die Replik darauf sein. Wowereit sagt: "Wir haben Jörn, und das ist auch gut so." Dafür gibt es lauten Applaus, und man hat fast den Eindruck, dass er lauter ist als der für das Wahlergebnis.
Am Anfang seines Auftritts hatte Wowereit einen Satz gesagt, der die ansonsten eher zurückhaltende Stimmungslage des Regierenden an diesem Abend wohl am besten auf den Punkt bringt. "Ohne die SPD kommt keine Regierung zustande." Von einem guten Erfolg war die Rede, nicht jedoch von einem großartigen Ergebnis. Und in der Tat hat sich das Ergebnis der SPD im Rahmen dessen gehalten, was sie seit längerm erwartete.
Bereits am Vormittag, als Wowereit in einer Grundschule im Bezirk Charlottenburg seine Stimme abgab, hatte es eine kleine Szene gegeben, die bezeichnend war für diesen Wahltag. Zunächst hatte sich Wowereit mit seinem Freund Jörn Kubicki durch den Pulk der Kameraleute und Fotografen gedrängt und dann seine Stimme abgegeben.
Als er nach einigen Minuten wieder vor das Backsteingebäude trat, wurde dem erstaunten SPD-Spitzenmann bereits der erste Blumenstrauß in die Hand gedrückt, gewissermaßen im Vorgriff auf das erwartete Ergebnis.
Schnörkellose Einsilbigkeit
Die Siegesgewissheit unter den Berliner Sozialdemokraten ging sogar so weit, dass man sich in der Parteizentrale sorgte, ob genügend Anhänger am Sonntag zu den Wahlurnen gehen würden. Und sogar dem Bürgermeister war eine gewisse innere Nervosität anzumerken, als er am Sonntagvormittag zu Fuß von seiner Wohnung am Kurfürstendamm zu seinem Wahllokal geschlendert kam.
Auf die Frage, was er an diesem Tag seinem CDU-Konkurrenten Friedbert Pflüger wünsche, antwortete der sonst so schlagfertige, ranghöchste Sozialdemokrat mit einer schnörkellosen Einsilbigkeit: "Gar nichts."
Die Berliner SPD zumindest hat voll und ganz auf ihren Spitzenkandidaten gesetzt und offensichtlich auch Erfolg gehabt. Wowereit war in den Umfragen in Berlin sogar so erfolgreich, dass die Parteizentrale es für nötig befand, die Wähler in den letzten Tagen mit einem Aufkleber an Folgendes zu erinnern: "Wer Klaus Wowereit will, muss SPD wählen", wurde überall plakatiert.
Am Ende hat es dann also gereicht für den umstrittenen Politiker, der als Chef einer rot-roten Koalition vor fünf Jahren gestartet war, schnell das Image des Regierenden Partymeisters kultivierte, dazu den harten Finanzsanierer gab und sich jetzt gern wie der Sonnenkönig von Berlin präsentiert.
Eine grüne Alternative
Mit wem Wowereit koalieren will, hat er immer offen gelassen. Er selbst wollte sich am Wahlabend noch nicht festlegen, wohl auch, weil die Hochrechnungen noch nicht stabil genug waren und am Ende vielleicht doch noch die von allen Beteiligten am wenigsten favorisierte Dreierkonstellation Rot-Rot-Grün herauskommen könnte.
Insgeheim favorisieren die Genossen wohl eine Neuauflage der rot-roten Koalition, auch weil die vergangenen fünf Jahre trotz des harten Sparkurses doch relativ harmonisch verlaufen sind. Doch angesichts der schweren Verluste ist durchaus offen, ob Wowereit davon einen neuen Regierungsauftrag ableiten kann.
Der sichtlich geschockte Linkspartei-Spitzenkandidat Harald Wolf sprach angesichts der Verluste von fast zehn Prozent von einer "herben Niederlage" und fügte in seiner trockenen Art hinzu: "Das ist ein Ergebnis, das absolut nicht befriedigend ist."
Fernab von allen Partys und ein bisschen verloren im Treppenhaus des Berliner Abgeordnetenhauses steht Thilo Sarrazin, der Finanzsenator der Hauptstadt. Er hat sich in den letzten Jahren einen Namen als gestrenger Zuchtmeister und Sparkünstler dieses überschuldeten Bundeslandes gemacht und ist alles andere als ein sozialistischer Träumer.
"Viel Disziplin"
Wenn man ihn aber fragt, mit wem die SPD jetzt koalieren soll, dann empfiehlt er leise, aber deutlich die Linkspartei. "Eine Beziehung, die funktioniert, sollte man nicht unnötig beenden", sagt er. "Mit einer neuen geht man nur neue Risiken ein."
Die Linkspartei immerhin habe in den letzten Jahren "viel Disziplin" an den Tag gelegt. "Ich hatte da sehr zuverlässige und kompetente Gespächspartner."
Ein paar Meter weiter steht ein Mann, der solche Töne gar nicht gern hört. Volker Ratzmann ist Fraktionschef der Berliner Grünen und hastet gerade von einer Wahlparty zur nächsten. Schließlich haben die Grünen ihr bisher bestes Wahlergebnis in Berlin erreicht. Der Jubel ist groß.
"Das Wahlergebnis zeigt ganz klar, dass die PDS im Senat von den Bürgern nicht goutiert wird", sagt Ratzmann, der jetzt vor allem eines will: rein in die Landesregierung und weg von Rot-Rot. "Wir müssen Politik für die Stadt machen, nicht für die Bequemlichkeit der SPD."
Und die Verlierer, das sind natürlich immer die anderen. Als CDU-Spitzenkandidat Friedbert Pflüger sich in eines der Wahlstudios durchkämpft und dann schwitzend im gleißenden Scheinwerferlicht steht, da lachen die Leute im Studio laut, als er versucht, seine Niederlage zu einem kleinen Sieg umzudeuten:
"Der Wahlkampf war natürlich zu kurz, aber jetzt ist die CDU wieder da", verkündet der 51-Jährige. Egal in welcher Rolle, die Berliner CDU wird eine wichtige Rolle spielen, sagt er noch. Dann gehen die Scheinwerferlichter wieder aus. Die Kandidaten schütteln sich die Hände. Und Friedbert Pflüger steht plötzlich allein.
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(SZ vom 18.9.2006)
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